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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Amerikanische Altertümer

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Amerikanische Altertümer (Mexiko, Mittelamerika).

zeit gehabt, wird schwerlich jemals ausgemacht werden; daß eine solche aber weit zurückliegt, ergibt sich aus zwei Umständen. Die Urwälder, welche sich innerhalb mancher Umwallungen und Einfriedigungen und auf vielen Mounds erheben, weisen auf mindestens 1000 Jahre zurück. Ferner liegen die alten Denkmäler niemals auf den jüngsten Flußterrassen, sondern auf den ältern. Die Hügelbauer führten offenbar dieselben auf, ehe die Flüsse im W. sich ihr gegenwärtiges Strombett gegraben hatten. Sie waren in dem weiten Gebiet von Wisconsin bis Florida heimisch, aber nicht etwa auf einer hohen Zivilisationsstufe angelangt, standen vielmehr hinter jener weit zurück, zu welcher die Mexikaner und Peruaner sich emporgearbeitet hatten, während sie die meisten heutigen Indianerstämme der Waldregion wie der Prärien übertrafen.

Eigentümliche Reste einer prähistorischen Bevölkerung finden sich in den plateauförmigen Gebirgserhebungen von Colorado, Utah, Neumexiko und Arizona. Inmitten dieses jetzt von Wüsten und Steppen eingenommenen Gebiets fanden die Europäer an zahlreichen Stellen umfangreiche, aus Stein erbaute Stadtansiedelungen vor, zusammengesetzt aus mehrere Stockwerke hohen, geräumigen Häusern, die alle Anzeichen eines hohen Alters an sich trugen. Holmes unterscheidet unter diesen "Pueblos": 1) die Lowlands oder eigentlichen Pueblos, in mathematisch regelmäßigen Formen aus zugehauenen Steinen oder aus Luftziegeln erbaut, vorwiegend in Flußniederungen in der Nähe des Wassers, doch auch auf schwer zugänglichen Höhen der Sandsteinplateaus und nach Cabeza bisweilen die Stadt Mexiko an Größe übertreffend; 2) die Cave-Dwellings oder Höhlenbauten, in natürlichen Höhlungen der Kreideformation an steil abstürzenden Thalgehängen in der Weise angelegt, daß der Zugang dieser Höhlen durch Steinmauern verschlossen wurde mit Auflassung nur einer Öffnung, die gleichzeitig als Thür und Fenster diente. Ähnliche Bauten sind endlich 3) die Cliff-houses oder Riffhäuser, als befestigte Plätze an besonders schwer zugänglichen Abstürzen in natürlichen, durch Menschenhand aber später erweiterten Höhlungen angelegt. Außer diesen Häusern und Höhlenwohnungen finden sich in jenen Gebieten nicht selten aufrechte Steinkreise nach Art unsrer Cromlechs sowie einzeln stehende, meist runde Türme, offenbar als Wachttürme am Eingang der Cañons und auf isolierten Felsspitzen errichtet. In den Pueblos fand man thönerne, nicht selten bemalte, ja in einigen Fällen sogar mit einer metallischen Glasur und mit erhabenen Verzierungen sowie mit Figuren von Menschen und Tieren (namentlich Vögeln, speziell der Eule) versehene Geschirre, polierte Steinwerkzeuge, Pfeilspitzen aus Feuersteinen, Quetschsteine zum Zerkleinern von Getreide, ferner Schmuckgegenstände in Form von Perlen, Muscheln aus dem Pazifischen Ozean, Amulette aus Stein etc.

Von metallenen Gegenständen haben sich ausschließlich einige Kupferringe vorgefunden. Als Hinterlassenschaften der alten Bewohner dieser Gegend dürfen die zahlreichen Felsmalereien und Skulpturen angesehen werden, welche in Form von Zeichnungen von Menschen und verschiedenen Tieren die Felswände oder isolierten Steinblöcke bedecken. Zahlreiche derartige Petroglyphen finden sich auch in Kalifornien, Oregon und östlich vom Mississippi, aber auch in Süd- und Mittelamerika, wo dieselben in Guayana, am Orinoko, in Venezuela, am Rio Negro, in Brasilien, in Chile, Peru, Kolumbien sowie auf dem Isthmus von Darien und in Nicaragua nachgewiesen sind. Vgl. Andree, Ethnographische Parallelen und Vergleiche (Stuttg. 1878).

