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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Belgien

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Belgien (Geschichte 1780-1830).

Reformeifer Josephs, welcher die religiösen Sympathien und die von ihm in der Joyeuse entrée ausdrücklich anerkannten ständischen Gerechtsame Brabants, Limburgs und Antwerpens nicht achtete, einen förmlichen Aufstand und Sezessionsversuch hervor. Die Studierenden der ihrer Privilegien beraubten Universität Löwen gaben das Zeichen; das unsichere Verhalten der Regierung ermutigte die Aufständischen, welche, geführt von dem Advokaten van der Noot, die Anerkennung Josephs verweigerten (1788). Die Insurgenten unter van der Meersch schlugen die Österreicher 26. Okt. 1789 bei Turnhout und nahmen ihnen mehrere feste Plätze ab; in Brüssel selbst aber wurde (Dezember 1789) die österreichische Garnison zur Kapitulation und Räumung der Stadt gezwungen. Am 11. Jan. 1790 erklärten sich sämtliche Provinzen als "Vereinigte belgische Staaten" für einen unabhängigen Staat und übertrugen ihre gemeinsamen Angelegenheiten einem Kongreß. Aber die Spaltungen unter den Aufständischen, zwischen einer demokratischen Partei unter Vonck und einer klerikal-aristokratischen unter van der Noot, machten es, obwohl der Kongreß die Anerbietungen des neuen Kaisers, Leopold II., zurückwies, dem österreichischen General Bender, welcher sich bis dahin in Luxemburg gehalten hatte, möglich, Ende November 1790 ohne große Schwierigkeiten das Land zu unterwerfen, worauf eine Amnestie erlassen und die frühern Ordnungen und Rechte wiederhergestellt wurden.

Nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen dem Kaiser und Frankreich 1792 machten sich schon 7. Nov. die Franzosen durch die Schlacht von Jemappes zu Herren Belgiens, mußten es zwar nach der Niederlage Dumouriez' bei Neerwinden (18. März 1793) wieder räumen, eroberten es aber nochmals unter Pichegru durch die Schlacht bei Fleurus (26. Juni 1794), welche der österreichischen Herrschaft in B. für immer ein Ende machte und die Annexion an die französische Republik zur Folge hatte. Diese Annexion wurde in den Friedensschlüssen von Campo Formio 1798 und von Lüneville 1801 bestätigt. B. wurde in neun Departements eingeteilt und durch die Einführung französischer Gesetze und Einrichtungen vollständig mit Frankreich verschmolzen. Nach dem Sturz Napoleons wurde B. auf dem Wiener Kongreß nach mehrmonatlicher Verwaltung durch einen österreichischen Generalgouverneur mit Holland zum Königreich der Vereinigten Niederlande vereinigt und unter die Herrschaft des Prinzen Wilhelm von Oranien gestellt, der 23. März 1815 als Wilhelm I. den Titel eines Königs der Niederlande annahm, worauf durch den Londoner Vertrag vom 19. Mai 1815 und durch die Wiener Schlußakte vom 9. Juni 1815 die Verhältnisse des neuen Königreichs näher bestimmt und geregelt wurden. Im zweiten Pariser Frieden von 1815 wurde die Südgrenze desselben durch einige neu hinzugefügte Bezirke mit den Festungen Philippeville, Marienburg und dem Herzogtum Bouillon verstärkt. Die neue Konstitution des Königreichs ward 24. Aug. 1815 verkündigt und vom König Wilhelm I. 27. Sept. auf dem Königsplatz zu Brüssel beschworen.

