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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brand

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Brand.

Gewebes nach der andern in gleicher Weise verändert und zerstört. Sobald dann der Stillstand eintritt, so sucht der Organismus, sofern er nicht erlegen ist, die abgestorbenen Gewebe vom Gesunden zu trennen und zu entfernen. Diese Trennung wird eingeleitet durch die Bildung von jungem gefäßreichen sogen. Granulationsgewebe an der unmittelbaren Grenze vom Toten und Lebenden, das zunächst als zarte, frischrote, scharfe Linie erscheint und als Demarkationslinie dem Arzt eine Erkennungsmarke ist, um bei beabsichtigter künstlicher Entfernung des abgestorbenen Stückes die Schnittführung zu bestimmen. Geschieht dieses Abtragen nicht, so wird die Granulationsschicht dicker und dicker, ihre Oberfläche sondert Eiter ab, dadurch entsteht eine Lockerung und schließliche Abstoßung des Brandstückes. Der weitere Heilungsverlauf ist nun nicht mehr verschieden von dem einer irgendwie anders entstandenen Wunde.

Sehr verschieden gestalten sich die subjektiven Symptome, d. h. die Erscheinungen, welche der Kranke selbst im brandigen Teil wahrnimmt. Wenn man absieht von dem Erscheinen des Brandes, welcher durch äußere Gewalt oder durch chemische und physikalische Einwirkung oder durch vorausgegangene heftige Entzündung hervorgerufen wird, wobei die Schmerzen sehr heftig sein können, so gehen oft dem infolge innerer Ursachen auftretenden sogen. spontanen B. eigentümlich schmerzhafte, reißende Empfindungen voraus, welche gewöhnlich für gichtische und rheumatische gehalten werden. Dazu gesellt sich ein Gefühl von Kälte in dem befallenen Teil. Oft aber entsteht der B. so schnell, daß mit dem Auftreten der Schmerzen auch schon das Absterben des vom B. befallenen Teils begonnen hat. Dies ist namentlich der Fall, wo Einschnürung und Kompression Veranlassung zur Entstehung des Brandes gegeben haben. Neben den geschilderten örtlichen Veränderungen treten aber in der Regel zugleich allgemeine Erscheinungen auf, welche besonders bei großer Verbreitung der Brandaffektion als eine Rückwirkung derselben auf den Gesamtorganismus aufzufassen sind. Es entsteht das Brandfieber mit schnellem, kleinem Puls, Ohnmacht, großer Abgeschlagenheit in den Gliedern, trockner Hitze der Haut, Irrereden, fliegendem, beengtem Atem, unauslöschlichem Durst bei lederartig trockner Zunge, Übelkeit, Brechneigung, Aufgetriebenheit des Unterleibes, stinkenden Durchfällen, sparsamem, dunkel gefärbtem, übelriechendem Urin, fahler Hautfärbung, zuletzt mit kalten, klebrigen Schweißen. Alle diese Erscheinungen deuten auf eine Vergiftung des Bluts durch die in dieses aufgesogene Brandjauche hin, welche Aussaugung um so leichter geschieht, je geringer der Grad der in der Umgebung des Brandes entstehenden Entzündung ist. Je früher und vollständiger sich der Brandherd umgrenzt, je energischer die demarkierende Entzündung an der Grenze des gesunden und toten Gewebes ist, um so weniger treten die allgemeinen Symptome und das Brandfieber hervor.

