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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ägypten

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Ägypten (neueste Geschichte).

macht wurden. Ja, 1873 verschaffte er sich von dem geldbedürftigen Sultan Abd ul Asis, der bei seiner unsinnigen Verschwendung für Geldbeisteuern sehr empfänglich war und gleichfalls mit einer Änderung der Thronfolgeordnung umging, einen neuen Ferman, welcher alle frühern an günstigen Bestimmungen übertraf. Durch denselben wurde die direkte Erbfolge nach dem Prinzip der Erstgeburt und der Linearsuccession aufrecht erhalten, völlige Unabhängigkeit der Verwaltung und Justiz sowie das Recht, Verträge mit fremden Staaten abzuschließen, Anleihen aufzunehmen, Münzen zu prägen, die Stärke der Armee zu bestimmen, Kriegsschiffe (außer Panzerschiffen) anzuschaffen, zugestanden. Für alle diese Rechte und als Beweis seiner Anerkennung der Oberhoheit des Sultans sollte er an letztern einen jährlichen Tribut von 150,000 Beuteln (3 Mill. Mk.) bezahlen. Hiermit schien die völlige Unabhängigkeit Ägyptens von der Pforte begründet zu sein, und Ismail Pascha ging nun daran, sein Reich zu vergrößern. Die im Juli 1872 unternommene Expedition nach Abessinien, an deren Spitze der Schweizer Munzinger, Gouverneur von Massaua, gestellt wurde, hatte die Annexion der nördlichen Teile Abessiniens zur Folge. Im Süden eröffnete sich 1874 dem Chedive eine neue Gelegenheit zur Erweiterung seines Gebiets. Der Sultan von Dar Fur war in die ägyptische Provinz Kordofan eingefallen, um Sklaven einzufangen. Ein kleines, aber europäisch ausgerüstetes Heer rückte darauf gegen den Sultan vor, schlug ihn in mehreren Gefechten (28. Jan., 17. Juni und 3. Juli), drang in Dar Fur selbst ein und nahm dasselbe, nachdem der Sultan gefallen, in Besitz. Darauf wurden Dar Fertit, die Somalstädte Zeila, Berbera u. a. und das Land Harar erobert. Sofort wurden die alten Straßen und Brunnen in der Wüste wiederhergestellt, um das Land mit Ä. in bessere Verbindung zu bringen. Am 28. Juni 1875 traten auch die nach langen Verhandlungen mit den europäischen Mächten eingesetzten Gerichtshöfe, an der Spitze ein oberstes Gericht zu Alexandria, ins Leben, um an Stelle der bisherigen Konsulargerichtsbarkeit die Streitigkeiten der Einheimischen mit den Fremden und dieser unter sich zu entscheiden; 1. Jan. 1876 wurden die betreffenden Gesetze publiziert.

