Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

599

Anklagestand - Anlage.

Anklagestand, der Zustand, in welchem sich ein Beschuldigter befindet, gegen welchen die Staatsanwaltschaft die öffentliche Klage erhoben und das Gericht die Eröffnung des Hauptverfahrens beschlossen hat. Der Beschuldigte, gegen welchen die Staatsanwaltschaft mit Erhebung der Klage vorgegangen ist, wird Angeschuldigter, der Angeschuldigte, welcher durch Gerichtsbeschluß in den A. versetzt ist, Angeklagter genannt. S. Eröffnung des Hauptverfahrens.

Anklam, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk Stettin, rechts an der Peene, etwa 7 km vor deren Mündung und an der Linie Angermünde-Stralsund der Preußischen Staatsbahn, hat 3 Vorstädte, von denen Peenedamm auf dem linken Ufer des Flusses, 2 ev. Kirchen (die Nikolai-, mit fast 100 m hohem Turm, und die Marienkirche) und 1 katholische, 1 Gymnasium, 1 höhere Bürgerschule, 1 königliche Kriegsschule, 1 Amtsgericht, 1 Hauptsteueramt, 1 Reichsbanknebenstelle, Eisengießerei, Zucker- u. Seifenfabrikation, Gasleitung, Ackerbau, Schiffahrt und (1880) 12,361 Einw. (112 Katholiken u. 195 Juden). - A., ehemals Tanglim, auch Anglim genannt, war ursprünglich eine slawische Festung, wurde aber im 12. Jahrh. mit deutschen Einwohnern besetzt, erhielt 1244 vom Herzog Barnim I. von Pommern Stadtrecht und schloß sich der Hansa an. Im J. 1377 und nochmals 1423 wurde A. niedergebrannt, bald aber wieder neu erbaut. Im Dreißigjährigen Krieg erlitt die Stadt viele Drangsale, kam dann mit an Schweden, wurde 30. Aug. 1676 vom Großen Kurfürsten erobert, im Nordischen Krieg durch die Russen 1713 geplündert und endlich 1720 im Stockholmer Frieden an Preußen abgetreten. Die Festungswerke sind seit 1762 geschleift. Am 31. Okt. 1806 ergab sich hier ein Korps Preußen unter Bila den Franzosen.

^[Abb.: Wappen von Anklam.]

Ankober, Hauptstadt der Landschaft Schoa in Abessinien, mit dem äthiopischen Prädikat Hager ("Hauptstadt"), aus 3000 zerstreuten Hütten bestehend, welche den Kamm und westlichen Abhang eines majestätischen Bergs bedecken; auf dem Gipfel liegt das einfache Königshaus. A. hat 6000 Einw. Westlich davon Angolala, die ehemalige Residenz des Königs zur Zeit der Musterung des versammelten Heers.

Ankogl, äußerste östliche Berggruppe der Hohen Tauern, westlich vom Mallnitzer Tauern, östlich von der Großarlscharte begrenzt, mit dem gleichnamigen Gipfel 3253, mit der Hochalpenspitze 3347 m erreichend und von Gletschern bedeckt.

Ankonen (griech.), Konsolen oder Kragsteine.

Ankündigungskauf, Kauf auf Ankündigung, s. Börse.

Ankyle (griech.), Krümmung.

Ankyloblepharon (griech.), Verwachsung der Augenlidränder ineinander, wodurch die Augenspalte verkleinert wird.

Ankyloglossum, Verwachsung der Zunge mit dem Boden der Mundhöhle, ist entweder angeboren durch ein zu weit nach vorn reichendes oder zu breites Zungenbändchen, oder erworben durch Narbenbildung nach Substanzverlusten der Schleimhaut. Das A. verursacht mancherlei Beschwerden und muß auf chirurgischem Weg beseitigt werden.

Ankylometer (griech.), Krümmungshalbmesser.

Ankylose (griech.), s. Gelenksteifigkeit.

Ankyra, Stadt, s. Angora.

