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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Brasilien

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Brasilien (Kolonisationsversuche, Handel und Verkehr).

in außerordentlicher Zunahme begriffen; der Kaffee ist geradezu Brasiliens wichtigstes Produkt geworden, obschon die Preise stetig gesunken sind. B. exportierte in dem Dezennium 1830-40 jährlich ca. 53 Mill. kg Kaffee; Ende der 70er Jahre aber entwickelte sich die Kaffeeproduktion trotz der Sklavenemanzipation in erstaunlicher Weise und erreichte 1882 die Höhe von 360 Mill. kg im Wert von 104,753 Contos (235,7 Mill. Mk.). Der Hauptexport findet nach den Vereinigten Staaten, nach England und nach Deutschland statt, sein Wert beträgt über 60 Proz. des Gesamtausfuhrwerts des Kaiserreichs. 1882 partizipierte B. mit fast 55 Proz. am Kaffeehandel der Erde. Der schon seit langer Zeit in B. eingeführte Zuckerbau ist zwar hinter dem Kaffeebau zurückgeblieben, allein immerhin bedeutend, so daß er nächst dem Kaffeebau das wichtigste Exporterzeugnis liefert. Der Wert der gegenwärtigen Zuckerproduktion und ihrer Nebenzweige kann auf 120-130 Mill. Mk. veranschlagt werden. Der Thee wurde 1810 aus China hierher verpflanzt und ist allerdings in mehreren Provinzen (z. B. São Paulo) vortrefflich gediehen; doch dürfte eine nennenswerte Produktion schwerlich eintreten, solange die ausgedehnten Herva-Matéwälder in Südbrasilien noch ein bei den Bewohnern so beliebtes und auch als Exportartikel wichtiges Genußmittel, den Paraguaythee, liefern. Zu den Gegenständen des Landbaues gehören ferner noch Baumwolle, Vanille, Kakao, in Südbrasilien noch Orange, Banane, Ananas, Feige, Pfirsich, auf dem Hochland auch Äpfel und Birnen. Für den Weinbau sind die südlichen Provinzen São Paulo, Parana, Rio Grande do Sul gut geeignet; man pflanzt dort die nordamerikanische Catawbarebe. Es fehlt dem brasilischen Ackerbau, um durch Mannigfaltigkeit und Qualität seiner Produkte dem Ackerbau der reichsten Länder der Erde gleichzustehen, außer an einem rationellen und verständigen Betrieb hauptsächlich an Arbeitskräften. Diese hat man in neuester Zeit mit allerdings nicht ausreichendem Erfolg aus Europa zu gewinnen gesucht.

B. war seit 1812 unter König Johann VI. vielfach der Schauplatz von Kolonisationsversuchen, die jedoch meist gescheitert sind, wenn auch nicht immer durch die Schuld der Regierung. Nur den Deutschen ist es bis jetzt gelungen, in B. und zwar namentlich in den klimatisch günstigsten südlichen Provinzen erfolgreich Kolonien zu gründen. Die blühendsten Ansiedelungen von Deutschen aber finden sich in den Provinzen Parana, Santa Catharina und Rio Grande do Sul. Die Zahl der jetzt in B. lebenden Deutschen wird auf 210,000 geschätzt. Ihren Hauptsitz haben sie in der Provinz Rio Grande do Sul, wo sie die Kolonien São Lourenco, São Feliciano, São Leopoldo, Taquary, Hamburger Berg, Santa Cruz, São Angelo, Santa Maria da Boca do Monte, Germania, Montalverne, Teutonia, Neuberlin, Estrella, Santa Maria da Soledade, Feliz, Escadinha, Bom Principio, Marata, São Leopoldo, Nova Petropolis, Mundo Novo, Tres Forquilhas, São Pedro u. a. bewohnen. Deutsche Kolonien sind ferner in der Provinz Santa Catharina: Santa Thereza, Theresopolis, Angelina, Santa Izabel, Brusque, Blumenau, Badenfurt, Warnow, Dona Fransisca mit dem Hauptort Joinville und den kleinern Neudorf, Pedreira, São Bento und Annaberg; in der Provinz Parana: Assunguy und Rio Negro; in São Paulo: Cananea; in Rio de Janeiro: Petropolis, Theresiopolis, Nova Friburgo, Cantagallo; in Espirito Santo: Santa Izabel, Leopoldina mit dem Hauptort Cachoeira; in Bahia: Leopoldina, wo neben Deutschen auch viele Schweizer leben; endlich in Minas Geraës: die Mucurykolonie mit dem Hauptort Ottoni (früher Philadelphia) und Dom Pedro II. In diesen Kolonien hat das Leben seine deutsche Gestaltung behalten; Schulen sind zahlreich, Kirchen (auch evangelische) genügend vorhanden. Der Wohlstand der Kolonisten ist im Steigen begriffen, der Gesundheitsstand vorzüglich, indem z. B. in Dona Francisca, Blumenau, Santa Cruz im Durchschnitt aus je 100 Geborne nur 30-40 Todesfälle kamen, so daß die Bevölkerung einen jährlichen natürlichen Zuwachs von 3 Proz. erhielt.

