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Das Bibliographische Institut

Joseph Meyer
Joseph Meyer

Der Verlag, in dem das hier in digitaler Form vorliegende Lexikon ab 1885 erschien, hatte damals schon fast sechzig Jahre bewegte Geschichte hinter sich. Unter der Firma "Bibliographisches Institut" brachte der Gothaer Geschäftsmann Joseph Meyer (1796-1856) ab 1826 mit geringem Erfolg deutsche und englischsprachige Literaturrezensionenen heraus. 1827 änderte er sein Programm und begann eine Buchreihe "Cabinets-Bibliothek der Deutschen Classiker", die sich wegen Meyers aggressiver Vertriebstechnik zu einem großen kommerziellen Erfolg entwickelte. Meyer umging den etablierten Buchhandel und warb mit massenhaften Handzetteln, Plakaten und einem Heer von Vertriebsagenten um Subskription. Ein Subskribent erhielt die Bücher ein Jahr lang in wöchentlichen Lieferungen, die bei Erhalt zu bezahlen waren. Die erste Lieferung mußte der Empfänger vorfinanzieren. Private Subskriptionswerber kamen in den Genuß einer kostenlosen Lieferung, wenn es ihnen gelang, sechs Verträge zu vermitteln. Diese Abo-Verträge waren außerordentlich beliebt, denn Meyers Preise unterboten die Konkurrenz erheblich. Das lag nicht zuletzt daran, dass Meyer mit fadenscheinigen Begründungen das Urheberrecht verletzte und unautorisierte Nachdrucke anbot. Joseph Meyer hiernach nur als skrupellosen Geschäftemacher zu bewerten, würde seiner Person nicht gerecht werden; er war ein glühender Verfechter der Idee, nach der Bildung zum gesellschaftlichen Ausgleich beitrage ("Wissen ist Macht", "Bildung macht frei"). Ansichten dieser Art äußerte er in manchen Texten, die oft zu radikalen Streitschriften und zu Ärgernissen für die Obrigkeit wurden und Meyer sogar ins Gefängnis brachten.

Conversations-Lexicon

Schnell schaffte Meyer Auflagenhöhen bis in die Hunderttausende und sein Betrieb in Gotha wurde zu klein. Der Verlag zog 1828 nach Hildburghausen, da es dort mehr Platz und günstigere Steuerbedingungen gab. Meyer erweiterte nun sein Verlagsprogramm auch mit illustrierten Büchern zu theologischen und geographischen Themen und schuf so die finanzielle Basis für das Lexikon-Großprojekt, das unter dem Titel "Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände" ab 1839 erschien. Schon seit Mitte der 30er Jahre arbeitete Meyer an diesem Projekt, das ebenfalls im Subskriptionsprinzip seine zukünftigen Besitzer fand. Doch Meyer hatte seine Disziplin, den Umfang seines Lexikons gering zu halten, überschätzt, und so sollte es 14 Jahre dauern, bis mit dem 46. Band der Buchstabe Z erreicht war. Erstaunlicherweise blieben viele seiner Subskribenten über die vielen Jahre dem Lexikon treu, das anstelle der angekündigten 67 Taler schließlich insgesamt 260 Taler kostete.

Eisenbahnen für Deutschland

Während der Produktionszeit des Lexikons war Meyer, der selbst sein fleißigster Autor war, auch mit einem anderen Großprojekt befasst.

Als umtriebiger Geschäftsmann und auch aus idealistischen Gründen wollte er in das junge Eisenbahngeschäft einsteigen. Reisen, meinte er, solle nicht nur Privileg der Reichen sein. Er überzeugte Regierungen und Investoren von seinen Ideen, erwarb Konzessionen, Grundstücke, Bergwerke und Stahlhütten. Doch Meyer scheiterte mit seinen Plänen einer privat finanzierten Eisenbahn an der damaligen deutschen Kleinstaaterei und an den Krisen und politischen Turbulenzen der Zeit nach 1847, was seinen finanziellen Ruin bedeutete. Das Bibliographische Institut überlebte das Disaster, denn Meyers Frau Minna war schon immer alleinige Eigentümerin des Verlags gewesen. So blieb Meyer den Rest seines Lebens Autor und Herausgeber.

Modernisierung

Nach Joseph Meyers Tod 1856 geriet das Bibliographische Institut durch komplizierte Erbabwicklungen in die Krise. Der Haupterbe Herrmann Julius Meyer (1826-1909) überwand diese Schwierigkeiten nur durch rigoroses Sparen und ein neues Lexikonprojekt. Er versprach den Subskribenten ein auf 15 Bände begrenztes Lexikon, um dem Ruf eines nicht enden wollenden Riesenwerkes entgegenzutreten. Sollte die Reihe über das geplante Maß wachsen, würden die Abnehmer alles weitere gratis bekommen. Das Projekt wurde in drei Jahren im angekündigten Ausmaß vollendet. Umfang und Stil dieser sogenannten 1. Auflage bewährten sich so, dass sie als Vorbild für die weiteren Meyers Konversationslexika diente. Das Vertrauen in den "Meyers" war nun so hoch, dass 40.000 Exemplare der 2. Auflage schon zu Beginn der ersten Lieferung verkauft waren.

In den 1860er Jahren erreichte der Bücherverkauf beachtliche Steigerungen, das Verlagsprogramm enthielt wieder die Klassikerausgaben, Reisebücher, dazu kam das erfolgreiche "Illustrirte Thierleben" von Alfred Brehm. Wieder wurden die Räumlichkeiten zu eng, zudem bot Hildburghausen nicht das geeignete Umfeld für die notwendigen qualifizierten Mitarbeiter. 1874 schließlich zog man in die Bücherstadt Leipzig um, in einen vom Architekten Max Pommer (1847-1915) für das Bibliographische Institut errichteten Neubau.