Nun trat aber ein bisher durch große Anleihen und allerlei Blendwerk verhüllter Krebsschade in der ägyptischen Verwaltung hervor, nämlich ein ungeheures Defizit in den Finanzen, welches hauptsächlich durch die unsinnige Verschwendung des Chedive verursacht war. Um augenblickliche Hilfe zu schaffen, verkaufte dieser 25. Nov. 1875 seine 176,602 Suezkanalaktien für 4 Mill. Pfd. Sterl. an England und erbat sich zugleich von demselben einen tüchtigen Finanzmann, um die ägyptischen Finanzen zu ordnen. Das englische Ministerium schickte auch 13. Dez. den Generalzahlmeister Cave zu diesem Zweck nach Ä. ab. Obwohl dieser auch durch französische und italienische Financiers unterstützt wurde, vermochte er doch nicht, in das Chaos Ordnung zu bringen, da der Chedive vor allem nicht mit Ersparnissen in seinem luxuriösen Hofhalt beginnen wollte. Sowohl für die Staatsschuld als für die Privatschuld des Chedive wurde im Mai 1876 die Zahlung der Zinsen suspendiert, und zur Entschädigung wurden die verschiedenen Anleihen zu einer mit 7 Proz. zu verzinsenden Schuld unifiziert, auch für die schwebende Schuld 7 Proz. Obligationen mit 80 Proz. des Nominalwerts ausgegeben, endlich eine Oberfinanzkommission zur Überwachung der Obligationen eingesetzt. Zwar wurden die Steuern doppelt erhoben, den Beamten kein Gehalt, den Lieferanten keine Rechnungen bezahlt; trotzdem mußte schließlich England mit einem Vorschuß für Bezahlung der Zinskoupons an die meistens englischen Gläubiger eintreten. Zu dieser Zerrüttung der Finanzen kamen der unglückliche Ausgang des Kriegs mit Abessinien (s. d.) und 1877 ein Aufstand in Dar Fur. Als der russisch-türkische Krieg ausbrach, schickte Ismail Pascha, seinen Vasallenpflichten getreu, 6000 Mann unter seinem in Berlin militärisch gebildeten Sohn Hassan Pascha der Türkei zu Hilfe. Dieselben wurden der Armee im Festungsviereck zugeteilt, leisteten aber wenig. Im August 1878 kam es endlich in der Finanzfrage zu einer Vereinbarung mit den Westmächten, indem Nubar Pascha wieder zum leitenden Minister ernannt und zu durchgreifenden Reformen ermächtigt wurde; der Engländer Wilson trat ihm als Finanzminister, der Franzose Blignières als Bautenminister zur Seite. Der Chedive und seine Familie mußten ihren Privatgrundbesitz, die sogen. Daira, zur Verzinsung und Tilgung der Schulden hergeben. Durch eine Revolte der in großer Menge entlassenen Offiziere (18. Febr. 1879) entledigte sich zwar der Chedive wieder Nubars und setzte im April auch Wilson und Blignières ab; ja, er verweigerte die Zinszahlung der unifizierten Schuld und suspendierte die Tilgung derselben. Die Mächte verlangten aber nun von ihm die Abdankung, und als er sie verweigerte, ward er auf deren Betrieb 25. Juni 1879 vom Sultan abgesetzt und sein Sohn Mehemed Tewfik Pascha an seiner Stelle zum Chedive ernannt. Der Ferman von 1873 wurde aufgehoben und der von 1841 hergestellt; doch gestattete der Sultan die Abschließung von Zoll- und Handelsverträgen, die selbständige Verwaltung der Finanzen und die Errichtung eines Heers von 18,000 Mann gegen einen jährlichen Tribut von 75,000 türk. Pfd.

Die Regelung der Finanzen wurde einem französischen und einem englischen Kommissar übertragen, welche auch die Zahlung der Zinsen ermöglichten und das Budget ins Gleichgewicht brachten, freilich nicht ohne harte Bedrückung der mit Steuern belasteten Einwohner und nicht ohne scharfe Maßregeln gegen die sich selbst bereichernden Beamten; auch wurden zahlreiche Offiziere entlassen, ohne daß ihnen der rückständige Sold ausgezahlt wurde. Die hierdurch veranlaßte Unzufriedenheit benutzte die Militärpartei unter dem Obersten Achmed Arabi, welche eine Vermehrung der Armee erstrebte, bereits 1881 zu einigen Revolten, durch welche sie den schwachen Chedive zwang, den Premierminister Riaz Pascha, der sich der Vermehrung widersetzte, zu entlassen, die Erfüllung ihrer Wünsche zu versprechen und eine Notabelnkammer zu berufen. Diese Erfolge ermutigten Arabi Pascha, der im Februar 1882 zum Kriegsminister ernannt wurde, die Abschaffung der europäischen Finanzkontrolle und überhaupt die Beseitigung der europäischen Beamten zu fordern. Da der Chedive sich ganz haltlos zeigte und der Sultan nicht rechtzeitig einschritt, so riß Arabi Pascha alle Gewalt an sich, proklamierte sich als Haupt der Nationalpartei, die das Volk von allem Druck befreien werde, und reizte den Pöbel so gegen die Fremden auf, daß es 11. Juni in Alexandria zu blutigen Exzessen gegen diese kam. Da die Übelthäter nicht bestraft wurden und Arabi die Forts von Alexandria neu befestigte und armierte, schritt die englische Flotte unter Admiral Seymour 11. Juli zum Bombardement derselben. Das Feuer der Ägypter wurde zum Schwei-^[folgende Seite]