Handel und Verkehr.

Dem Handel Brasiliens stehen mannigfache teils mit dem Grund und Boden, teils mit der Gesinnung und dem Geiste der Bewohner selbst im Zusammenhang stehende Hindernisse hemmend entgegen; dennoch gewinnt er infolge der reichen Erzeugnisse und der günstigen Lage des Landes immer mehr an Ausdehnung. Der Großhandel befindet sich fast ausschließlich in den Händen der Engländer, Franzosen, Portugiesen, Nordamerikaner, Holländer und Deutschen und konzentriert sich in 19 Hafenplätzen, unter denen die wichtigsten sind: Rio de Janeiro, Bahia, Pernambuco, außerdem Pará, São Luiz de Maranhão, Alagoas, Rio Grande do Norte, Sergipe, Fortaleza, Aracati und Parahyba und die Häfen der Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catharina und São Paulo. Die Entwickelung der Schiffahrtsbewegung geht namentlich aus folgenden Daten hervor. In langer Fahrt liefen 1862-63 in den Häfen Brasiliens ein: 3033 Schiffe mit 943,649 Ton.; es liefen aus: 2697 Schiffe mit 1,094,492 T. 1882-1883 stellte sich die Zahl der einlaufenden Schiffe auf 2989 mit 2,367,296 T., die der auslaufenden auf 2522 mit 2,065,237 T. Auch der Küstenhandel, welcher früher ausschließlich der nationalen Flagge vorbehalten war, aber seit 1873 zwischen den Häfen, wo Zollämter errichtet sind, auch ausländischen Schiffen gestattet ist, steigt von Jahr zu Jahr, ganz besonders in den beiden nördlichsten Provinzen, zum Teil infolge der Entwickelung der Dampfschiffahrt auf dem Amazonenstrom. Dabei hat die Beteiligung ausländischer Schiffe am Küstenverkehr sehr bedeutend zugenommen. Die Küstenschiffahrt zählte 1872: 5245 Schiffe mit 1,182 Mill. T., welche ein-, und 4648 Schiffe mit 1,219 Mill. T., welche ausliefen. 1882-83 hat sich dieselbe auf 5210 einlaufende Schiffe mit 1,935 Mill. T. und 4863 auslaufende Schiffe mit 1,958 Mill. T. gesteigert. Der Wert der Einfuhr belief sich 1863-64 auf 125,613,655 Milreis, der der Ausfuhr auf 131,120,395 Milreis; 1882 bis 1883 hatte sich derselbe gesteigert auf 185,801,901, resp. 195,498,600 Milreis. Die Ausfuhr richtete sich hauptsächlich auf Großbritannien, Frankreich, Argentinien, Portugal, Vereinigte Staaten, Deutschland. Die Hauptausfuhrartikel rangieren dem Wert nach folgendermaßen: Kaffee, Zucker, Kautschuk, Häute, Tabak, Baumwolle, Paraguaythee, Paranüsse, Diamanten, Kakao, Holz, Branntwein, Mandiokamehl, Haare, Wolle etc. Die Einfuhr umfaßt die meisten Industrieerzeugnisse Europas und alle dem Luxus dienenden fremden Produkte. An der Einfuhr ist in weitaus hervorragendster Weise England beteiligt, dann folgen Frankreich, die nordamerikanische Union, Deutschland u. a. Außer eignen Fabrikaten führen die Engländer auch manche deutsche Waren dahin, sowie von ihrer brasilischen Einfuhr vieles nach Deutschland abgesetzt wird.