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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bonaparte

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Bonaparte (Nachkommen von Lucian).

Einsetzung des Konsulats beschließen ließ, wurde darauf Mitglied der Gesetzgebungskommission und, als er die Grundzüge der sogen. Konstitution von VIII entworfen, Minister des Innern, in welcher Stellung er mit rühmlichem Eifer Künste, Wissenschaften und öffentlichen Unterricht zu fördern suchte. Als Napoleon sein System der Militärgewalt durchsetzte, wurde Lucian, welcher immer noch an republikanischen Ideen festhielt, im Oktober 1800 als Gesandter nach Madrid geschickt, wo er den überwiegenden englischen Einfluß zu beseitigen und den König Karl IV., seine Gemahlin und deren Günstling für Frankreich zu gewinnen wußte. Napoleon, der das diplomatische Talent seines Bruders anerkennen mußte, rief ihn nach Frankreich zurück und bemühte sich, durch glänzende Beweise seiner Zufriedenheit den begabtesten seiner Brüder von neuem an sich zu fesseln. Lucian trat 9. März 1802 ins Tribunat, wurde 3. Febr. 1803 Mitglied des Instituts für die Klasse der politischen und moralischen Wissenschaften und erhielt bald darauf die Senatorie Trier. Doch die Entfremdung zwischen den Brüdern wuchs, als B. sich 1802 zum zweitenmal mit der Witwe eines Wechselagenten Jouberthon verheiratete. Als Napoleon den Kaiserthron bestieg, zog sich Lucian nach Italien zurück, wo er sich erst in Mailand, später in Rom aufhielt und dann eine Villa bei Rom kaufte. Hier lebte er den Wissenschaften und Künsten im vertrauten Verkehr mit dem Papste, der ihn hochachtete. Vergeblich bot ihm Napoleon die Krone von Italien und die von Spanien an, indem er zugleich Trennung von seiner Gattin verlangte. Ebenso verweigerte Lucian seine Zustimmung zu der von Napoleon vorgeschlagenen Verheiratung seiner Tochter mit dem Prinzen von Asturien (nachmaligem König Ferdinand VII. von Spanien). Der Kaiser wurde dadurch so erbittert, daß Lucian sich bewogen fand, mit seiner Familie nach Nordamerika überzusiedeln. Wirklich segelte er 5. Aug. 1810 von Civitavecchia ab, wurde jedoch von englischen Kreuzern aufgefangen und nach Malta und im Dezember nach England gebracht, wo er bis 1814 als Kriegsgefangener lebte, aber mit Auszeichnung behandelt wurde. Nach Napoleons Sturz 1814 freigelassen, ging er nach Italien und wurde vom Papst zum Fürsten von Canino, einem kleinen, von ihm angekauften Besitztum bei Viterbo, erhoben. Nach Napoleons Rückkehr von Elba 1815 eilte Lucian nach Paris und nahm, vom Kaiser zum Mitglied der Pairskammer ernannt, nicht unter den französischen Prinzen, sondern als Fürst von Canino seinen Sitz ein. Vergeblich riet er seinem Bruder, sich als Konsul an die Spitze der revolutionären demokratischen Elemente zu stellen und sie zum Kampf gegen das reaktionäre Europa aufzurufen; ebenso vergeblich war nach der Niederlage bei Waterloo sein Rat, die Kammern auszulösen und als Diktator Frankreichs vereinigte Kraft gegen die Koalition zu führen. Als nichts mehr zu retten war, kehrte er nach Italien zurück. In Turin auf Befehl des österreichischen Generals Bubna verhaftet und auf die Citadelle gebracht, konnte er nur durch die dringende Fürsprache des Papstes und unter der Bedingung, daß er den Kirchenstaat nicht verlasse, im September 1815 seine Freiheit wiedererlangen. Mit seiner Rückkehr nach Rom endete seine politische Laufbahn. Er lebte von jetzt an bald in Rom, bald auf seinen Gütern. Erst nach der Julirevolution von 1830 ward er des Zwanges ledig und verweilte nun geraume Zeit in England, von wo er 1838 auch Deutschland besuchte, später aber nach Italien zurückkehrte. Fürstliche Pracht umgab ihn, und Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst füllte seine Tage aus. Er starb 30. Juni 1840 in Viterbo. Von seinen Schriften sind zu erwähnen: der Roman "La tribu indienne, ou Édouard et Stellina" (Par. 1799, 2 Bde.); das von ihm während seines Aufenthalts in London verfaßte und dem Papst zugeeignete Epos "Charlemagne, ou l'Église délivrée" in 24 Gesängen (1814, 2 Bde.), worin er gegen seinen Bruder eiferte und die Bourbonen feierte; ein andres, "La Cyrnéide, ou la Corse sauvée" (1819), worin er die Vertreibung der Sarazenen aus Corsica besang, und "Mémoires", von denen nur der erste Band (deutsch, Darmst. 1836) erschienen ist. Die nicht ganz zuverlässigen "Mémoires secrets sur la vie privée, politique et littéraire de Lucien B." (Lond. 1819, 2 Bde.) sollen von Alphonse de Beauchamp verfaßt sein. Vgl. Jung, "Lucien B. et ses mémoires" (Par. 1882-83, 3 Bde.). Nachkommen von Lucian Bonaparte. Aus erster Ehe Lucians mit Christine Boyer (gest. 14. Mai 1801) gingen hervor zwei Töchter:

