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Lexikonkauf 1890

Die Herstellung eines Lexikons ist eine Sache, der Verkauf eine andere. Um möglichst breite Kundenkreise anzusprechen, bediente man sich eines ausgefeilten Vertriebsapparates.

Der zukünftige Besitzer eines Meyers Konversationslexikons konnte auf drei Arten an sein Prachtstück kommen:

Möglichkeit 1: Im Buchladen

Im November 1889 war der Buchstabe Z fertig und die 16 gebundenen Bände sowie der erste Ergänzungsband konnten für je 10 Mark im allgemeinen Buchhandel erworben werden. Immerhin 57000 Lexika der 4. Auflage wurden auf diese Weise vertrieben. Der freundliche Buchhändler lieferte die 30 kg im Halbledereinband ("Halbfranz") frei Haustür. Als Sonderausstattung gab es ein passendes Wandregal, für 25 Mark in Eiche oder 28 Mark in Nußbaumholz, und wer das Ganze mit Glastüren haben wollte, musste noch 10 Mark drauflegen.

Möglichkeit 2: Über den Reisebuchandel

124000 Serien der 4. Auflage wurden über den Reisebuchhandel verkauft. Reisebuchhändler waren eine vornehmere Art von Vertretern, die im Anzug und Stehkragen um Verträge warben und Muster wertvollerer Bücher dabei hatten. Das Geschäft mit dem Lexikon wurde in der Regel ab der Drucklegung 1885 über Anzeigen in der Regionalpresse angebahnt, in denen mit Preisen, die bis zu 20% unter den Ladenpreisen lagen, Subskribenten geworben wurden. Der Reisebuchhändler besuchte dann die Leute, die sich auf ein solches Inserat meldeten. In Wohngegenden, die vermögendere Kunden vermuten ließen, verteilte der Reisebuchhändler Ansichtsmuster, die er nach etwa einer Woche wieder abholte. In einem höflichen Begleitbrief bat er um ein Verkaufsgespräch. Der Kauf des Lexikons fand per Unterschrift statt. Geliefert wurde entweder per Post oder von einem örtlichen Vertragspartner, in jedem Quartal ein Band, der bei Übergabe zu bezahlen war. Der Reisebuchhändler bekam eine Provision von 10-20% des Ladenpreises, also im Fall des Meyerlexikons etwa 15 bis 35 Mark. Fähige Reisende konnten 400 Verträge im Jahr abschließen und so stattliche Einkünfte erreichen.

Möglichkeit 3: Vom Kolporteur

Besuch vom Kolporteur
Besuch vom Kolporteur

Meyers Verlagsprodukte wurden traditionell von Kolporteuren vertrieben, allerdings war dieser Vertriebsweg für Lexika in den 1880er Jahren schon stark im Rückgang begriffen. Deswegen kamen nur noch 19000 Serien in dieser Form an den Leser.

Das Geschäftsprinzip funktioniert so: Eigentlich dicke und teure Bücher werden in Teillieferungen herausgegeben und als Abonnement verkauft. Das ist vorteilhaft für den Verlag, denn er spart Lagerkosten und langes Warten, bis die investierten Gelder wieder hereinkommen; außerdem kann er Produktionen, die von den Kunden nicht angenommen werden, vorzeitig abbrechen. Die Leser freuen sich auf der anderen Seite an den niedrigeren Preisen und die regelmäßigen kleinen Beträge lassen sich bei schmalem Geldbeutel viel leichter verkraften. Unterhaltungsliteratur ist für diese Vertriebstechnik besonders geeignet, die sogenannten Kolportageromane mit ihrem oft übertrieben rührseligen oder blutigen Geschichten sind noch heute sprichwörtlich. Das Bibliographische Institut nutzte den Kolportagehandel, um Bildungs- und Reiseliteratur auch Arbeitern und "kleinen Leuten" zugänglich zu machen.

Die Konversationslexika wurden in wöchentlichen Heftchen zu 64 Seiten für 50 Pfennige vertrieben. Der Stundenlohn eines Arbeiters betrug damals 15 bis 25 Pfennig. Der Kolporteur kam in den Städten immer am Samstag, weil da der Wochenlohn ausgezahlt wurde. Auf dem Land war Sonntags Liefertermin, so war die Wahrscheinlichkeit am Größten, dass die Kunden nicht auf dem Acker arbeiteten. Bei jeder Lieferung wurde die der nächsten Woche bezahlt; so hielt man die Kunden bei der Stange, denn eine vertragliche Bindung gab es nicht. Wer mit seinem Lexikon erst nach 1885 anfing, konnte die fehlenden Heftchen zu den gleichen Bedingungen nachkaufen. Nach vier oder fünf Jahren besaß der Abonnent dann über 250 Heftchen, die er zu einem Buchbinder geben musste. Zuweilen ist es heute recht schwierig, den fehlenden Band eines Lexikons antiquarisch nachzukaufen, da jede Menge verschiedener Einbände im Umlauf sind.

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