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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Artĕmis

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Artemis.

2) A. (genannt der Daldianer, nach der lydischen Stadt Daldis, dem Geburtsort seiner Mutter) aus Ephesos, zu Anfang des 2. Jahrh. n. Chr. geboren, verfaßte ein Werk über Traumdeutungen ("Oneirokritika") in 5 Bänden, welches in gewandter Darstellung eine Theorie der Traumdeutung nebst praktischer Anwendung derselben an Beispielen und einer Sammlung von erfüllten Träumen enthält und für die Kulturgeschichte sowie für die alte Mythologie von Wert ist. Beste Ausgabe von Hercher (Leipz. 1864).

Artĕmis, in der Mythologie der Griechen die Göttin der Jagd, ursprünglich wohl Göttin des Mondes, aber auch Göttin der Quellen und Flüsse, der vegetativen Fruchtbarkeit, der Geburt und Kindespflege, der Hochzeit. Sie ist die Tochter des Zeus und der Leto (Latona), nach der gewöhnlichen Sage als Zwillingsschwester des Apollon und zwar vor ihm aus Delos geboren. Auf diese Insel deutete man auch die ihr nach andrer Tradition beigelegte Geburtsstätte Ortygia (s. Asteria); indessen machten auf denselben Namen und seinen mythologischen Ruhm noch andre Orte Anspruch, wo alter Artemisdienst herrschte, namentlich die bekannte gleichnamige Insel bei Syrakus. Als Kind auf den Knieen des Vaters spielend, erbat sich A. von ihm ewige Jungfrauschaft, 60 neunjährige Okeanostöchter zu Gespielen beim Tanz und 20 kretische Nymphen als Dienerinnen, ferner ruhmvollen Namen, Pfeil und Bogen und alle Berge, um auf denselben zu jagen, dagegen nur eine einzige Stadt; denn auf den Bergen wolle sie wohnen, in den Städten nur den Frauen in Geburtswehen helfen, wozu sie von den Schicksalsgöttinnen bestimmt sei, da ihre Mutter sie schmerzlos geboren habe. Wie letztere, so wurde auch A. neben ihrem Bruder an allen wichtigern Stätten des Apollondienstes verehrt, namentlich in Delos auf dem Berg Kynthos (daher Kynthia), in Delphi (Ursprung der delphischen Sibylle) und zu Didyma, dem Heiligtum der Zwillinge, wo neben Apollon Hekaërgos A. als Hekaërge "Ferntreffende") Verehrung genoß. Denn wie jener führt sie Pfeil und Bogen und kämpft an seiner Seite gegen den Drachen Python und gegen die Giganten. Wie Apollon, galt sie mit ihren Pfeilen auch als Ursache plötzlichen Todes, namentlich von Mädchen und Frauen, zugleich aber auch als schützende, heilbringende Gottheit. Wie ihr Bruder der Lichtgott des Tages, so ist A. eine nächtliche Lichtgöttin, die daher auch die Fackel führt und im Lauf der Zeit mit allen möglichen Mond- und Nachtgöttinnen, wie Selene, Hekate, Bendis, Britomartis (s. d.), verschmilzt. Wie jener Phöbos, so heißt sie Phöbe (die "Reine"), und beiden ist der Lorbeer geweiht, dessen Zweige bei Sühnungen gebraucht wurden. Ihr eigentliches Gebiet ist die freie Natur mit ihren Bergen und Thälern, Wäldern, Wiesen, Quellen und Flüssen; dort treibt sie mit den Nymphen, von allen die schönste und alle durch hohen Wuchs überragend, bald als rüstige Jägerin ihr Wesen, bald tanzt, spielt oder badet sie mit den Genossinnen. Als ihr liebstes Revier galt das berg- und waldreiche Arkadien, wo sie an vielen Stellen Heiligtümer, geweihte Jagdbezirke und heilige Tiere hatte. Denn als Wald- und Jagdgöttin sind ihr alle Tiere der Fluren und Wälder, kurzum alles Wild, lieb und geweiht, und wie die Fruchtbarkeit in Wald und Feld, fördert sie auch das Gedeihen des Wildes; ja, selbst die Viehzucht, die auf freier Weide stattfindet (Ziegen, Rinder, Pferde), steht unter ihrer Obhut. In Ätolien war ihr der Eber, in Arkadien und Attika der