Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Deutsche Sprache (Alt-, Mittel-, Neuhochdeutsch).

wie das Hochdeutsche derselben Zeit hat das Mittelniederdeutsche nicht entwickelt, doch ist es die in der Schrift der betreffenden Gegenden herrschende Sprache. Das bedeutendste hierher gehörige Gedicht ist der "Reineke Vos" (ca. 1490), der aber auch nur Übersetzung aus dem Niederländischen ist. Noch im 16. Jahrh. wurden in niederdeutscher Sprache Bücher gedruckt, im 17. verdrängte dann die neuhochdeutsche Schriftsprache dieselbe endgültig aus der Litteratur. Die letzte niederdeutsche Bibel erschien 1621.

Die Geschichte der hochdeutschen Sprache beginnt mit dem Althochdeutschen. Man rechnet diese Periode von der Zeit der ältesten Denkmäler (8. Jahrh.) bis ungefähr in den Anfang des 12. Jahrh. Charakteristisch für das Althochdeutsche, im Vergleich zur folgenden mittelhochdeutschen Periode, sind die noch unversehrten vollen Vokale in den Flexionsendungen. So lautet z. B. das Präsens des Verbs althochd. gibu, gibis, gibit. Plur. gebamês, gebat, gebant, dagegen mittelhochd. gibe, gibest, gibet, geben, gebet, gebent; das Substantiv hano (Hahn) flektiert: Gen. hanin, Dat. hanin, Akk. hanun, Plur. hanun, hanôno, hanôm, hanun, mittelhochd. hane, hanen, hanen, hanen, Plur. hanen, hanen, hanen, hanen. Man unterscheidet, wie schon oben bemerkt, im Althochdeutschen drei Mundarten: die bayrische, alemannische und (ober-) fränkische. Die beiden erstern, welche unter sich damals noch sehr wenig verschieden waren, nennt man auch Strengalthochdeutsch. Das Althochdeutsche ist uns aus zahlreichen sprachlichen Denkmälern bekannt. Vor allem war St. Gallen ein Hauptsitz althochdeutschen Schrifttums, und zwar ist hier das Alemannische zu Hause. Doch ist die althochdeutsche Litteratur größtenteils keine Nationallitteratur, da sie meist in oft bis zur Sprachwidrigkeit treuen Übersetzungen lateinischer Schriften ins Deutsche und in Wortsammlungen besteht und Bekehrung zum Christentum oder Unterricht der Kleriker bezweckt. Die nationale Götter- und Heldendichtung in der allgemein deutschen allitterierenden (stabreimenden) Form ist bis auf wenige Fragmente untergegangen. Auch gibt die uns noch vorliegende althochdeutsche Litteratur nicht sowohl Kunde von einer eigentlichen Litteraturperiode als vielmehr nur von einer Zeit des Überganges. Erst als sich nationaldeutsches Wesen mit dem Christentum innig verschmolzen hatte, beginnt eine neue Periode der deutschen Nationallitteratur, die mittelhochdeutsche.

