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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Amazonenstrom

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Amazonenstrom.

mões für das Mittelstück ganz in Wegfall kommen würde. Der Amazonas entsteht also aus der Vereinigung von Ucayali und Marañon. Dieser letztere entspringt in dem nördlichen Teil der peruanischen Kordillere auf dem Tafelland von Pasco aus dem See Llauricocha in 3653 m Höhe (10° 30' südl. Breite, 76° 30' westl. L. v. Gr.) und fließt (anfangs unter dem Namen Tunguragua) im obern Lauf (etwa 670 km) durch das die beiden Abteilungen der Kordilleren trennende enge und tief eingeschnittene Thal gegen NNW., bis er bei Cumba seine Richtung ändert und nun im kurzen Mittellauf (450 km) erst nach NO., später nach O. sich wendet und in zahlreichen Stromschnellen (Pongos, von denen der letzte, der Pongo de Manseriche, der bedeutendste ist) die Bergzüge der östlichen Kordillere durchbricht. Von da beginnt der untere Lauf durch die Hyläa Brasiliens. Seine Hauptrichtung ist hier im wesentlichen gegen O., obschon mit vielen Krümmungen. Dem Unterlauf des Marañon gehören die riesenhaften Nebenströme an, welche er aus den Kordilleren und dem brasilischen Gebirgsland empfängt. Gleich nach dem Eintritt in das Tiefland nimmt er von N. den Pastassa, von S. den Huallaga auf. Nachdem er sich bei Nauta mit dem zweiten Quellarm, dem Ucayali (s. d.), zum A. vereinigt und dieser bei Tabatinga das brasilische Gebiet betreten hat, fließen ihm links der Napo, Putumayo (Iça), Yapura und Rio Negro, rechts der Jurua, Purus, Madeira, Tapajoz und Xingu zu. Die meisten dieser Nebenströme teilen sich in der Nähe ihrer Mündung in vielfach verästelte Arme und bilden ein deltaartiges Gewirr von Inseln. Im ganzen nimmt der A., die Ostabhänge der Kordilleren von 3° nördl. Br. bis 20° südl. Br. entwässernd, mehr als 200 Nebenflüsse auf, darunter 100 schiffbare, 17 ersten Ranges, 6, welche den Rhein an Stromentwickelung und Wasserfülle übertreffen. Der A. fällt, gegen NO. gewandt, bei der Insel Caviana, zwischen dem festländischen Nordkap und dem Reiherkap, einem Meeresarm ähnlich, in den Atlantischen Ozean (s. Karte). Kurz vor der Mündung führt der natürliche Kanal Tajipuru, die Insel Marajó abtrennend, in den Mündungstrichter des Tokantins (Rio Pará). Trotz seines Sedimentreichtums bildet der A. kein Delta; die vorgelagerten Inseln sind ältern Ursprungs. Die Länge des ganzen Stromlaufs beträgt (ohne die Krümmungen) ca. 5340 km. Beim Eintritt in den untern Lauf liegt sein Bett noch 378, bei Tabatinga 200, bei Santarem an der Mündung des Tapajoz 16 m hoch. Die Breite desselben ist sehr bedeutend und beträgt selbst oberhalb der Mündung des Madeira mehrere Kilometer, unterhalb Santarem 15, bei Porto de Moz gegen 80 km, und selbst in der Enge von Obidos (Pauxis) oberhalb Santarem, bis zu welcher Ebbe und Flut wirksam sind, mißt das Bett noch 1910 m Breite. Ebenso bedeutend ist die Tiefe, welche im Unterlauf auf weite Strecken über 100 m beträgt. Der Wasserreichtum des Stroms ist außerordentlich. Derselbe soll nach Martius' Schätzung 5 Mill. Kubikfuß Wasser in jeder Sekunde ergießen, so daß das schlammige Flußwasser das Salzwasser des Meers mehrere Hundert Kilometer weit in den Ozean hinaus überflutet. Die Anschwellungen des Stroms haben ihresgleichen nirgends auf der Erde, sie betragen im Maximum gegen 17 m über dem mittlern Stande. Die Schwellen beginnen im Januar und erreichen im Juni den höchsten Punkt; sie fallen also mit der Regenzeit der südlichen Zuflüsse des Stroms zusammen, während die nördlichen Zuflüsse dann wasserarm sind und durch die Anschwellung des Hauptstroms aufgestaut, ja zu rückwärts gerichtetem Lauf gezwungen werden. Während dieser Zeit des Hochwassers ist das Land meilenweit überflutet. Die Tierwelt flieht in das Innere, und das schlammige Wasser, das um die Baumkronen spielt, läßt auf den Wipfeln eine Blumenwelt entstehen; 6-8 Wochen nach dem höchsten Wasserstand treten die schlammbedeckten Waldflächen wieder hervor, und die Fluten kehren, gewaltige Massen von Treibholz mit sich führend, in ihr Bett zurück, zugleich aber neue Kanäle hier und dort sich auswühlend, alte Inseln zerstörend, neue an andern Stellen aufbauend und solcher Inseln sind im ganzen Unterlauf unzählige vorhanden; sie liegen teils im Flußbett selbst, teils sind sie durch Seitenkanäle, namentlich der Zuflüsse, von dem Uferland losgetrennt. Die größte Insel letzterer Art liegt an der Mündung des Madeira, es ist die fast 15,000 qkm große Ilha dos Tumbinambaranas. Die erstaunliche Wassermenge des gewaltigen Stroms erklärt auch die für sein Thal eigentümliche Bildung der Uferseen, einer Reihe von größern und kleinern Becken, die sich längs der Ufer hinziehen und gewöhnlich durch Arme mit dem Fluß in Verbindung stehen; sie dienen auch hauptsächlich dazu, bei den Schwellen einen Teil des überflüssigen Wassers aufzunehmen. Die Ufer des Flusses sind niedrig, nur hier und da sind sie von Hügelketten begrenzt, die oft durch die abspülende Strömung steile Wände erhalten haben. In die sich trichterförmig verengernde Mündungsbai des Amazonenstroms dringt die Flut während der Zeit des Neu- und Vollmondes mit furchtbarer, verheerender Mächtigkeit in Gestalt einer reißenden Welle, der Pororoca, ein. Wo sie auf Untiefen stößt, erhebt sie sich 4-5 m hoch; an sehr tiefen Stellen senkt sie sich dagegen und verschwindet fast gänzlich, um an andern Stellen wieder aufzutauchen. Das Getöse der unglaublich schnell herankommenden Flutwelle hört man 3-6 Seemeilen weit. Hinter sich läßt die Pororoca die Gewässer in demselben Zustand der vollkommenen Ruhe zurück, in welchem sie sich vorher befanden. Das ganze ungeheure Becken des Unterlaufs (an Umfang fast Europa gleich) ist vorherrschend eine steinlose Waldebene. Der von Schlingpflanzen und Klettergewächsen durchzogene Wald, eigentlicher Urwald, die Hyläa Brasiliens, erstreckt sich von N. nach S. auf verschiedenen Strecken 500-3000 km, von O. nach W. 4500 km weit, so daß keine andre Waldregion der Erde die des Ama-^[folgende Seite]

^[Abb.: Mündung (Ästuarium) des Amazonenstroms.]