Da ein bereits brandig gewordenes Gewebe nicht mehr zum Leben zurückgeführt werden kann, so ist die Verhütung des Absterbens und, wenn es einmal begonnen hat, des Weiterschreitens desselben von größter Wichtigkeit. Die Behandlung hat daher drei Aufgaben: 1) Die Ursache zu erforschen, infolge deren der B. aufzutreten droht. Ist eine heftige Entzündung vorhanden, so muß diese durch die entzündungswidrige Behandlung gemäßigt, drohen Einschnürungen und Einklemmungen B. hervorzurufen, so müssen diese sofort gehoben werden. Ein einschnürender Verband muß gelüftet und lockerer angelegt werden; einschnürende Körpergewebe schneidet man ein, wie dies z. B. bei eingeklemmten Brüchen zum Behuf der Erweiterung der Bruchpforte geschehen muß und Einschneidung der Haut häufig nötig ist, wenn diese durch ihre Unnachgiebigkeit auf die unterliegenden entzündeten Gewebe einen nachteiligen Druck ausübt, u. s. f. Zu gleicher Zeit sorge man für gute Lagerung des Kranken, welche das Aufliegen (Durchliegen) vermeidet, und für größte Reinlichkeit der Leib- und Bettwäsche und des Körpers selbst. Wunden müssen fleißig gereinigt und frisch verbunden, die verunreinigten Verbandstücke sorgfältig entfernt, gute Ventilation hergestellt werden. 2) Den Allgemeinzustand des Kranken mit kräftiger Nahrung, Wein, Bädern etc. zu kräftigen und 3) die brandigen Teile, wenn sie zugänglich sind, nach den Regeln der Wundbehandlung zu pflegen. Diese örtliche Behandlung hat die Eiterung zu befördern durch warme Überschläge und Bäder, denen unter Umständen aromatische und reizende Substanzen beigemischt werden. Schreitet der B. dennoch fort, so kann unter Umständen ein operativer Eingriff, z. B. Amputation eines brandigen Gliedes, oder die Anwendung des Glüheisens nötig werden, welches in Kreisform um das Glied und zwar über die noch gesunde Haut hinweggeführt wird. Im allgemeinen jedoch gilt als Regel, daß man nicht eher zur Amputation eines brandigen Gliedes vorschreiten darf, als bis der B. sich begrenzt hat und zum Stillstand gekommen ist. Verbreitet ein brandig gewordener Körperteil einen übeln Geruch, welcher dem Kranken sehr lästig wird, so wickelt man den betreffenden Teil in Tücher ein, welche in Chlorkalklösung getaucht sind, welch letztere nebenbei noch den Vorteil gewährt, daß sie einen wohlthätigen Reiz auf die gesunden Teile übt, wodurch dann die Abstoßung befördert wird.

Der Altersbrand (Gangraena senilis, seniler B.) ist eine eigentümliche Art brandiger Zerstörung, welche meist bei ältern Leuten, mehr bei Männern als Frauen, auftritt, fast immer an den Zehen und Fußspitzen beginnt und die Folge jener Entartungen und krankhaften Veränderungen der blutzuführenden Gefäße ist, welche man mit dem Namen des atheromatösen Prozesses der Arterien belegt hat (vgl. Arterienentzündung). Es bedarf jedoch außer dieser Krankheit der Arterien noch einer Verminderung der Kraft des Herzens, wie sie ebenfalls häufiger bei alten Leuten angetroffen wird, wenn es zu einer so bedeutenden Verlangsamung des Blutstroms kommen soll, daß dadurch Gerinnungen und Verstopfungen innerhalb der Gefäße entstehen, wodurch die Ernährung der vom Herzen am weitesten entfernten Teile so sehr herabsinkt, daß B. entsteht. Ist einmal eine solche Zirkulationshemmung vorhanden, so bedarf es nur sehr geringfügiger äußerer Ursachen, einer leichten mechanischen Schädlichkeit oder einer Erkältung, um B. hervorzurufen. Diese Ursachen sind wegen ihrer Geringfügigkeit häufig übersehen worden. Man hat deshalb in früherer Zeit diesen B. den freiwilligen (Gangraena spontanea) genannt. Der senile B. beginnt in der Regel mit einer ganz leichten Entzündung, verwaschener Röte und teigiger Anschwellung der Haut der Fußspitze, welche zuweilen von Anfang an mit ausgedehnter und heftiger Schmerzhaftigkeit verbunden ist. Die weitern Veränderungen s. oben. Der Verlauf ist nicht immer ein schneller. Die Krankheit zieht sich vielmehr nicht selten in die Länge, scheint zuweilen stillstehen zu wollen, um dann mit einemmal wieder stärkere Fortschritte zu