Der Übergang der althochdeutschen Sprache in die mittelhochdeutsche vollzieht sich durch die durchgreifende Abschwächung der auf die Stammsilbe folgenden Vokale in ein unterschiedloses e. Die Vokale der Stammsilbe bleiben hierbei im wesentlichen dieselben wie im Althochdeutschen, und dasselbe gilt von den Konsonanten. Die mittelhochdeutsche Periode der hochdeutschen Sprache rechnen wir bis zu der Zeit, wo, von dem Kanzleischreibgebrauch ausgehend, sich eine allgemeine deutsche Schriftsprache zu bilden begann. Wir können dafür ungefähr die zweite Hälfte des 15. Jahrh. ansetzen. Auch in der mittelhochdeutschen Zeit müssen wir mehrere Mundarten unterscheiden, nämlich (ganz wie in der frühern Periode) die oberdeutschen (Alemannisch, Schwäbisch, Bayrisch) und die mitteldeutschen. Die letztern entsprechen im ganzen dem Oberfränkischen der althochdeutschen Zeit; doch kommen noch die sprachlich diesem naheliegenden hessischen, thüringischen und rheinischen Dialekte hinzu, welche aus der mittelhochdeutschen Zeit uns durch zahlreiche Denkmäler bekannt sind, während hierher gehörige althochdeutsche Denkmäler mangeln; endlich das Schlesische und die Sprache des Deutschordenslandes. Die in den mitteldeutschen Dialekten vom 12. bis 15. Jahrh. geschriebenen Litteraturwerke sind sehr zahlreich; doch hat man sich erst neuerdings (ein Hauptverdienst Franz Pfeiffers) dem grammatischen Studium derselben gewidmet. Bei weitem zahlreicher aber und zugleich dem Inhalt nach wichtiger sind die in den oberdeutschen Mundarten verfaßten Dichtungen; die hervorragendsten Meisterwerke der höfischen Poesie, die Dichtungen eines Wolfram, Gottfried von Straßburg, Hartmann v. Aue, sowie die in den "Nibelungen" und der "Gudrun" so herrlich erblühte epische Volkspoesie gehören Oberdeutschland an. Man nimmt nun gewöhnlich an, daß eine der oberdeutschen Mundarten, die schwäbische, als Sprache der Litteratur und des Umganges in den höfischen Kreisen allgemeinere Geltung erhalten und sich demzufolge zu einer höfischen Sprache ausgebildet habe, die nach und nach auch da Eingang gefunden, wo ursprünglich eine andre Mundart herrschend war. In dieser höfischen Sprache sollen denn auch alle Hauptwerke der mittelhochdeutschen Poesie verfaßt worden sein. Gegen diese Annahme hat sich jedoch in neuerer Zeit von verschiedenen Seiten Widerspruch erhoben, und es kann dieselbe wenigstens bis jetzt noch nicht als erwiesene Wahrheit gelten.

Der wesentlichste formale Unterschied des Neuhochdeutschen und des Mittelhochdeutschen besteht darin, daß im Neuhochdeutschen eine sehr große Zahl von langen Silben vorhanden ist, die im Mittelhochdeutschen kurz waren, z. B. neuhochdeutsch: Weg, Grab, mittelhochdeutsch: wĕc, grăp (wie noch jetzt manche niederdeutsche Dialekte sprechen). Ein weiterer die neuhochdeutsche Sprache charakterisierender Zug ist aber der, daß, während in der alt- und mittelhochdeutschen Zeit die Mundarten vorherrschten und an sie sich die litterarische Thätigkeit anknüpfte, das Neuhochdeutsche gar keine Mundart ist, insofern kein deutscher Stamm dasselbe spricht und unsre Schriftsprache nirgends Sprache des Volkes ist. Diese ist "kein am lebendigen Baum der deutschen Sprache unbewußt und naturgemäß hervorgesproßtes Reis, sondern vielmehr etwas in vielen Stücken durch Einfluß des menschlichen Willens absichtlich Gebildetes und Zusammengewürfeltes". Aber eben, weil das Neuhochdeutsche keine Mundart eines einzelnen Stammes ist, ist es geeignet, als gemeinsames Band alle deutschen Stämme, hochdeutsche wie niederdeutsche, zu umschlingen. Die Mundart eines einzelnen Stammes würde schwerlich ein solches Übergewicht über die übrigen Mundarten erhalten haben, wie es die deutsche Schriftsprache jetzt hat, und es wäre die politische Zersplitterung der deutschen Stämme wahrscheinlich auch eine sprachliche geworden. Dem ist aber dadurch vorgebeugt worden, daß die keinem Stamm ausschließlich angehörige Schriftsprache Eigentum aller deutschen Stämme und, wenn auch mehr oder weniger mundartlich nüanciert; Sprache des höhern geselligen Umganges aller Orten in Deutschland, Österreich, der deutschen Schweiz, kurz überall, wo man die d. S. spricht, mit Ausschluß nur des holländischen und vlämischen Sprachgebiets, geworden ist. Während wir demnach für die neuhochdeutsche Schriftsprache erst einen Ausgangspunkt zu suchen haben, geben sich die neuhochdeutschen, neben der Schriftsprache bestehenden Volksmundarten als direkte Fortsetzungen der ältern Schwestern zu erkennen.

Unsre Schriftsprache, deren Entwickelungsgeschichte bis auf Luther zurück ohne Unterbrechung vorliegt, hat sich zwar auch im Lauf der Zeit verändert, Altes fallen lassen und Neues angenommen; doch ist