Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

788
National-socialer Verein - Naumann
anerkennt, aber doch auf eine größere Selbständig-
keit Ungarns, eigenes Zollgebiet, eigene Notenbank,
hinarbeitet, das magyar. Nationalitätsprincip noch
schärfer betont als die liberale Partei und auch die
Einführung der ungar. Armeefprachc bei den ungar.
Regimentern anstrebt, im übrigen aber die Regie-
rung aus personlichen Motiven bekämpft.
National-socialer Verein, eine aus der Christ-
lich-socialen Partei (s. d.) hervorgegangene Ver-
einigung, die 23. bis 25. Nov. 1896 unter Führung
von Naumann, Göhre und Sohm in Erfurt ihre erste
konstituierende Versammlung abhielt. Im Gegen-
satz zur Socialdemokratie, an deren Seite der Ver-
ein für die Hebung der Lage der arbeitenden Klaffen
kämpfen will, steht er auf nationalem und christl.
Boden. Er fordert daher in seinem Programm eine
feste und stetige auswärtige Politik, gesetzlich festzu-
legende ungeschmälerte Durchführung der allge-
meinen Wehrpflicht, angemessene Vermehrung der
deutschen Kriegsflotte, Erhaltung und Ausbau der
deutschen Kolonien. Daneben aber auch Reformen
im Innern: Ausdehnung des allgemeinen Wahl-
rechts auf Landtage und Kommunalvertretungen,
Vereinsfreiheit und Vergrößerung des Anteils der
arbeitenden Klassen an dem Gesamterträge der
deutschen Voltswirtschaft durch fortgesetzte polit.,
gewerkschaftliche und genossenschaftliche Arbeit auf
Grund der bestehenden Zustände. Organe des
N. V. sind die von Pfarrer Naumann herausgegebene
Wochenschrift "Hilfe" und die täglich erscheinende
Natriumfluat, s. Fluate. "Zeit".
Natschewitsch, Gregor Dimitrow, bulgar.
Staatsmann, geb. 3. Febr. 1845 in Siötov, studierte
in Konstantinopel und Paris, mußte 1867 das Va-
terland wegen Teilnahme an einer Verschworung
verlassen und lebte als Kaufmann in Wien bis zum
Ausbruch des Russisch-Türkischen Krieges von 1877.
Unter der russ. Occupationsverwaltung war er Re-
dacteur der "Nlrrit^a" in Philippopel, dann Präsi-
dent des Gubernialrates von Sofia und auf der
konstituierenden Nationalversamnüung von Tirnova
1879 einer der Führer der Konservativen. Seitdem
im Staatsdienst und als ökonomischer Schriftsteller
unermüdlich thätig, war N. 1881 - 82 Finanz-
minister in den Kabinetten Burmow und Klimmt,
1882-83 Minister des Innern und später Finanz-
minister in drei Kabinetten der Vollmachtsperiodc
Alexanders. Später fungierte er als Vertreter Bul-
gariens in Bukarest, war Minister des Äußern unter
der Regentschaft 1886-87, unter Fürst Ferdinand
Vertreter in Wien und wieder zweimal Finanz-
minister im Ministerium Stambulow, bis zum Nov.
1892, worauf er sich von Stambulow trennte. Nach
dessen Sturz trat er im Mai 1894 als Minister des
Äußern in das Kabinett Stoilow ein, vertauschte
jedoch sein Portefeuille im Febr. 1896 mit dem für
Handel und Ackerbau. smeindesteucrn.
Naturaldienste der Steuerpflichtigen, s. Ge-
^ Naturalismus, in der Kunst die völlige
Unterwerfung der Kunstwerke unter die erscheinende
Natur. Der Ausdruck entstammt den religiösen
Streitigkeiten des 16. Jahrh, und bezeichnet ursprüng-
lich die Gegnerschaft gegen eine übernatürliche Offen-
baruug (Supranaturalismus). Im Sprachgebrauch
unserer Klassiker bedeutet N. im ästhetischen Sinne
das Verhalten des natürlichen noch nicht technisch
geschulten Talents zu den Aufgaben der Kunst. Im
19. Jahrh, wird der Ausdruck gebraucht zur Bezeich-
nung eines engen Anschlusses an die Begriffe der
Naturwissenfchaften, speciell der mechan. Naturlehre.