Eine ungleich höhere Entwickelung führen uns die Altertümer der vier großen Kulturkreise vom Hochland von Mexiko hinab bis zum Titicacasee, des toltekisch-mexikanischen, des yucatekischen, des inkaperuanischen und desjenigen der Tschibtscha Cundinamarcas, vor. Zu den wichtigsten Denkmälern dieser Art gehören die beiden Pyramiden bei San Juan de Teotihuacan, im Thal von Mexiko, und das Monument von Cholula, eins der ältesten Denkmäler des Landes. Andre Pyramiden merkwürdiger Struktur finden sich zu San Christobal Teohantepec, zu Santa Cruz del Quiche, bei Xochicalco, in Guatasco, bei Cuernavaca und anderwärts. Ruinen ganzer Städteanlagen (casas piedras) finden sich zu Tusapan, bei Papantla in Veracruz, bei Mapilca in derselben Gegend, zu Tehuantepec, in der Provinz Oajaca, in dem vielfach beschriebenen Palenque und zu Ocosingo in der Provinz Chiapa, zu Copan in Honduras, zu La Quemada bei Villa Nueva im S. von Zacatecas, ferner in der Provinz Vera Paz, am Rio Gala. Großartig sind die Monumente zu Uxmal (dem alten Itzalane), zu Jabah, Zayi (Salli), Chichen, Itza, Tuloom u. v. a. O. in Yucatan sowie zu Mitla in Oajaca, welche, obgleich höchst wahrscheinlich älter als die aztekische Herrschaft, doch die amerikanische Kunst in ihrer höchsten Entwickelung zeigen. Vgl. Kingsborough, Antiquities of Mexico (Lond. 1829, 4 Bde.).

Grundform für die gesamte Architektur Mexikos und des mittlern Amerika ist die Pyramide, und zwar tritt dieselbe am kenntlichsten in den religiösen Monumenten, weniger sichtbar in Tempelbauten und Palästen hervor. Die Teokallis (Gotteshäuser), gewissermaßen zu riesiger Größe emporgebaute Altäre, sind stets vierseitige, genau nach den Weltgegenden orientierte, oben abgestumpfte Pyramiden, auf welchen sich häufig noch andre Baulichkeiten erhoben (s. Tafel "Baukunst I", Figur 1-3). Sie steigen entweder in einfachen, schiefen Flächen empor, oder erheben sich in mehreren (höchstens acht) großen Absätzen, die entweder besondere Terrassen bilden, oder bloß durch herumlaufende, gewöhnlich verzierte und kassettierte Gurtungen angedeutet werden. Zur Scheitelfläche führen an einer oder mehreren Seiten breite und steile Treppen; bisweilen laufen Treppen oder Aufgänge auch zickzackförmig von einem Absatz zu dem andern. Rings um die Teokallis befanden sich die Wohnungen der Priester und andre für den Götterkultus nötige Räume. Als Schmuck der Wandflächen ist nur geradliniges, wenn auch zum Teil reich und mannigfaltig zusammengesetztes Kassettenwerk, Mäanderzüge, Zickzacks u. dgl., angewendet. In ihrer Hauptform bilden die zu ebener Erde oder auf einfachen Terrassen oder auf den Scheiteln der Teokallis errichteten Gebäude einfache, viereckige Massen mit geradlinig überdeckten Portalen und viereckigen Pfeilerstellungen, über denen sich oft ein friesartiger, reich ornamentierter Aufsatz erhebt. Die Bedachung ist entweder horizontal oder durch stufenförmig übereinander geschichtete Steinplatten gebildet, daher sie einen bedeutenden Innenbau vermissen lassen. Die skulpturelle Ausschmückung der Bauten Mexikos und Mittelamerikas besteht in Reliefs und frei stehenden Statuen. Eine Anzahl kolossaler Götzenbilder wurde 1850 von Squier auf den Inseln des Nicaragua- und Managuasees entdeckt. In neuerer Zeit sind namentlich die Entdeckungen großartiger Ruinenstädte in Honduras und Yucatan epochemachend gewesen. In