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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brandenburg

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Brandenburg (Provinz: Bevölkerung, Industrie etc.; Geschichte).

Storkower Kanal am bedeutendsten; in der Nähe des Spreewaldes (bei Kottbus, Peitz etc.) liegen zahlreiche Teiche, der Karpfenzucht gewidmet. Das Klima ist im ganzen gemäßigt und gesund, nur starken Veränderungen unterworfen (Durchschnittstemperatur in Berlin 8,9, Potsdam 8,4, Frankfurt 8,5° C.). Die jährliche Regenmenge beträgt 50-60 cm.

Bevölkerung. Nahrungszweige. Nach der Zählung von 1880 hatte die Provinz ohne Berlin 2,266,651 Einw., davon sind 2,199,749 Evangelische, 50,963 Katholiken, 2468 Sektierer, 12,296 Juden etc. Diese Bevölkerung wohnt in 139 Städten, 3228 Landgemeinden und 1908 Gutsbezirken und besteht der Hauptmasse nach aus Deutschen; es gibt aber auch in der Lausitz, besonders in den Kreisen Kottbus und Spremberg, noch Wenden, im ganzen etwa 52,000. Die Hauptbeschäftigungen der Bewohner sind Industrie, Handel, Schiffahrt und Landwirtschaft. Von der Gesamtfläche der Provinz entfallen auf das Ackerland 45,9, die Gärten 0,8, die Wiesen 10,2, die Weiden 4,6 und die Holzungen 32,3 Proz. Durch Fruchtbarkeit zeichnen sich aus: ein Teil der Ukermark, das Oderbruch, die Gegenden von Landsberg, Soldin, im NO. und S. von Berlin, von Nauen, zwischen Neuruppin und Fehrbellin, zwischen Perleberg und Pritzwalk, von Lenzen etc. Hier wird viel Weizen gebaut, sonst sind aber Roggen und Kartoffeln, nächstdem Gerste und Hafer die Hauptfeldfrüchte; der Bedarf an Getreide wird nicht gedeckt. Außerdem erzeugt B. Zuckerrüben im Oderbruch, Tabak bei Schwedt und Vierraden, Obst und etwas Wein an der südlichen Havel (Werder) und in der Odergegend zwischen Guben und Züllichau, Hopfen, Flachs, Hanf, Buchweizen in den sandigen Gegenden, die ganz besonders in den Kreisen des Südens vorherrschen, wo auch die Waldungen, meist nur Nadelhölzer enthaltend, die Ackerländereien an Umfang übertreffen. Auch sonst ist in der Provinz die Kiefer der herrschende Waldbaum, wiewohl auch einige prachtvolle Laubholzbestände nicht fehlen. Die Wiesen sind am umfangreichsten im Havelland. Nach der Viehzählung von 1883 gab es in B. ohne Berlin 207,956 Pferde, 691,636 Stück Rindvieh, 1,709,897 Schafe, 567,707 Schweine und 231,383 Ziegen. Die Pferde sind in den fruchtbaren Teilen des Nordens am zahlreichsten; die Rindviehzucht wird allgemein, die Schafzucht auf den größern Gütern gepflegt, nimmt aber sehr ab. Der Wildstand ist bedeutend und wird durch große Tiergärten geschützt; für die Fischzucht gibt es mehrere vortreffliche Brutanstalten. Der Seidenbau geht trotz aller Pflege rückwärts. An Mineralien findet man viel Braunkohlen (1882 über 18 Mill. metr. Ztr.) und zwar zwischen Frankfurt und Wriezen, am Lausitzer Grenzwall im S., in den Rauenschen Bergen, im Land Sternberg etc.; etwas Raseneisenerz, viel Torf, Muschelkalk bei Rüdersdorf, Gips bei Sperenberg (das Steinsalzlager daselbst wird nicht benutzt) etc.; die Mineralquellen bei Freienwalde, Eberswalde, Frankfurt a. O. etc. sind nur von untergeordneter Bedeutung.