Eine strenge Beobachtung des Thatsächlichen wird
für die naturalistische Kunst gefordert. Durch die
Ausbildung des N. im Roman, namentlich in Frank-
reich, tritt der N. zugleich in ein enges Verhältnis
zur Zeit, ihren Kämpfen und Sorgen; vornehmlich
ihre socialen Probleme möchte er in ihrer ganzen
Kraft auf uns wirken lassen. Für die Ausbildung der
naturalistischen Theorie ist besonders Zolas "Noman.
6xp6rim6ntHi" (1880) zu nennen. Der deutsche N.,
der seit den achtziger Iabren sich in der Litteratur
bemerkbar macht, knüpft in Praxis und Theorie be-
sonders an Zola an und hat den extremsten theore-
tischen Ausdruck erhalten in der Formel des konse-
quentesten Naturalisten oder Realisten Arno Holz:
"Kunst ^ Natur - x", das heißt die Kunst ahmt die
Natur nach, soweit es ihre Mittel gestatten, worin
zugleich der Gedanke liegt, daß die Kunst der Natur
gegenüber ein Minus enthalte, und die Forderung,
der Natur möglichst nahe zu kommen.
^Naturgas. Da das N. in verschiedenen Erd-
ölbezirken mit einem Druck von 20 bis 80 Atmosphä-
ren aus dem Boden entströmt, so hat neuerdings
die Firma Lancaster & Elsick in Marion, Indiana,
die bei der Ausdehnung des N. entstehende starke
Temperaturerniedrigung zur Fabrikation von künst-
lichem Eis benutzt. Ein amerik. Gasbrunnen mitt-
lerer Größe liefert täglich 465000 odm Gas und
kann, wenn diefes beim Austritt 20 Atmosphären
Druck besitzt, zur Erzeugung von 50 t Eis pro Tag
verwendet werden. Hat das Gas seine Funktion in
der Eismaschine vollendet, so wird es weiter dorthin
geleitet, wo es zur Beleuchtung oder Heizung dient.
"Naubert, Friedr. Aug., starb 26. Aug. 1897
in Neubrandenburg.
Naumann, Friedrich, Socialpolitiker, geb.
25. März 1860 in Störmthal bei Leipzig, studierte
in Leipzig und Erlangen, war 1883-85 Oberhelfer
im Rauhen Hause bei Hamburg, 1886-90 Pastor
in Langenberg bei Glauchau, 1890-94 Vereins-
geistlicher für innere Mission in Frankfurt a. M.
und trat dann als Vereins geistlich er in den Dienst
der Südwestdeutschen Konferenz für innere Mifston.
Seine Hauptarbeit als Führer der "Jungen" in der
Ehristlich-socialen Partei (s. d.) ist die Herausgabe
des evang.-socialen Wochenblatts "Die Hilfe", dem
im Sept. 1896 noch die Zeitung "Die Zeit" (1897
wieder eingegangen) zur Seite trat, und die Agita-
tion für einen christl. und nationalen Socialismus.
Doch ist N. nicht Socialist in dem Sinne, daß er für
die Abschaffung des privaten Grund- und Kapital-
eigentums einträte; das private Unternehmertum,
hält er für unentbehrlich, verlangt aber viel grö-<
ßere Berücksichtigung der Interessen der arbeiten--
den Klassen, tritt für Koalitionsfreiheit, Gewinnbe-!
teiligung, für Besserung der Wohnungsverhältnisse,!
für weitgehende Vermögenssteuern u. s. w. ein. Die
Rolle des Großgrundbesitzes hält er heute in polit.
und wirtschaftlicher Hinsicht für ausgespielt und wirkt
für Parzellierung in kleine Bauernstätten. Der
Grundgedanke seiner Wirksamkeit ist, daß sich die
Gebildeten an der socialistiscben Bewegung beteiligen
müssen, damit diese ein Element nationalen Fort-
schritts werden kann. Er erkennt die realisierbaren
Forderungen der Arbeiterbewegung an, insbesondere
der Gewerkschaften und Genossenschaften, und billigt
den Klassenkampf der Besitzlosen, soweit er gesetzlich
verläuft. Die republikanischen Ideen der Social-
demokratie lehnt N. völlig ab. Die Erneuerung des