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Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus

Autorenkollektiv, Verlag von Th. Schröter, 1903-1905

Schlagworte auf dieser Seite: Die Luftscheu und die Frauen

Kochschule und Ratgeber für Familie & Haus, XIII. Band. Nr. 13

Erscheint wöchentlich. Abonnement jährlich Fr. 2.50; als Beilage zum "Schweiz. Familien-Wochenblatt" gratis. Inserate die kleine Zeile 25 Cts.

Verlag von Th. Schröter, Obere Zäune 12, Zürich.

1903. 26. Septbr. Inhalt: Die Luftscheu und die Frauen. - Warten und warten lassen. - Marmelade aus Hagebutten. - Herbstanemonen. - Fleckenreinigung. - Gesundheitspflege. - Hausmittel und Rezepte. - Für die Küche. - Einmachkunst. - Kochrezepte. - Briefwechsel der Abonnenten unter sich. - Inserate.

Die Luftscheu und die Frauen.

Von Dr. med. Anna Fischer-Dünkelmann.

Nirgends scheut man mehr die kalte Luft oder einen frischen Luftzug als in vielen weiblichen Kreisen! Nirgends hat man in der Regel weniger Verständnis für Ventilation, Reinlichkeit der Luft, nicht greifbare Bedürfnisse unseres Körpers, als im Familienkreis, wo die Hausfrau für alles sorgt; ja, das geht so weit, daß abgehärtete Männer, die vorher in einem anstrengenden Berufsleben nie zu viel frische Luft haben konnten, unter "Mutters" Regime allmählich an die dickste Zimmerluft in traulichem Heim sich gewöhnen lernen. (Rühmliche Ausnahmen gibt es freilich, so daß wohl nicht alles "über einen Leist" geschlagen werden darf. D. Red.) In Eisenbahnen, bei öffentlichen Versammlungen u. s. w. sind es immer die "Damen", die keinen "Zug" vertragen und andere Personen dadurch verdammen, zu warme oder verdorbene Luft einzuatmen. Das ist leider wahr und es tut mir leid, meinem Geschlecht dies sagen zu müssen, aber ich kann auch erklären, warum es so ist.

Jeder Fehler, jeder Mißbrauch erscheint uns in einem andern Licht, sobald wir die Ursachen ihrer Entstehung erkannt haben. Die Frauen haben vieles, auch in diesem Falle, zu ihrer Entschuldigung vorzubringen, was zwar ihre Weichlichkeit nicht gerade als erhaltenswert erscheinen läßt, wohl aber ihre Verantwortlichkeit dafür vermindert. Da ist in erster Linie ihr empfindlicherer, zarter gebauter Organismus, der sie schutzbedürftiger gegen äußere Unbill macht, als den Mann, in zweiter Linie ihre heute im großen und ganzen noch mangelhafte Erziehung, welche die vorhandene Empfindlichkeit zu einer Schwäche steigert und es dabei an ernster, geistiger Dressur fehlen läßt, so daß die Frauen wohl Spielball von Empfindungen, Sklaven alter Gewohnheiten bleiben, nicht aber im Dienste voll erfaßter Prinzipien stehen, oder gleich dem gebildeten Mann von wissenschaftlicher Erkenntnis sich leiten lassen. Gebannt ferner in dem häuslichen Kreis, stets nur erfüllt von den kleinen alltäglichen Sorgen, die sich um Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse und Erhaltung der äußerlichen Ordnung und Reinlichkeit drehen, ist es gar nicht anders möglich, als daß die Frauen das, was sie nicht greifen können, auch geistig nicht zu fassen vermögen und infolgedessen geistig enge werden und unter der Herrschaft von Vorurteilen stehen. Es ist daher unter Frauen häufig zu beobachten, daß sie über einen mangelhaft gescheuerten Fußschemel oder eine zerdrückte Schleife am Sophakissen oder eine nicht tadellos gebügelte weiße Schürze in Aufregung geraten, während sie die ekelhaft riechende Luft im Wohnzimmer nicht bemerken, den eigentlich dumpfen Geruch von Kleidungsstücken, die in Schränken und ungelüfteten Stuben aufbewahrt wurden, nicht empfinden, die Ausdünstung mehrerer Menschen, die Gerüche verschiedener Speisen, den Qualm von Lampen 2c., wenn sie nicht ein unerträgliches Maß erreichen, für die Lunge und Blutzusammensetzung als unwesentlich erachten. Daß reine Luft, reichlicher Sauerstoff zur Erhaltung unser Gesundheit viel wesentlichere Dinge sind als äußere Ordnung und sichtbare Reinlichkeit, wissen sie eben nicht! Ich komme als Aerztin sehr häufig in Krankenzimmer, wo es nach allem möglichen riecht, nur nicht nach reiner frischer Luft, obwohl gerade Kranke so viel Lufterneuerung bedürfen, ich komme in Schlafzimmer, aus welchen der Windelgeruch niemals weicht, weil ein Säugling die Betten mit Harn durchtränkt, diese aber niemals der Luft ausgesetzt weiden und das Schlafzimmer nicht täglich bis in den letzten Winkel durchlüftet wird; ich komme in elegant eingerichtete Wohnzimmer, wo es an Decken, Möbeln und schönem Zierrat nicht fehlt, aber die Doppelfenster sind fest verschlossen und die Luft in dem feinen Raume ist so dumpf, daß man sich über dle Blutarmut der Frauen, die ganze Tage darin zubringen, nicht verwundern darf. Dies würde alles anders werden, wenn die Frauen das richtige Verständnis für jene höhere Reinlichkeit fänden, welche mit sichtbarem Schmutz nichts zu tun hat, wenn man sie von Jugend an gewöhnte, persönliche Abhärtung zu üben und in Bezug auf Luftrein-