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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Buddhismus

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Buddhismus.

Gestalt anhängen, welche ihm in Tibet und zwar vornehmlich durch den Mönch Tsonkhapa (14. Jahrh.) und seine Nachfolger gegeben wurde. In den Geboten des Tsonkhapa sind der Glaube an Buddha und seine Wahrheiten sowie Gebete und Opfer an ihn als unumgänglich notwendig dargestellt als charakteristische Zeichen für einen Anhänger des B. Es darf dies jedoch nicht in dem Sinn aufgefaßt werden, als ob der Glaube an einen einzigen Buddha verlangt werde; man soll glauben, daß Erlöser erschienen sind und erscheinen werden, daß die Erlöserwürde jeder Mensch erreichen könne, daß der Buddha die höchste Intelligenz wie die größte, durch nichts erreichte Kraft besitze. Dem Gebet wird eine magische Kraft über die Gottheiten zugeschrieben, während es ursprünglich den Zweck hatte, Buddha zu preisen und im Betenden den Wunsch zu erregen, er möge selbst einst zu gleicher Vollkommenheit gelangen. Eine große Bedeutung erlangte die Beichte. Der indische B. kannte zuerst nur reumütiges Bekenntnis der verschuldeten Übertretungen der Gebote, wodurch aber die Verfehlungen nicht gesühnt und getilgt wurden; dann kam das Dogma auf, reumütiges Bekenntnis erzeuge vollkommene Tilgung, und jetzt müßten gewisse Gottheiten mitwirken. Schon Gebete machen die Gottheiten dienstbar; gesichert wird der Erfolg durch Verrichten gewisser sehr umständlicher Zeremonien, bei denen jetzt der Priester mitwirken muß, dessen man ursprünglich so gut wie der gütigen Gottheiten entraten konnte. Eine weitere wesentliche Neuerung ist die Lehre von drei Graden der Belohnung und Glückseligkeit. Schon die Prasanga hatten neben dem Nirwâna, als der vollkommenen Vernichtung aller Existenz und der Vorbedingungen hierzu, eine Region "der Freude" (Sukhawati) eingeführt, in welche man emporsteigt, wenn man zwar noch nicht vollkommene, nur durch fast übermenschliche Anstrengung zu erringende Einsicht und Weisheit erlangt, aber sich doch würdig gemacht hat, der Wiedergeburt überhoben zu werden. Die Tibeter führen nun als unterste Stufe ein: Wiedergeburt unter den "guten Wegen", d. h. als Gott oder Mensch, so daß die schlechten Wege als Tierungeheuer oder in der Hölle erlassen sind. Spezifisch tibetisch ist endlich das System inkarnierter Würdenträger. Nach dieser Lehre, welche in Tibet erst im 15. Jahrh. entstanden ist, sollen einzelne Gottheiten zum Heil der Menschheit menschliche Form annehmen und in dieser für die Ausbreitung der Lehre und ihre Befolgung wirken. Am meisten Ansehen genießt unter diesen Verkörperungen Padmapani, der im Dalai Lama (s. d.) einen menschlichen Körper bezieht.