Anlage, im weitern Sinn jeder Keim einer künftigen Entwickelung, welcher durch äußere Anregung zur Entfaltung gebracht, im engern Sinn jede Thätigkeit, welche durch Übung und Gewöhnung zur Fertigkeit erhoben wird. In jener Bedeutung wird auch der Keim einer (leiblichen oder geistigen) anormalen Entwickelung, einer Krankheit, eines Lasters A. genannt; in dieser bezeichnet A. eine (allgemeine oder spezifische) Befähigung, deren höherer Grad Talent, deren höchster Genie heißt. Letztere Stufen unterscheiden sich untereinander in der Weise, daß ohne A. weder übung noch Nachhilfe Fertigkeit erzeugt, das Talent dagegen nur mäßiger, das Genie (scheinbar wenigstens) gar keiner Übung und Nachhilfe bedarf. Die für den Psychologen, insbesondere aber für den Pädagogen nicht gleichgültige Frage, ob Anlagen angeboren, bez. angeerbt oder erworben, bez. vererblich seien, wird je nach der jeweiligen Ansicht von dem Wesen der Seele verschieden beantwortet. Wer überhaupt kein vom Körperlichen unterschiedenes Seelenprinzip anerkennt (Materialismus), für den hat die Frage nach in der Seele von Geburt des Menschen an vorhandenen Keimen (Anlagen, Kräften, Vermögen, Ideen) überhaupt keinen Sinn; sowohl psychische Anlagen als psychische Vorgänge sind in seinen Augen ausschließlich organische (leibliche Dispositionen, Gehirnprozesse). Wer dagegen die Existenz einer Seele einräumt (Spiritualismus), denkt dieselbe entweder von Geburt an, sei es mit aus einem allerdings unbekannten Vorleben mitgebrachten Fertigkeiten (Mystizismus), sei es mit bloßen Keimen zu solchen (Rationalismus) ausgerüstet oder nach dem von Aristoteles (und Locke) gebrauchten Bild als eine leere Wachstafel (oder ein weißes Blatt Papier), die, erst in diesem Leben durch die mittels der Sinne ihr zugeführten Eindrücke gleichsam beschrieben, die Elemente und Grundlagen ihrer künftigen Entwickelung empfängt (Empirismus). Im ersten Fall ergibt sich als unvermeidliche Folgerung, daß die Erziehung in diesem Leben aus dem Zögling nichts mehr und nichts andres zu machen vermöge, als was er schon in dem (vorausgesetzten) Vorleben gewesen sei, oder was er aus diesem als unauslöschliche A. in das gegenwärtige herübergebracht habe, daß somit die eigentliche Erziehung nicht in das uns aus Erfahrung allein bekannte Erden-, sondern in ein hypothetisches (möglicherweise nur erträumtes) Dasein der Seele vor oder außer diesem Falle, eine Folgerung, mit welcher die Pädagogik nichts anzufangen weiß. Im zweiten Fall aber scheint es, es liege in der Macht des Erziehers, aus dem "wie Wachs" bildsamen Zögling alles Beliebige zu modeln, was bekanntlich von der Erfahrung ebensowenig bestätigt wird. Das Korrektiv letzterer Ansicht, welche der Wahrheit jedenfalls nähersteht, liegt in der natürlichen Einschränkung, welche die Willkür des Erziehers durch den engen gegenseitigen Verband erfährt, in welchem Seele und Leib, Psychisches und Organisches untereinander stehen. Sämtliche geistige Vorgänge, Vorstellungen, Gefühle und Affekte, Begierden, Willensakte und Leidenschaften sind von physischen im Körper, insbesondere im Nerven- und Muskelsystem, begleitet, durch solche verursacht (Empfindungen) oder selbst Ursache von solchen (Bewegungen), werden entweder durch das Physische bestimmt, oder wirken umstimmend auf dieses zurück. Folge davon ist, daß nicht nur die bleibende Beschaffenheit des ganzen oder die gewisser Teile des leiblichen Organismus einen