Bibliographisches Institut Leipzig 1885
Bibliographisches Institut Leipzig 1885 (Ecke Gerichtsweg/Täubchenweg)

Alle für den Verlag nötigen Abteilungen waren in dem Neubau untergebracht, Redaktion, graphische Abteilung, Druckerei, Binderei, versorgt über zentrale Dampfmaschinen zur Stromerzeugung und als Antrieb der Transmissionen. In dem Gebäude arbeiteten zur Produktionszeit der 4. Auflage zwischen 440 und 630, 1939 schließlich sogar 987 Personen.

Quellen-Lesetipp: Rundgang durch das Bibliographische Institut in Leipzig 1886 und 1895.

Verlagsspektrum 1885-1889

Die Konversationslexika waren zwar das Kerngeschäft des Bibliographischen Instituts, das aber auch ein breit gefächertes Sortiment an Sach- und Bildungsliteratur bot, mit vielen Illustrationen und hohen Auflagen. So wurde neben dem Konversationslexikon ständig an zahlreichen anderen Serien und Büchern gearbeitet, z. B. kamen während der Produktionszeit der 4. Auflage des Lexikons 1885 bis 1889 noch folgende Titel heraus:

  • Meyers Handlexikon des allgemeinen Wissens, 3. und 4. Aufl. jeweils 2 Bde.
  • Meyers Reisebücher: Rheinlande, Thüringen, Mittelitalien, Schweiz, Schwarzwald, Süddeutschland, Riesengebirge, Deutsche Alpen I und II, Schweden-Norwegen, Südfrankreich, Unteritalien, Österreich-Ungarn, Nordfrankreich, London und England, Rom und Campagna, Italien in 60 Tagen, Norddeutschland, Oberitalien, Ägypten.
  • Sprachführer: Russisch, Spanisch, Schweden-Norwegen.
  • Brehms Thierleben: 3. Auflage, Bde. 1-5.
  • Meyers Naturkunde: Bde. 1-9.
  • Meyers Klassiker: Schillers Leben, Heines sämmtliche Werke.
  • Meyers Volksbücher: ca. 800 Lieferungen.
  • Duden, mehrere Auflagen und Neudrucke.
  • Hans Meyer: Eine Weltreise.

Pro Jahr wurden 2½ Millionen Broschüren und 300.000 Bücher ausgeliefert (1886).

1884 übergab Herrmann Julius Meyer die Leitung des Verlages seinen Söhnen Hans und Arndt, blieb aber bis 1895 offiziell Firmenbesitzer. Bis zum ersten Weltkrieg lief das Geschäft mit der billigen Volksbildungsliteratur und der Lexikonproduktion ungebremst. Um die Vermögensverhältnisse des Verlages auch in der Enkelgeneration flexibel zu halten, wandelte man den Verlag 1915 in eine Aktiengesellschaft um. Die 7. Auflage des großen Lexikons 1925 bis 1933 wurde angesichts der klammen wirtschaftlichen Bedingungen in der Weimarer Republik auf 12 Bände gekürzt, um die Käufer nicht zu überfordern. Die 8. Auflage musste 1942 beim Buchstaben S aus Kriegsgründen eingestellt werden und wurde nie vollendet. Im Dezember 1943 trafen die ersten Bomben das Hauptgebäude in Leipzig, zu Kriegsende war das Stammhaus nur noch eine Ruine.

Deutsch-Deutsches

1946 enteignete das Land Sachsen das Vermögen der Aktiengesellschaft entschädigungslos und führte den Verlag als "Volkseigenen Betrieb Bibliographisches Institut" weiter. Die meisten Alt-Aktienbesitzer waren aber in den Westen gegangen und beschlossen 1953 ungeachtet der Ereignisse im sozialistischen Osten eine Verlegung der Firma als "Bibliographisches Institut AG" nach Mannheim. So gab es zwei unabhängige Verlage, die unabhängig von einander Lexika produzierten: in der DDR entstanden zwei Auflagen unter dem Titel Meyers Neues Lexikon zwischen 1961 und 1978 und im Westen eine, die als 9. Auflage bezeichnet die Tradition betonen wollte. 1984 schlossen sich die ehemaligen Konkurrenten Brockhaus und Meyers zu der gemeinsamen Firma "Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG" zusammen, zu der 1990 auch der DDR-Verlag kam. Großlexika erscheinen nun unter der Marke "Brockhaus", der Name "Meyers" wird für ein breites Spektrum von Jugendnachschlagewerken und Lexika im Taschenbuchformat verwendet.

Die Meyers-Zeitrechnung nach Auflagen des Lexikons
AuflageZeitraumBändeSeiten A-ZExemplare
Ur-Meyers1839-185546 + 6 Bände57.300 Seitenbis zu 70.000
1. Auflage1857-186015 Bände19.000 Seitenca. 40.000
2. Auflage1861-187215 + 2 Bände16.800 Seiten63.500
3. Auflage1874-188415 + 6 Bände15.500 Seiten160.000
4. Auflage1885-189216 + 3 Bände16.600 Seiten200.000
5. Auflage1893-190117 + 4 Bände18.400 Seiten233.000
6. Auflage1902-192020 + 7 Bände18.600 Seiten
7. Auflage1925-193312 + 3 Bände12.500 Seiten
8. Auflage1936-19429 Bände (A-S) + 114.500 Seiten
Osten: Meyers Neues Lexikon
1. Auflage1961-19698 + 1 Bände7.700 Seiten
2. Auflage1971-197815 + 3 Bände10.000 Seiten
Westen: Meyers Enzyklopädisches Lexikon
9. Auflage1971-198125 + 7 Bände21.000 Seiten

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