a) Charlotte, geb. 13. Mai 1796, nach dem 1841 erfolgten Tod ihres ersten Gemahls, des Fürsten Mario Gabrielli, seit 1842 Gattin des römischen Arztes Centamori, wohnte seitdem mit ihrem Gatten in Rom, starb daselbst 6. Mai 1865, und

b) Christine Egypte, geb. 19. Okt. 1798, seit 1818 Gemahlin des schwedischen Grafen Arved Posse, seit 1824 des Lords Dudley, starb 18. Mai 1847 in Rom. - Aus Lucians zweiter Ehe mit der Witwe Jouberthon, Alexandrine Laurence de Bleschamp (geb. 1778, gest. 12. Juli 1855 in Sinigaglia; Verfasserin einer Dichtung: "Batilde, reine des Francs", 1820, neue Aufl. 1846, sowie eines gegen Thiers' "Geschichte des Konsulats" gerichteten "Appel à la justice des contemporains de feu Lucien B.", 1845), stammten fünf Söhne und vier Töchter, von denen sich folgende einen Namen gemacht haben:

c) Charles Lucien Jules Laurent, Prinz B., Fürst von Canino und Musignano, geb. 24. Mai 1803 zu Paris, besuchte verschiedene italienische Universitäten und widmete sich dann in Amerika naturhistorischen Studien. Eine Frucht derselben war die "American ornithology" (Philad. 1825, 3 Bde.; neue Ausg. 1876) als Fortsetzung zu Wilsons gleichnamigem Werk. Hierauf nach Italien zurückgekehrt, wo er in Rom seinen Aufenthalt nahm, erwarb er sich durch das berühmt gewordene Prachtwerk "Iconografia della fauna italica" (Rom 1833-1841, 3 Bde.) unter den Naturforschern eine ehrenvolle Stellung. Schon vorher hatte er eine Schrift: "Sulla seconda edizione del regno animale di Cuvier" (Bologna 1830), sowie einen "Saggio di una distribuzione degli animali" (Rom 1831) herausgegeben, wozu später noch der "Catalogo metodico dei mammiferi europei" (Mail. 1845) und der "Catalogo metodico dei pesci europei" (Neap. 1846) kamen. Auf den meisten wissenschaftlichen Kongressen Italiens 1830-42 wurde er zum Präsidenten erwählt. Als Liberaler war er im Anfang der römischen Bewegung ein Verehrer Papst Pius' IX., wandte sich aber später dem Radikalismus zu und trat 16. Nov. 1848 mit Sterbini, Cernuschi u. a. an die Spitze der republikanischen Partei. Seit Januar 1848 Oberst der akademischen Legion, wurde er zum Deputierten in die römische Konstituante gewählt und fungierte mehrmals als deren Vizepräsident. Nach dem Einzug der Franzosen in Rom flüchtete er nach Paris, wo er wieder naturwissenschaftlichen