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Handbuch der Drogisten-Praxis

Gustav Adolf Buchheister, Verlag von Julius Springer, Berlin, 3. Auflage, 1893

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A. Farbwaaren für die Färberei.

und luftbeständig sind. Die Beseitigung dieser unangenehmen Eigenschaft wird wohl niemals gelingen, denn sie beruht auf der grossen Komplizirtheit ihrer Zusammensetzung. Ihre Ausgiebigkeit ist beim Färben eine so fabelhaft grosse, wie diese wohl kaum von einem anderen Farbstoff erreicht wird. Wir können hier die Darstellung der zahllosen Theerfarben, ebenso ihre Zusammensetzung nur ganz oberflächlich betrachten, einmal weil die Darstellung eine sehr verwickelte, häufig auch geheim gehaltene ist, anderentheils weil die chemischen Vorgänge dabei so zusammengesetzte sind, dass sie eine genaue Kenntniss der organischen Chemie voraussetzen. - Die Bestandtheile oder auch Umsetzungsprodukte des Steinkohlentheers, aus welchen die Farben dargestellt werden, sind das Anilin, Toluidin, Phtalein, Phenol, Naphthalin und das Anthracen. Der wichtigste und früher auch der einzigste der genannten Körper ist das Anilin, auch Amidobenzol oder Phenylamin (C6H7N) genannt (s. chemische Abth.). Dasselbe wurde schon in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts bei der trockenen Destillation des Indigo entdeckt, und hiervon stammt auch der noch heute gebräuchliche Name Anilin, da "Anil" im Spanischen Indigo bedeutet. Später fand Runge im Steinkohlentheer denselben Stoff und nannte ihn Kyanol wegen einer blauen Reaktion, die derselbe mit Chlorkalklösung gab. Noch später lernte man ihn durch Desoxydation des Nitrobenzols künstlich herstellen. Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre waren es namentlich die grossartigen Untersuchungen von Professor A. W. Hofmann, welche darauf hinwiesen, wie werthvoll das Anilin für die Farbenfabrikation werden könne. Von da ab datiren die ersten Anfänge dieser Industrie, die sich heute zu einem der wichtigsten Zweige der chemischen Technologie entwickelt hat. Namentlich ist es Deutschland, welches neben England und Frankreich den bedeutendsten Theil der ganzen Fabrikation an sich gerissen hat. Der jährliche Export Deutschlands an Theerfarben wird auf über 30 Millionen Mark veranschlagt.

Das Anilin ist im Steinkohlentheer selbst in so geringen Mengen enthalten und so schwierig zu isoliren, dass man die direkte Darstellung desselben aus dem Theer ganz aufgegeben hat und es nur aus dem Benzol des Handels (s. d.) darstellt. Das Benzol wird zuerst durch Behandlung mit konzentrirter Salpetersäure in Nitrobenzol (s. d.) übergeführt und dieses dadurch in Anilin umgewandelt, dass man es mit Wasserstoff in statu nascendi, d. h. im Augenblick des Entstehens, in Berührung bringt. Der Wasserstoff wirkt in der Weise reduzirend, dass er sich mit dem Sauerstoff der Nitroverbindung zu Wasser verbindet und dann an die Stelle des Sauerstoffs selbst tritt. Auf diese Weise wird aus dem Nitrobenzol C6H5(NO2)^[C_{6}H_{5}(NO_{2})] das Anilin C6H7N^[C_{6}H_{7}N] hergestellt. Die Umwandlung geschieht fabrikmäßig in der Weise, dass man das Nitrobenzol in einem hohen Kessel, welcher mit Rührvorrichtung versehen ist, mit Eisenfeile mengt und nun nach und nach auf je 100 kg Nitrobenzol 5-10 kg Salzsäure zufliessen lässt. Die Umwandlung beginnt sofort unter so starker