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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Aschanti

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Aschanti.

einer Art Reichsversammlung der Vornehmen umgeben ist, ohne deren Rat in Krieg und Frieden keine wichtige Entscheidung erfolgt. Die Großen, die man mit einem korrumpierten portugiesischen Wort Cabosir nennt, beanspruchen auch einen Anteil an den Tributen, und mehr als einmal haben sie einen König entthront. Überhaupt bildet das Aschantireich nicht sowohl einen kompakten Staat als einen Komplex von mehr oder weniger selbständigen Landschaften, die zum Herrscher in Kumassi nur in einem feudalen Verhältnis stehen und zum Teil neben eignen Fürsten auch ihre eignen Verfassungen beibehalten haben, auch vorzugsweise nur zu Tribut und zur Heeresfolge verpflichtet sind. Doch hat der König die Macht, einem gefährlichen Großen den Befehl zu schicken, daß er sich das Leben nehme. Auch ist er der gesetzliche Erbe aller seiner Unterthanen, succediert jedoch nur in ihren Besitz an Gold, während die Sklaven, das Vieh und die Ländereien der Familie verbleiben. Die bei den Aschanti wie bei allen Guineavölkern gebräuchliche Vielweiberei erscheint bei dem König auf die höchste Spitze getrieben; derselbe hat 3333 Weiber, welche Zahl beständig voll erhalten wird, da sie eine mystische Bedeutung hat. Eine dieser Frauen ist Königin, doch succediert nicht der Sohn einer solchen dem König, sondern der Sohn seines ältesten Bruders oder seiner ältesten Schwester. Durch das ganze Land herrscht Sklaverei, doch werden die Sklaven im allgemeinen gut gehalten. Die Kranken und Schwachen stehen unter dem Schutz des Königs; in seinem Palast zu Kumassi ist eine Versorgungsanstalt für hilflose Kinder. Der Krieg ist für dieses Volk aber die hauptsächlichste Beschäftigung; die Feldzüge gelten zumeist den Völkern im Innern, die gegen die Aschanti bedeutend im Nachteil sind. Diese Kriege sind äußerst blutig. Wenn eben kein Mangel an Sklaven ist, werden alle Gefangenen getötet und ganze Völkerstämme mit Feuer und Schwert ausgerottet. Die Gesetze der Aschanti waren früher von drakonischer Strenge, die leichtesten Vergehen wurden mit dem Tod bestraft. Die Verurteilten wurden gewöhnlich nach Kumassi gebracht und für ein großes Fest aufgespart. Viele Menschenleben forderten auch die Opfer bei den politischen oder religiösen Festen und bei Leichenbegängnissen. Seit dem unglücklichen Kriege gegen England finden aber dem Vertrag gemäß keine Menschenopfer mehr statt. Die Religion der Aschanti ist Fetischismus; das Christentum hat noch nicht Fuß unter ihnen gefaßt. Sie verehren zwar eine höchste Gottheit im Himmel, auf deren Altären kein Bild steht, glauben aber daneben auch an ein böses Wesen, an unreine Geister und Gespenster, vor denen sie große Furcht haben. Die bösen Geister erscheinen ihnen personifiziert als Schlangen, Krokodile, Leoparden; ihnen opfern sie auch, und die Geheimnisse der Priester bestehen hauptsächlich in den Mitteln, diese bösen Genien unschädlich oder geneigt zu machen.