Es muß den Artikeln über die einzelnen Länder vorbehalten sein, die Verhältnisse der Priester, die Form des Kultus etc. vorzuführen; hier sollen nur die Ursachen der großen Verbreitung und der Einfluß des B. auf die Gesittung der Völker besprochen werden. Ursprünglich hatte die Lehre des B. vorwiegend einen sozialen Charakter, weniger einen religiösen; er zerriß das Gewebe, welches die Brahmanen (s. d.) über ganz Indien gezogen hatten. Unbefriedigt von dem künstlichen System dieser Priester und ihrer Philosopheme, überzeugt von der Nutzlosigkeit, ja von dem schädlichen Einfluß ihrer Zeremonien und Kasteiungen, angeekelt von ihrer Ausbeutung des Aberglaubens und ihrer pharisäischen Lehre, nach welcher bloß sie allein Priester sein und zur höchsten Glückseligkeit gelangen können, setzte sich Sâkjamuni über die Schranken der Kastenordnung (s. Kasten) hinweg, predigte als Bettler und mied nicht, sondern suchte die Berührung mit den Sündern und Unglücklichen. Er begann mit Zerstörung eines verrotteten Systems und wurde, wohl ohne es zu suchen, unter dem überwältigenden Einfluß seines mannhaften Auftretens und der Klarheit seiner Rede der Gründer einer neuen Religion. Sâkjamuni ist Zoroaster, Moses, Christus und Mohammed an die Seite zu stellen. Im 3. Jahrh. v. Chr. war seine Lehre sozusagen die Staatsreligion in Indien geworden und der Einfluß der Brahmanen gebrochen; in dieser Zeit beginnt das Aussenden von Sendboten des neuen Glaubens in andre Länder. Kaschmir wurde ein Hauptsitz des B., ebenso Afghanistan und Turkistan, Länder, deren Bewohner sich jetzt dem Islam, wie in Kaschmir dem Brahmanismus, wieder zugewandt haben. Aus Ceylon nahmen die Könige den B. schon im 3. Jahrh. v. Chr. an; von hier und dem Süden Indiens wurde er nach dem Archipel (Java) und nach Hinterindien verbreitet, wo er jedoch erst im 7. Jahrh. n. Chr. allgemeine Annahme fand, während in Java Zeugen seines Bestehens nur noch die frühere Sprache und Überreste alter Bauwerke sind. In China fand er 65 n. Chr. Eingang, in Tibet verbreiteten ihn die Könige seit dem 7. Jahrh.; von China aus wurde er (in demselben Jahrhundert) in Japan eingeführt wie bei den Mongolen, den Kalmücken an der untern Wolga und bei den Buräten des südlichen Sibirien bekannt, sogar nach Amerika (s. d., Entdeckungsgeschichte, S. 478) vorübergehend getragen. Buddhisten finden wir gegenwärtig von Ceylon bis zum Baikalsee, vom Kaukasus bis nach Japan. Ausschließlich zum B. bekennen sich in diesen so umrahmten Landstrichen nur Ceylon, Tibet, die Mongolei und einzelne Himalajadistrikte; in China wie Hinterindien darf man ½ - 2/3 der Bewohner als Buddhisten annehmen. E. Schlagintweit hat 1862 die Zahl der Bekenner des B. zu 341 Mill. berechnet; Ch. Lassen ("Indische Altertumskunde", Bd. 2, 2. Aufl. 1873) gibt 340 Mill. gegen 337 Mill. Christen an; mindestens ein Viertel der ganzen Menschheit entfällt auf Anhänger des B. In Indien, dem Ursprungsland, zählt der B. keine Bekenner mehr; aus ihm gingen jedoch die Dschaina (s. d.) hervor, die sich in Dekhan und im Westen Indiens noch ziemlich zahlreich erhalten haben. Vgl. die statistische Übersicht beim Art. "Bevölkerung", nebst Karte.

Der B. der Gegenwart hat sich zwar unendlich weit entfernt von den einfachen Lehren des Stifters, eine Menge abergläubischer Vorstellungen und Zeremonien, denen die Priester aus eigennützigen Interesse eine große Bedeutung beilegen, machen die Gläubigen befangen; gleichwohl äußert der B. auch jetzt noch in dieser entarteten Form einen günstigen Einfluß. Die Ermunterung zur Tugend bildet zu jeder Zeit einen hervorragenden Zug dieser Lehre. Sie verkennt jedoch das wahre Ziel der Tugend, insofern diese nicht um ihrer selbst willen geübt werden soll, sondern um die Schmerzen der Existenz zu vermeiden, welche infolge der Wiedergeburt erduldet werden müssen. Es fehlt ferner dem B. ein oberstes, alles regierendes und weit über allen menschlichen Schwächen stehendes göttliches Wesen. Durch die Betrachtung des Daseins als einer Quelle von Schmerzen und Qual wurde der B. verhindert, seine Anhänger einer so vollkommenen Zivilisation zuzuführen, wie sie das Christentum bewirkte. Wir dürfen aber doch nicht vergessen, daß in Europa die berühmtesten Bücher über Dämonologie vor noch nicht sehr langer Zeit erschienen, und daß es bei uns noch mehr als einen Ort gibt, wo Hellseher über die Schicksale der Zukunft befragt werden, wo noch Wunder vor sich gehen sollen, und wo gegen