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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Athen

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Athen (das heutige).

sie dann in nordöstlicher Richtung parallel lief, erkennen. Neuerdings ist ihre Richtung auch im N. und NO., wo sich das heutige A. ausdehnt, mit ziemlicher Gewißheit festgestellt worden, und man kennt die Lage von sechs Thoren dort genau. Von Sulla wurde die Mauer zerstört und namentlich an der Westseite dem Boden gleich gemacht. Die Stadt wurde erst unter Kaiser Valerian wieder befestigt, als die Gallier mit einem Einfall drohten. Sie war aber unterdessen kleiner geworden, die Einwohnerzahl zusammengeschmolzen; daher ist es wahrscheinlich, daß die neue Mauer eine geringere Ausdehnung hatte als die des Themistokles. Unter Justinian, der die Mauern aller Städte des obern Griechenland erneuerte, wurde auch die athenische Mauer wieder in stand gesetzt. Die Ringmauer der Stadt und zwar ihr südöstlicher Teil auf dem Museion und der Pnyx war mit den Häfen durch drei Mauern in Verbindung gesetzt, von denen die phalerische 35 Stadien (6470 m), die beiden langen Mauern nach dem Piräeus je 40 Stadien (7400 m) maßen. Die phalerische und die nördliche lange Mauer wurden zuerst gebaut und zwar, nachdem die kolossale Befestigung des Piräeus beendigt war. Sie wurden 452 v. Chr. vollendet. Den Vorschlag zum Bau der mittlern Mauer machte Perikles; derselbe wurde aber erst nach 448 begonnen und ausgeführt von Kallikrates, dem Baumeister des Parthenon. Die beiden ersten Mauern hatten den Zweck, zu verhindern, daß die Stadt durch eine Belagerung vom Meer getrennt würde; die dritte Mauer wurde hinzugefügt, damit auch für den Fall, daß der Feind schon eine Mauer genommen hätte, die Verbindung mit den Häfen doch nicht unterbrochen wäre. Der Zwischenraum zwischen ihnen war während Athens Blütezeit ziemlich dicht bewohnt, diente aber in Kriegszeiten auch zum Zufluchtsort für die Landleute. So flüchteten beim Beginn des Peloponnesischen Kriegs die Bewohner des offenen Landes zwischen die Mauern und behalfen sich unter armseligen Hütten, die sie daselbst errichteten. Die phalerische Mauer scheint schon in der letzten Zeit des Peloponnesischen Kriegs verfallen zu sein; die beiden andern wurden zerstört, nachdem die Lakedämonier A. erobert hatten. Konon aber erneuerte nur die beiden langen Mauern, und es ist seitdem auch immer nur von zwei Mauern die Rede.

A. hatte, Piräeus und Munychia eingerechnet, mehr als 10,000 Häuser und in seiner Blüte 21,000 freie Bürger, was auf eine Einwohnerzahl von mehr als 200,000 schließen läßt. Der vorzüglichste Teil des Privathauses (s. den Plan eines altgriechischen Hauses im Art. "Griechenland") war der Hofraum, welchen in größern Häusern die äußere Mauer von der Straße trennte; in der Regel führten aber die Hausthüren unmittelbar auf die Straße. Die obern Stockwerke hingen über und ruhten auf Säulenhallen. In der frühern Zeit waren die Privatwohnungen meist unansehnlich und ärmlich, aus Fachwerk oder, wie ein Teil der Stadtmauer, aus ungebrannten, an der Sonne gedörrten Lehmziegeln gebaut. Während aber die Privatleute bei dem Bau ihrer Wohnungen durchaus keinen Aufwand machten, führte der Staat die bewundernswürdigsten und kostspieligsten Tempel- und andre Bauten auf. Späterhin, zur Zeit des Demosthenes, trat der umgekehrte Fall ein. Ein umfangreiches System antiker unterirdischer Leitungen, welche der quellenlosen Stadt das Wasser zuführten, ist ganz neuerdings in seinen Resten nachgewiesen worden.