Diese Vereinigung von Provinzen, welche sich durch Nationalität, Sprache, Konfession, materielle Interessen und eine lange historische Vergangenheit unterschieden, erwies sich bald als eine unglückliche. B. hatte unter französischer Herrschaft in Gewerbe und Industrie einen Ausschwung genommen, trieb aber gar keinen Handel und stand an Wohlhabenheit weit hinter Holland zurück; die Geistesrichtung war durchaus französisch, und, von den Städten abgesehen, klerikal. Von Anfang an traten nun die nördlichen Provinzen, welche auch die königliche Residenz, den Haag, besaßen, als die gebietenden auf. Die neue Konstitution wurde von der Mehrheit der berufenen belgischen Notabeln verworfen, aber durch eine sophistische Fiktion vom König den belgischen Provinzen oktroyiert; dies sowie die Gleichstellung der Konfessionen und die Einführung der holländischen Sprache in den amtlichen Gebrauch erregten Unzufriedenheit. Dazu kam, daß die südlichen Provinzen durch die Teilnahme an der holländischen Staatsschuld sehr benachteiligt wurden, und daß dieselben im Verhältnis zu ihrer starken Bevölkerung viel zu wenig Abgeordnete zu wählen hatten. Am eifrigsten wirkte gegen die Union der katholische Klerus in B., an dessen Spitze der Bischof von Gent, Prinz Moritz von Broglie, stand. Das Bestreben der Regierung, dem Klerus seinen Einfluß auf die Unterrichtsanstalten zu entreißen, fand erbitterten Widerstand, infolgedessen 1817 selbst der Bischof von Gent zur Strafe gezogen und seiner geistlichen Gerichtsbarkeit beraubt wurde. Die untern Klassen wurden aufgebracht durch Einführung einer Schlacht- und Mahlsteuer (1821) und durch das 1822 organisierte Amortissementssyndikat, welches, der Öffentlichkeit und aller Kontrolle entzogen, als ein büreaukratisches Institut sehr mißliebig war. Endlich glaubten sich die Angehörigen der südlichen Provinzen bei Anstellungen in allen Departements zurückgesetzt. Daher erhob die Presse laut ihre Stimme gegen das ganze System. Die Regierung suchte anfangs einzulenken durch Abschließung eines Konkordats mit dem Papst auf Grund des zwischen Napoleon I. und Pius VII. geschlossenen (18. Juli 1827), durch Zurücknahme der Schlacht- und Mahlsteuer etc.; aber es war schon so weit gekommen, daß diese Konzessionen als Beweis der Schwäche galten, und als vollends die beiden unzufriedenen Parteien, die ultramontane und die liberale, eine Koalition schlossen und in ihren Preßorganen, namentlich dem geschickt redigierten "Courrier des Pays-Bas", immer weiter gehende Forderungen stellten, sah sich die Regierung schließlich zu energischem Auftreten veranlaßt. Am 11. Dez. 1829 erschien mit einem reaktionären Preßgesetzentwurf eine königliche Botschaft, worin die Konstitution als Ausfluß des freien Willens des Königs, die Opposition als ein Klub von Verführten und Betrügern dargestellt war. Diese Botschaft mußte von allen Beamten bei Strafe der Absetzung binnen 24 Stunden unterzeichnet werden. Gleichzeitig wurde gegen die Presse streng eingeschritten und mehrere der angesehensten Stimmführer der Opposition, wie de Potter, Tielemans, Bartels u. a., des Landes verwiesen.

Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß die französische Julirevolution 1830 eine Katastrophe hervorrief. Die Aufführung der "Stummen von Portici" 25. Aug. gab das Zeichen zum Aufstand in Brüssel, wo Emissäre von Paris die Stimmung bearbeitet hatten. Bald fand die Insurrektion auch in andern Städten, in Lüttich, Verviers, Brügge, Löwen etc., Nachahmung. In Brüssel wurden namentlich der Palast des verhaßten Justizministers van Maanen und die amtliche Druckerei zerstört. Deputationen verlangten im Haag Abstellung der Mißverhältnisse, eine völlige Trennung war noch nicht beabsichtigt. Allein die Ereignisse drängten von selbst zu diesem Schritt. Nachdem ein Versuch des Prinzen von Oranien, eine Verständigung herbeizuführen, mißlungen, wurde 22. Sept. von der durch radikal