Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Illustrierte Kunstgeschichte

Johannes Emmer, Deutsche Volksbibliothek A.-G., Berlin, ohne Jahr [1901]

113

Die hellenische Kunst.

Hauptverdienst als Bahnbrecher gebührt doch den Aelteren. Die verständnisvolle Verwertung der Eigenschaften des Marmors ist bei Skopas noch ausgebildeter als bei Phidias und dessen Nachfolgern; er weiß den Stein so zu behandeln, daß man den Eindruck lebendigen Fleisches gewinnt. Doch nicht in dieser mehr äußerlichen Kunstfertigkeit liegt die Bedeutung des Meisters, sondern in der wirkungsvollen Wiedergabe der inneren Seelenvorgänge. Diese prägen sich in den Gesichtern seiner Gestalten mit einer Deutlichkeit aus, wie sie bisher nicht erreicht worden war. Skopas liebte die Darstellung leidenschaftlicher Bewegung und brachte diese nicht nur in den Köpfen, sondern auch in der ganzen Haltung meisterhaft zum Ausdruck.

Praxiteles und seine Werke. In diesem Punkte unterscheidet er sich von Praxiteles, der die Darstellung ruhiger Zustände bevorzugt. Diese erfordert im Grunde eine höhere Kunst, als jene einer lebensvollen Handlung; der Eindruck einer stark bewegten Gestalt ist unmittelbarer; es wirkt da alles zusammen, um den Gedanken des Künstlers zu verdeutlichen; um einen Seelenzustand in ruhiger Haltung dem Beschauer zum vollen Bewußtsein zu bringen, muß der Meister noch feiner und schärfer die entscheidenden Züge herausarbeiten.

Ruhige Klarheit und edles Maß zeichnet die Werke des Praxiteles aus; und seiner künstlerischen Eigenart mußte daher auch die Darstellung des anmutigen, von zarten Gefühlen und sinnlichen Empfindungen bewegten Weibes besonders zusagen.

Das "Weibliche". Praxiteles war der erste, welcher die volle Schönheit des weiblichen Körpers - ob er ihn nun bekleidet oder entkleidet gab - in einer so reinen und keuschen Weise darstellte, daß die sinnliche Erscheinung bei aller Menschlichkeit geadelt und ins Erhabene gerückt erscheint. Die Köpfe seiner Aphroditen sind von einem Liebreiz, welcher das Gemüt tief ergreift, es ist der Ausdruck der reinsten "Weiblichkeit an sich".

Der Zug von Anmut und Lieblichkeit kehrt auch in seinen jungen männlichen Gestalten wieder. Wie Polyklet das "Männliche" auf seine weiblichen Figuren (Amazonen) übertrug, so finden wir bei Praxiteles den umgekehrten Vorgang; er bildet seine Jünglinge aus dem "Weiblichen" heraus. Daß er auch kraftvolle, gereifte Männlichkeit darzustellen vermochte, dafür würden zwei Werke zeugen: Sophokles und der bärtige Dionysos, die ihm zugeschrieben werden, von denen uns allerdings nur Nachbildungen überkommen sind.

Praxiteles kann gewissermaßen als Schöpfer der beiden Urbilder (Typen) der Aphrodite und des Dionysos, des Rein-weiblichen und des Männlich-weiblichen, betrachtet werden, welche in der Kunst der Folgezeit eine so hervorragende Rolle spielen. Auch die Einführung der Geleitschaftszüge (Thiasos) der Götter geht wohl hauptsächlich auf ihn zurück, obwohl schon Skopas einen solchen in der Gruppe geschaffen hatte, welche die Ueberführung Achills nach der Insel der Seligen darstellte. Hier erschien der Gott Poseidon schon mit einem Gefolge von Fabelgestalten, Tritonen und Nereïden. Jedenfalls aber ist es Praxiteles, welcher die dionysische Gefolgschaft der Bacchanten, Mänaden, Satyre und Nymphen als Gegenstände künstlerischer Darstellung zuerst in ausgedehnterem Maße verwertete.

Eigenart der neuen Richtung. Gegenüber Phidias, welcher das Göttlich-Erhabene und Menschlich-Ernste in seinen Werken darzustellen sucht, erscheint Praxiteles als Vertreter der Richtung, welche das Menschlich-Erhabene und die Sinnenfreudigkeit zum Gegenstande der Kunst macht. Darin spricht sich nicht so sehr ein Gegensatz der künstlerischen

^[Abb.: Fig. 116: Betender Knabe.

Bronzestandbild. Berlin, Museum.]