Geschichtliches. Für den Gründer des Aschantireichs gilt der Häuptling Sai Turu, der zu Anfang des 18. Jahrh. mit Binnenstämmen den Strich eroberte, auf dem die von ihm erbaute Landeshauptstadt Kumassi liegt, und allmählich die Grenzen des Landes bedeutend ausdehnte. Im Anfang des 19. Jahrh. bekriegten die Aschanti die Fanti, ein wohlhabendes und friedliches Volk, das mit den Engländern an der Goldküste im besten Einvernehmen lebte. In drei Feldzügen (1807, 1811, 1816) wurden die Fanti zum Teil unterworfen oder ausgerottet, und die ganze Küste fiel den Aschanti anheim. Die Engländer hatten das Unheil von ihren Verbündeten nicht abwenden können, und in gleicher Weise mißlangen ihre Versuche, mit den Aschanti in freundliche Beziehungen zu treten. Diese grollten wegen des Verbots des Sklavenhandels, forderten aber außer der Wiederherstellung desselben auch die Fortentrichtung der Subsidien, welche die Engländer den Fanti bezahlt hatten. Nach mehreren fruchtlosen Gesandtschaften griffen die Engländer zum Schwerte, doch verlief der Krieg für sie nicht glücklich. Der Feldzug von 1824 führte für sie nur Niederlagen herbei, ihr General Mac Carthy, Statthalter von Sierra Leone, und mehr als 1000 Soldaten starben im Gefecht oder durch Seuchen. Im J. 1826 endlich gelang es dem neuen Gouverneur, Campbell, die Aschanti hinter den Prahfluß zurückzutreiben und den Frieden herzustellen. Mit Ausnahme der noch den Dänen und Holländern gehörigen Küstenforts umfaßte von da ab das britische Gebiet an der Goldküste die Strecke von Apollonia im W. bis zur Mündung des Rio Volta im O., namentlich gerieten auch die Reiche Denkera und Wassa, welche bisher unter A. gestanden, unter britischen Schutz. Im J. 1863 brach abermals Krieg zwischen A. und den Briten aus, der wiederum unglücklich für die letztern verlief; sie vermochten nicht in das Land vorzudringen, blieben im Urwald stecken, und als über die Hälfte der Truppen am Fieber zu Grunde gegangen war, beschloß man von seiten Englands, den Feldzug abzubrechen. Doch gelang es diesem, die ganze Küste in seinen Besitz zu bringen und so die Aschanti von derselben abzuschneiden. Im J. 1850 gingen nämlich die wenigen dänischen und 1872 die niederländischen Besitzungen (Axim, Elmina, Tschama, Apagia etc.) durch Kaufverträge an England über. König Kalkalli von A. erhob aber Anspruch auf die Herrschaft über Elmina und den Stamm der Fanti und begann, als derselbe von England zurückgewiesen wurde, 1873 den Krieg gegen die Briten. Ein über 30,000 Mann starkes Heer unter General Amanquatia fiel in das Schutzgebiet der Engländer ein, verwüstete das Fantiland und schlug im Frühjahr und Sommer 1873 wiederholt die unter britischem Schutz stehenden Neger. Der Erfolg war anfangs für A., und die Briten sahen sich auf ihre Forts an der Küste beschränkt; das Bombardieren verschiedener von den Aschanti besetzter Küstenorte, wie Elmina, Akoda, Tschama, vermochte den Aschanti auch keinen Abbruch zu thun, und erst, als England große Anstrengungen machte und europäische Truppen unter General Garnet Wolseley nach der Goldküste sandte, gelang es Ende 1873, nach einigen Scharmützeln den übermütigen Feind hinter den Grenzfluß Prah zurückzutreiben. Nun knüpfte Kalkalli Verhandlungen an, aber bloß, um Zeit zu gewinnen. Wolseley setzte daher den Vormarsch gegen die feindliche Hauptstadt fort, schlug die Aschanti mehrere Male und rückte 4. Febr. 1874 in Kumassi ein, das er niederbrannte. Jetzt unterwarf sich Kalkalli, zahlte 50,000 Unzen Gold als Kriegsentschädigung, räumte alle Küstenpunkte und versprach Abschaffung der Menschenopfer. Vgl. E. Bowdich, Mission from Cape Coast Castle to Ashantee (Lond. 1819; deutsch, Weim. 1820); Dupuis, Journal of a residence in Ashantee (Lond. 1824); Brackenbury, The Ashantee war (das. 1874); W. Reade, Story of the Ashantee campaign (das. 1874); Hay, A. und die Goldküste (a. d. Engl., Berl. 1874); Stanley, Coomassie and Magdala (Lond. 1874); Henty, March to Coomassie (das. 1874); Gandert, Vier Jahre in A. Tagebücher der Missionäre Ramseyer und Kühne (Basel 1875), Weitbrecht, Four years in Ashantee (Lond. 1875).