Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Merck's Warenlexikon

Autorenkollektiv, Verlag von G. A. Gloeckner, Leipzig, Dritte Auflage, 1884

Beschreibung der im Handel vorkommenden Natur- und Kunsterzeugnisse unter besonderer Berücksichtigung der chemisch-technischen und anderer Fabrikate, der Droguen- und Farbewaren, der Kolonialwaren, der Landesprodukte, der Material- und Mineralwaren.

Schlagworte auf dieser Seite: Rohr

463

Rohr - Rohr

Reval. Es wird hauptsächlich russisches und polnisches Korn verschifft, dann solches von Preußen und Pommern; das beste wird aus Weißrußland zugeführt. Die Sendungen gehen nach Holland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Hamburg. England baut fast gar keinen R., führt aber immer etwas ein aus Rußland, Preußen und den Vereinigten Staaten. Nordamerika baut R. für seinen Bedarf, macht aber keinen starken Handelsartikel daraus. Was von solchem überseeischen R. nach Hamburg gelangt, wird als gute Ware gern gekauft. Weiteres über R. s. unter Getreide. - Zoll s. Tarif im Anh. Nr. 9 a.

Rohr, spanisches (Stuhlrohr, Rotang, frz. canne de Bengale; holl. spaansch riet; engl. Rattan), ein Artikel, der in häufigster Anwendung als Stuhlgeflecht zur Verwendung kommt, ferner zu andern Flecht- und Korbwaren, gefärbt zu Regenschirmrippen und sonst als Surrogat für Fischbein, zum Teil auch zu Spazierstöcken und besonders als praktisches Erziehungsmittel. Er ist ein Naturprodukt des heißen Ostindiens und stammt von Gewächsen, für welche wir in unsrer Natur kein Gegenstück haben. Es sind die schlanken Stämme oder Triebe mehrerer Arten des Geschlechts Calamus (C. Rotang, C. C. verus, C. rudentum u. a.), die ihrer Natur nach eine Abteilung der natürlichen Familie der Palmen bilden, nämlich der Rohrpalmen, in ihrem Habitus aber von dem gewöhnlichen Begriff einer Palme ganz abweichen, denn es sind Klettergewächse und zwar solche, die mit ihren dünnen, strangartigen, hakigdornigen, langen Stämmen bis zu den Gipfeln der höchsten Bäume reichen. Die Blätter bilden nicht, wie bei den übrigen Palmen, eine gipfelständige Krone, sondern sind längs des ganzen Stammes befestigt.

Diese Gewächse finden sich in allen feuchten Wäldern des Indischen Archipels, in bester Beschaffenheit aber auf Borneo, Sumatra und auf der Malaiischen Halbinsel. Die Eingeborenen, welche sich mit der Beischaffung des Rohrs aus den Wäldern befassen, brauchen dazu lediglich ein Hackmesser. Das geschlagene Rohr wird zu unterst auf ein kurzes Stück abgeschält, dann in eine Kerbe gelegt, die in einen Baumstamm geschnitten wurde, und kräftig durchgezogen. Damit ist das ganze Rohr, so weit es von gleicher Dicke ist, in einem Zuge von Oberhaut, Blättern und Dornen befreit.

Hat der Sammler eine Tracht von 3-400 Rohren beisammen, so bindet er sie in Bündel von hundert Stück, die in der Mitte zusammengebogen sind, sodaß die Bündel nur die halbe Länge der Rohre haben. Nachdem die Rohre trocken geworden, sind sie Marktware, und zwar aus erster Hand eine sehr wohlfeile. In Borneo z. B. gelten hundert Bündel, also 10000 Stück, fünf spanische Dollar. Die Eingeborenen verkaufen immer nach der Zahl, die Zwischenhändler dagegen nach Gewicht, nach dem Pikul (à 57½ kg.), auf welchen je nach der Stärke neun bis zwölf Bündel gehen.

