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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bojador; Bojana; Bojano; Bojanowo; Bojar; Bojardo

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Bojador - Bojardo.

von Arnim-B. mit Park und Tiergarten, eine Pfarrkirche, künstliche Forellenzucht und (1880) 866 Einw.

Bojador (v. span. bojár, "umschiffen"), Vorgebirge an der Westküste Nordafrikas, südlich von den Kanarischen Inseln, unter 26° 6' 57'' nördl. Br., bildet den westlichen Ausläufer des Gebirgszugs Dschebel el Aswad in der Sahara und galt geraume Zeit für das westliche Ende der Welt und das Ziel der südlichen Meerfahrten. Die Umsegelung des Kaps durch den Genuesen Ugolino Vivaldo 1291, durch den Katalonier Jayme Ferrer 1346 und andre Seefahrer war in Vergessenheit gekommen; daher galt es als eine große That, als der Portugiese Gil Eannes 1434 das Kap umschiffte. Wegen der geringen Tiefe der See, der zahlreichen submarinen Klippen und der heftigen Strömungen sowie wegen der häufigen Trübung der Atmosphäre ist die dortige Küste gefährlich zu befahren; hier finden sich die höchsten überhaupt bekannten Dünen (130 m hoch).

Bojana, Fluß in Türkisch-Albanien, schiffbarer Ausfluß des Sees von Skutari, mündet 5½ km von demselben ins Adriatische Meer. Durch einen neuerdings entstandenen Arm des Drin, den Drinazi, steht er bei Skutari mit diesem in Verbindung.

Bojano, Stadt in der unterital. Provinz Campobasso, Kreis Isernia, am Biferno, in einer tiefen Schlucht, dicht am nördlichen Fuß des 2118 m hohen Matese, Bischofsitz mit Seminar, Kathedrale und (1881) 3506 Einw. B. ist das alte Bovianum Undecumanorum, die Hauptstadt der Pentri in Samnium, und wurde mehrmals (zuletzt 1805) durch Erdbeben fast ganz zerstört. Noch heute sind über der Stadt die Cyklopenmauern der alten Burg zu sehen.

Bojanowo, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Posen, Kreis Kröben, 110 m ü. M., an der Breslau-Posener Eisenbahn, nahe der schlesischen Grenze, hat eine evang. Pfarrkirche und mit der Garnison (1 Eskadron Kürassiere) 2207 vorherrschend protest. Einwohner. B. wurde 1638 von dem Lutheraner Stephan Bojanowski und seinen schlesischen Anhängern gegründet; großer Brand 12. Aug. 1857.

Bojar (slaw., russ. bojarin, von boi, "Kampf"), s. v. w. Krieger; dann freier Grundbesitzer, Adliger; in Rußland ursprünglich Bezeichnung der den vornehmsten Adelsgeschlechtern angehörigen Mitglieder des ersten Standes. Die Bojaren bildeten die nächste Umgebung der regierenden Fürsten, neben welchen sie eine gewisse Unabhängigkeit behaupteten. Sie waren im ausschließlichen Besitz der höchsten Ämter im Zivil- und Militärdienst und standen bei dem Volk in so großem Ansehen, daß die Großfürsten, selbst ein Iwan der Schreckliche, ihren Ukasen stets beifügten: "Der Zar hat es befohlen, die Bojaren haben es gutgeheißen". Unter den Bojaren selbst wurde die Rangordnung nach dem Alter im Dienste des Staats bemessen und streng festgehalten. Die Zügellosigkeit der Großfürsten ward nicht selten durch die Macht und das Ansehen der Bojaren im Zaum gehalten, weshalb erstere erbitterte Feinde der Bojarengewalt wurden und nicht selten dieselbe zu brechen sich bemühten. Erst Peter d. Gr. gelang es, die Bojarenwürde gänzlich aufzuheben und an ihre Stelle Rang und Titel, aber ohne Vorrechte und Macht, zu setzen. Der letzte B., Knjas Iwan Jurjewitsch Trubeckoi, starb 16. Jan. 1750. In der Moldau bilden die Bojaren gegenwärtig den hohen Adel, in der Walachei heißen sie Boiladen.