Das heutige Athen.

(Hierzu der "Stadtplan von Athen".)

Unmittelbar nördlich vom Felsen der Akropolis liegt in einem Halbkreis, wovon jener das Zentrum bildet, das heutige A., seit 1835 die Hauptstadt des Königreichs Griechenland. Die Wiederherstellung der Stadt ist unter König Otto nach einem Plan des bayrischen Baumeisters v. Klenze begonnen. Die Hauptstraßen sind die Hermes-, die Äolos- und die Athenestraße, dann die Piräeus-, Universitäts- und Stadionstraße. Die ostwestlich vom königlichen Schloß zum Bahnhof laufende Hermesstraße teilt die Stadt in zwei ungleiche Teile; die Äolosstraße durchkreuzt die Hermesstraße, erstreckt sich südlich bis zum Turm der Winde (s. oben) und findet ihre nördliche Fortsetzung in der Patissiastraße. Die schönste ist aber die Stadionstraße in dem neuen nordöstlichen Teil der Stadt. Ein großer Kanal geht mitten durch die Stadt, in welchen andre Kanäle, die auf Staatskosten wiederhergestellt sind, münden. Außer diesem großen Kanal ist noch ein andrer bemerkenswert, der von dem Platz Staropazaron (Kornmarkt) durch die Hadrianstraße geht, und endlich der Kanal der Palast- u. St. Markusstraße. Eine Dampfstraßenbahn führt durch die Stadt von den Gärten des Ilissos nach den Vorstädten. In A. befinden sich gegen 20 öffentliche Brunnen, und außerdem werden noch die öffentlichen und viele Privatgebäude von einer großen Leitung aus, welche am Fuß des Hymettos und Pentelikon Quellwasser sammelt und in die Stadt führt, mit Wasser versehen. Die bedeutendsten öffentlichen Gebäude sind: das Münzgebäude, zwei Kasernen, ein Zivil- und ein Militärhospital, das Universitätsgebäude (1837 von Hansen erbaut), das Polytechnikum und das noch unvollendete Zentralmuseum mit wichtigen Altertümersammlungen, die Sternwarte, die Arsakische Mädchenschule (das größte Institut seiner Art im Orient), das Hospital für Augenleidende, die Gebäude der Akademie und der Kammern und besonders das neue königliche Residenzschloß im O. der Stadt, 1834-38 nach den Plänen Gärtners erbaut. Unter den Kirchen, deren überwiegende Mehrzahl dem orientalischen Kultus angehört, sind die große und kleine Metropolis zu nennen, letztere vom Fürsten Otho de Laroche im 13. Jahrh. ganz aus antiken Stücken erbaut, erstere 1840-55 durch vier verschiedene Architekten aus dem Material von 70 kleinern Kirchen und Kapellen, welche niedergerissen wurden, errichtet.

Die Bevölkerung Athens bestand 1821 beim Beginn der griechischen Erhebung aus 10,000 Christen und 1500 Türken; 1832 lebten nur noch 1500 Christen und 300 Türken in A.; 1842 zählte die Stadt 21,698, 1853: 31,125, 1871: 44,510, 1884 schon 84,903 Einw. inkl. 6137 Soldaten. In dem ältern Stadtteil um den Markt wohnen die eingebornen Hellenen, pflegen ihres Gewerbes und ziehen reichlichen Gewinn aus Mietzins und Handel. Die Eingewanderten, der Hof, die Beamten, die fremden Minister verkehren mehr in den neuen Straßen im nordöstlichen Teil der Stadt. Hier ist alles europäisch, Kutschengerassel und Ballmusik ertönt, und elegant gekleidete Spaziergänger beiderlei Geschlechts unterhalten sich in allen Sprachen Europas. Überhaupt zeigt A. einen merkwürdigen

^[Abb.: Wappen von Athen.]