Die Industrie hat ihren Hauptsitz in Berlin (s. d.); sonst sind in der Provinz noch von Wichtigkeit die Wollspinnereien und Tuchfabriken in den Städten der Niederlausitz mit Einschluß von Kottbus, ferner zu Luckenwalde, Schwiebus etc., die Leinweberei im Kreise Sorau, die Zuckerfabriken im Oderbruch, die Maschinenfabriken, Glashütten (Baruth), Tabaksfabriken (Schwedt), die optischen Fabriken (Rathenow), die Ziegeleien in der Havelgegend, am Finowkanal etc., Dampfsägemühlen (Oderberg), die Bierbrauereien, die Spiritusbrennereien des Großgrundbesitzes (dem etwa die Hälfte des ganzen Grundbesitzes in der Provinz angehört). Der lebhafte Handel wird durch zahlreiche schiffbare Gewässer sowie durch ein ausgedehntes Eisenbahnnetz, das strahlenförmig von Berlin nach allen Himmelsgegenden sich ausbreitet, und durch viele merkantile Institute unterstützt. Fast sämtliche Eisenbahnen der Provinz sind jetzt Staatseisenbahnen, nämlich Berlin-Hamburg, Berlin-Stralsund, Berlin-Stettin, Berlin-Konitz-Eydtkuhnen (Ostbahn), Berlin-Sagan-Breslau (Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn), Frankfurt a. O. und Guben-Posen (Märkisch-Posener Eisenbahn), Stargard-Posen, Breslau-Stettin (Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn), Berlin-Görlitz, Berlin-Halle (Anhaltische Eisenbahn), Berlin-Blankenheim, Berlin-Potsdam-Magdeburg, Berlin-Lehrte und einige kleinere Linien. Unter Staatsverwaltung stehen Berlin-Dresden (Zossen), Halle-Kottbus-Sorau (Guben) und Angermünde-Schwedt. Privatbahnen sind Stargard-Küstrin mit Glasow-Berlinchen, Paulinenaue-Neuruppin und Wittenberge-Perleberg. Für die geistige Bildung sorgen (von Berlin abgesehen): 21 Gymnasien, 7 Realgymnasien, 1 Realschule, 8 Realprogymnasien, 8 Schullehrerseminare, 1 Landwirtschaftsschule, 3 Taubstummenanstalten, 1 Blindenanstalt, 1 höhere Forstlehranstalt zu Eberswalde etc. Eingeteilt wird die Provinz nach Ausschluß von Berlin in die Regierungsbezirke Potsdam mit 17 und Frankfurt mit 18 Kreisen; das Oberpräsidium hat seinen Sitz in Potsdam. Für die Justiz bestehen ein Oberlandesgericht (Kammergericht) in Berlin, 9 Landgerichte (Berlin I und II, Frankfurt a. O., Guben, Kottbus, Landsberg a. W., Neuruppin, Potsdam und Prenzlau) und 101 Amtsgerichte. Militärisch gehört die Provinz zum Bezirk des 3. Armeekorps; in Berlin und Umgegend steht außerdem das Gardekorps. In den deutschen Reichstag entsendet B. 26 (Berlin 6), in das preußische Abgeordnetenhaus 45 (Berlin 9) Mitglieder. Die ehemaligen Provinzialstände sind durch die neue Provinzial- und Kreisordnung aufgehoben worden (s. Preußen, Staat). Von ältern Benennungen sind noch im Munde des Volkes: Ukermark, die Kreise Prenzlau, Angermünde und Templin; Neumark, das Land im O. von der Oder, in engerer Bedeutung das im N. der Warthe; Niederlausitz, der südliche Teil des Regierungsbezirks Frankfurt. Andre Benennungen sind in den Kreisnamen beibehalten worden, z. B. Barnim, Havelland, Priegnitz, Lebus, Sternberg etc. Das brandenburgische Wappen ist ein roter Adler im silbernen Feld.

Geschichte.

B. ward zu Anfang der christlichen Zeitrechnung von den Semnonen, seit der Völkerwanderung aber von slawischen Völkern (Wenden), den Hevellern, Lutizen und Abotriten, bewohnt, bis der deutsche König Heinrich I. 927 die Slawen an der Elbe schlug, ihre Stadt Brennibor (Brandenburg) eroberte und aus dem ihnen entrissenen Land 931 die Mark Nordsachsen, später Altmark genannt, bildete. Unter Otto d. Gr. wurden die Bistümer Havelberg (945) und B. (949) gestiftet. Aber nach dem Tod seines Sohns Otto II. 983 gingen durch einen furchtbaren Aufstand der Wenden alle Eroberungen wieder verloren; das Christentum wurde ausgerottet, und die Wenden blieben heidnisch und unabhängig, bis 1134 der Askanier Albrecht der Bär, Graf von Ballenstedt, mit der Nordmark belehnt wurde, welcher die Wenden zurückdrängte, die Priegnitz, Zauche und Mittelmark erwarb, Brandenburg anstatt Stendal zur Residenz machte, die