Bär, das stärkste Tier des Waldes, geweiht. Für ihren Liebling galt aber in ganz Griechenland die Hirschkuh, daher sie auf Hirschen reitet oder Hirsche mit goldenem Geweih den Wagen der Göttin ziehen, ja diese selbst mitunter ein Hirschgeweih trägt. Als Göttin der Jagd feierte man ihr alljährlich im Frühling das Fest der Elaphebolien (Hirschjagd), bei dem ihr Hirsche oder Kuchen in Gestalt solcher geopfert wurden. Der Wirkungskreis der Quell- und Flußgöttin A. erstreckte sich allmählich auch auf Seen und Meer; sie wurde zur Schutzgöttin der Seeleute, welche glückliche Fahrt verleiht, und daher in Häfen und an Vorgebirgen vielfach verehrt. Als Göttin des Weidwerks hatte A. ferner auch eine kriegerische Bedeutung, daher ihr von den Spartanern vor der Schlacht eine Ziege geopfert wurde. Auch Miltiades hatte ihr vor der Schlacht bei Marathon so viel Ziegen zu opfern gelobt, als Feinde das Feld bedecken würden; weil man bei der großen Zahl das Gelübde nicht zu erfüllen vermochte, opferte man ihr alljährlich im Monat Boedromion (September bis Oktober) bei der marathonischen Siegesfeier 500 Ziegen. Nicht minder genoß A. als Mondgöttin Verehrung. So beging ihr in Amarynth auf Euböa die ganze Insel eine Feier mit festlicher Prozession und Kampfspielen, und zu Munychia in Attika wurden ihr im Monat Munychion (April bis Mai) zur Vollmondszeit große, rings mit Lichtern umsteckte Opferkuchen als Symbol des von ihr beherrschten Nachtgestirns in Prozession dargebracht. Ein uraltes Heiligtum der Mondgöttin A. befand sich auch zu Brauron in Attika, das eine solche Verehrung genoß, daß das ursprüngliche Lokalfest der Brauronien später als Staatsfest auch von Athen alle fünf Jahre beschickt und in der Hauptstadt selbst aus der Burg ein Tempel der brauronischen A. errichtet wurde. Bei diesem Fest wurden die Mädchen von 5 bis 10 Jahren in krokusfarbenen Gewändern von ihren Müttern in Prozession der Göttin zugeführt und ihrem Schutz empfohlen. Denn A. ist auch eine Pflegerin der Jugend. Als solcher feierte man ihr in Sparta ein besonderes Ammenfest, an welchem die Ammen ihre Säuglinge in den Tempel der A. brachten, opferten, schmausten und tanzten. Bei den Ioniern wurde ihr am Fest der Apaturien das Haar der Knaben dargebracht, und fast überall verehrten die Mädchen die jungfräuliche Göttin als Schützerin ihrer Keuschheit und brachten ihr vor ihrer Vermählung eine Locke, den Gürtel, ihr Mädchenkleid u. a. als Opfer dar. Feindin alles zuchtlosen Wesens und selbst der Männerliebe feind, fordert A. jungfräuliche Reinheit auch von den Nymphen, ihren Genossinnen, wie von den Priesterinnen ihrer Tempel und bestraft unerbittlich jeden Fehltritt derselben (s. Kallisto) wie jedes Antasten ihrer Ehre (s. Orion, Aktäon) oder der ihrer Mutter (s. Tityos, Niobe) und jede Vernachlässigung ihres Dienstes (s. Öneus). Mit ihrer Eigenschaft als Mondgöttin und Förderin des leiblichen Gedeihens, namentlich des weiblichen Geschlechts, hängt endlich auch die Vorstellung von ihr als Helferin bei der Entbindung (s. Eileithyia) und als Göttin der Hochzeit zusammen, als welche A. später mit Apollon ständig fungiert. In alter Zeit waren der A. auch Menschenopfer dargebracht worden; an Stelle derselben trat in Sparta der Brauch, jährlich die Knaben an dem Altar der auch anderwärts verehrten A. Orthia (der "Aufrechten", vielleicht von der Haltung des altertümlichen Holzbildes) oder Orthosia (in Lokalkulten auch Iphigeneia genannt) bis aufs Blut zu geißeln. Man sah in Sparta das alte Bild der Göttin als das von Iphigenia und Orestes von der Taurischen Halbinsel entführte Bild der taurischen A. an, einer