Bojardo, Matteo Maria, Graf von Scandiano, berühmter ital. Dichter, geboren um 1434 zu Scandiano als Sprößling eines alten vornehmen Geschlechts der Lombardei, widmete sich auf der Universität Ferrara juristischen und humanistischen Studien und trat dann in die Dienste des Hofs von Ferrara. Herzog Herkules I., dessen besonderes Vertrauen er genoß, übertrug ihm die bedeutende Stelle eines Gouverneurs von Reggio, die er bis an seinen Tod bekleidete. Er starb 21. Dez. 1494 in Reggio. B. zeichnete sich nicht nur als Beamter und Kriegsmann aus, sondern war auch einer der gebildetsten und gelehrtesten Männer seiner Zeit und nimmt als Dichter einen hervorragenden Platz in der italienischen Litteratur ein. Sein Hauptwerk ist das romantische Epos "Orlando innamorato", welches die Liebe des aus der Karlssage bekannten Helden Roland zu der schönen Angelika und die hieraus entspringenden Abenteuer zum Inhalt hat. Von den drei Büchern, aus welche das Gedicht berechnet war, sind jedoch nur die beiden ersten, das eine 29, das zweite 31 Gesänge umfassend, vollendet; das dritte ist nur bis zum 9. Gesang fortgeführt, da der Einfall der Franzosen (1494) die friedliche Arbeit des Dichters unterbrach. Das Hauptverdienst Bojardos besteht in der Erfindung. Er hat den ursprünglichen Kern der Rolandssage aufs glücklichste erweitert, indem er nicht nur die Liebe als ein neues Element in dieselbe aufnahm, sondern auch eine Menge neuer Charaktere und interessanter Abenteuer hinzudichtete und die alte Sage so gewissermaßen zuerst in einer dem Geiste der modernen Dichtung und dem Geschmack seiner Nation insbesondere entsprechenden Gestalt in die neuere Litteratur einführte. Die wohlklingenden Namen der von ihm neugeschaffenen Helden soll er von Bauernfamilien aus der Gegend von Reggio entlehnt haben. Der "Orlando" erschien zuerst vollständig in Scandiano 1495 und bis 1544 in 16 andern Ausgaben, von welchen die von Mailand 1513 die beste ist. B. hatte aber augenscheinlich nicht Zeit gehabt, die letzte Feile an sein Gedicht zu legen. Sein Ausdruck ist oft unelegant, seine Versifikation nicht selten schwerfällig und seine Sprache namentlich für florentinische Ohren häufig inkorrekt. Schon im 16. Jahrh. wurden daher zwei Versuche gemacht, Stil und Sprache des Gedichts zu verbessern; der eine von Lodovico Domenichi (zuerst Venedig 1545 u. öfter) ist gegenwärtig vergessen, der andre, durchgreifendere von Fr. Berni (s. d.) gehört zu den klassischen Werken der italienischen Litteratur, und das Original geriet darüber bis auf die neuere Zeit ganz in Vergessenheit, In seiner ursprünglichen Gestalt erschien der Bojardosche "Orlando" erst wieder zu London 1830 in 4 Bänden mit sehr schätzbarer Einleitung von Panizzi und im "Parnasso italiano continuato" von A. Wagner. Einen geschmacklosen Fortsetzer fand das Gedicht schon in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrh. in Niccolò degli Agostini, der 33 Gesänge hinzufügte, welche indessen von einer andern Fortsetzung, dem hochberühmten "Orlando furioso" des Ariosto (s. d.), völlig in den Schatten gestellt wurden. Bojardos "Orlando" wurde schon im 16. Jahrh. und seitdem öfter ins Französische und in neuerer Zeit in die meisten andern europäischen Sprachen übersetzt (ins Deutsche von Gries, Stuttg. 1835-37, 3 Bde., und von G. Regis, Berl. 1840). Man hat außerdem von B. noch drei Bücher vortrefflicher "Sonetti e canzoni" (Reggio 1499, Vened. 1501, Mail. 1845), das Lustspiel "Timone" (Scandiano 1500, Vened. 1517), fünf "Capitoli" und einige Eklogen. Eine Auswahl der kleinern Gedichte gab Venturi heraus (Modena 1820). B. übersetzte auch den Herodot und den "Goldenen Esel" des Apulejus.