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Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

Schlagworte auf dieser Seite: Mittel- und Nord-Europa

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Mittel- und Nord-Europa.

In der älteren Steinzeit, in welcher der Mensch noch hauptsächlich von der Jagd lebte, beginnen die Erscheinungen eines "Kunsttriebes" mit dem Einritzen und Einkerben von Verzierungsmustern (Punkten, Linien, geometrischen Figuren) in Knochen, dann folgt das Schnitzen von Gestalten aus Bein (und zwar sind es fast durchwegs weibliche), zuletzt die Umrißzeichnung von Tieren und Menschen auf Stein.

In der jüngeren Steinzeit werden die Menschen seßhaft, wenden sich dem Ackerbau und der Viehzucht zu, und zeigen sich Anfänge einerseits einer gesellschaftlichen Ordnung, andererseits der Entwicklung religiöser Vorstellungen. In ersterer Hinsicht spielt das Weib als "Mutter" die Hauptrolle, in letzterer wird der Glaube an die Fortdauer der Seele des Toten maßgebend. Mit der Ausbildung des "Geisterglaubens" steht im Zusammenhang das Aufkommen von "Idolen", d. h. Nachbildungen von menschlichen, auch tierischen Gestalten, in welche man den "Geist" gebannt sich vorstellte. In diesem Zeitraum wird daher das Formen von Menschen- und Tierfiguren, namentlich aber weiblichen Gestalten, gepflegt, wobei jedoch nicht mehr wie in der älteren Zeit Naturtreue angestrebt wird, sondern die Einbildungskraft sich in Abänderung der natürlichen Formen bethätigt. Zu den altherkömmlichen Stoffen, Stein und Bein, tritt nun auch der gebrannte Thon.

Mit der errungenen Kenntnis der Metallbearbeitung - zuerst Kupfer (Bronze), dann Eisen - entwickelt sich die Fertigkeit im Herstellen von Geräten, Waffen und Schmucksachen mit besser ausgebildeten Verzierungen; die Figuren werden naturgetreuer geformt, die Zeichnung schreitet zur Malerei vor.

In der sogenannten Bronze-Zeit und in der Eisen-Zeit finden wir daher, wenn auch noch keine "hohe" oder "neue" Kunst, doch das "Kunst-Gewerbe" auf einer beachtenswerten Stufe, die Erzeugnisse sind oft geschmackvoll und können zum Teil auch unseren Anschauungen von "Schönheit" entsprechen. Eine Reihe von Abbildungen, die den Entwicklungsgang kennzeichnen, habe ich schon im elften Abschnitt (Fig. 2-7) gegeben.

^[Abb.: Fig. 75. Ergänzung des Musters der Saaldecke von Orchomonos.]