Den Produktionsplätzen nach unterscheidet man: Banjermassing-Rotang aus Süd-Borneo, die beste Sorte, nächst diesem Patna-Rotang aus Bengalen, Bataks-Rotang aus Sumatra und Malay-Rotang von verschiednen Inseln. Pulo-Penang, Singapore und Batavia sind die Hauptausfuhrplätze für Rotangrohr. Das R. geht nicht nur in Menge nach Europa und außerdem nach Bengalen, sondern in den größten Mengen wird es von den Chinesen nach ihrem Lande geführt, wo enorme Mengen davon verbraucht werden. Man fertigt dort und in Japan daraus tausenderlei Dinge, selbst Schränke und Schubladen. Alles Tauwerk der chinesischen und andrer nationalen Fahrzeuge der östlichen Meere besteht aus diesem Rohr. Die holländische Handelsgesellschaft exportiert jährlich von Java und den andern holländischen Inseln etwa 400000 Bündel; die Engländer erhielten 1867 von ihren Besitzungen 72942 dergleichen. Die Ware kann oft im unteren Schiffsraum als Füllmaterial frachtfrei mitgegeben werden.

Blaßgelbe Farbe ist ein Zeichen der Güte derselben, da dunkelfarbiges gewöhnlich brüchig ist. Auch muß ein gut geschlossener, glasiger Überzug vorhanden sein, der beim Biegen nicht abspringen darf. Das gewöhnliche dünne, gelbliche R., Stuhlrohr, nennt man wohl auch weibliches, und versteht dann unter männlichem dickeres, dunkelfarbiges, mit enger stehenden Knoten, das zu Spazierstöcken dient. Das rohe R. hat noch seine ringförmigen Knoten, welche beim gereinigten durch Schaben oder auch durch Schleifen auf besonderen Maschinen entfernt worden sind. Das nicht in ganzen Stäben zu verwendende R. wird in eigenen, gewöhnlich in den Hafenstädten befindlichen Geschäften durch Zerschneiden, Spalten, Hobeln, Ziehen in die verschiednen Gebrauchsformen, Stuhl-, Korsetrohr, Rieten für Webstühle etc. gebracht. Die dünnsten, schnurenförmigen Streifen heißen Schnur- oder Putzrohr und dienen in der Putzmacherei als steifendes Material. Die hellsten Sorten Stuhlrohr sind durch Schwefeldämpfe gebleicht. -

Eine von dem eben beschriebenen, sogenannten spanischen R., ganz verschiedne Sorte führt denselben Namen, stammt aber von keiner Palme, sondern von der größten europäischen Grasart, Arundo Donax, in ganz Südeuropa heimisch; es wird auch Pfahlrohr oder Schalmeirohr genannt und zu ähnlichen Zwecken verwendet, wie die asiatische Ware. Einen nicht unwichtigen Handelsartikel bildet ferner das gemeine Teichrohr (Schilf-, Deckenrohr, Dachrohr, Rohrschilf), Phragmites communis; es findet seine Hauptbenutzung zum Berohren von Zimmerdecken und Wänden, als Rohrmatten zum Belegen der Frühbeetfenster u. dgl. Der Ertrag beläuft sich je nach Dichtigkeit des Standes pro ha Teich oder Seeufer auf 120-300 Gebinde von 75-80 cm Umfang. Hiervon wird aufgebunden als Dachrohr 25-35%, als Mauerrohr 45-60%; der Rest ist Streu. Man bezahlt für Mauerrohr sieben bis neun Mark pro Hundert. Die Arbeitskosten betragen ungefähr ein Drittel des Bruttoertrags. -

Spanisches, sowie gewöhnliches Teichrohr und Pfahlrohr in rohem Zustande sind zollfrei; gespalten, gebeizt, geschnitten etc. zu unmittelbarer Benutzung gem. Tarif Nr. 13 d. Grobe Körbe aus R. Nr. 13 d, andre Waren Nr. 13 g. Hüte aus Rohrgeflecht Nr. 35 d 1.