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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1648-1660. Ferdinand III., Leopold I.).

zur Ruhe kommen, nicht eher sich aus seinem Ruin herausreißen, ehe nicht die staatlichen Verhältnisse eine feste Form gewonnen hatten. War das aber erreichbar? Es schien nicht so. Denn die Verfassung des Deutschen Reichs war eine derartige, daß sie etwas Gutes selbst nicht schaffen, wohl aber die segensreichen Bestrebungen andrer hemmen konnte.

Der Schwerpunkt des Reichs lag im Reichstag, der seit 1653 in Regensburg versammelt war. Ihm lagen die Gesetzgebung, Kriegsverfassung, Steuerbewilligung u. a. ob. Aber seine Organisation machte eine schnelle, energische und einheitliche Regierung unmöglich. Zwar war er seit 1663 fortdauernd versammelt und in Thätigkeit, dagegen nahmen nun die Reichsstände nicht mehr selbst an ihm teil wie früher. Auch die Fürsten waren fortan durch Gesandte vertreten, welche an Instruktionen gebunden waren und über alle neuen Vorschläge erst berichten mußten. Der Reichstag selbst zerfiel in drei Kurien, die der Kurfürsten, der Fürsten und der Städte; zur ersten gehörten 8, zur zweiten 98 (36 geistliche und 62 weltliche), zur dritten 52 teils Viril-, teils Kuriatstimmen, und zur Entscheidung selbst unbedeutender Fragen war Stimmeneinhelligkeit der drei Kurien erforderlich. Namentlich zwischen den Kurfürsten und den Fürsten war eine scharfe Rivalität. Im Westfälischen Frieden war zwar die Ausarbeitung einer neuen Reichsverfassung in Aussicht genommen worden; diese ist aber nie zu stande gekommen. Es war daher leicht erklärlich, daß sich sowohl das Reichsoberhaupt als die mächtigern Mitglieder des Reichs in allem, was ihre Sonderinteressen betraf, möglichst vom Reichsverband loszulösen und auf eigne Hand vorzugehen suchten, und der Westfälische Friede hatte ihnen dies auch durch das den Ständen gegebene Recht, Bündnisse mit auswärtigen Mächten zu schließen und Krieg zu führen, erleichtert. Die Reichsverfassung hatte höchstens noch für die kleinen Stände Bedeutung, von den größern wurde sie umgangen oder nicht berücksichtigt und daher bald Gegenstand allgemeinen Hohns und Widerwillens.

Gab es nun in D. noch Elemente, welche ohne und trotz der unbrauchbaren Reichsverfassung die deutschen Interessen wahrzunehmen im stande und willens waren, die den Kern für eine Neugestaltung des Reichs hätten bilden können? Ohne Zweifel hätte dies dem mächtigen Kaiserhaus zunächst obgelegen, welches seit 200 Jahren die Würde des Reichsoberhauptes besaß. Aber weit entfernt, die verlorne Machtstellung wiedergewinnen zu wollen, zog sich Österreich mehr und mehr von D. zurück, indem es sich von den Reichslasten und -Pflichten frei machte und sich nach der völligen Unterdrückung des Protestantismus in seinem Gebiet geistig von D. absperrte. Auf den Reichstagen suchte es indirekt, durch Schleichwege und Bestechung, seinen Vorteil zu wahren und das Reich sich dienstbar zu machen. Sein Einfluß auf die Reichsstände war so gesunken, daß es nach Ferdinands III. Tod lange fraglich war, ob die Kaiserkrone noch beim Haus Habsburg bleiben würde. Unter den Reichsfürstenfamilien waren einige zu bedeutender Macht gelangt. Bayern hatte nebst der Oberpfalz die Kurwürde erworben und war neben Österreich das mächtigste Fürstentum in Süddeutschland. Am Rhein war Kurpfalz wiederhergestellt und mit der neugeschaffenen achten Kur belehnt worden. In Mitteldeutschland lag das durch die Lausitz vergrößerte Kursachsen, im Norden besaß das Haus Braunschweig-Lüneburg einen ansehnlichen Länderkomplex, vor allem vereinigte aber Kurbrandenburg unter seiner Herrschaft ein großes Gebiet, welches im Westfälischen Frieden noch ansehnlich vermehrt worden war: die Marken, Hinterpommern mit Kammin, Magdeburg, Halberstadt, Minden, Ravensberg, Mark und Kleve, dazu im äußersten Osten jenseit der Reichsgrenze das Herzogtum Preußen. Eine Union dieser bedeutendsten Fürstenhäuser, der sich andre Stände angeschlossen hätten, würde in der Lage gewesen sein, den innern Frieden im Reich aufrecht zu erhalten und seine Sicherheit nach außen zu wahren. Aber die streng katholische Richtung seines Fürstenhauses trennte Bayern von den meist protestantischen weltlichen Reichsständen. Sachsen und Braunschweig-Lüneburg waren von Neid und Eifersucht gegen das mächtig emporstrebende Brandenburg erfüllt, Kurpfalz konnte sich dem französischen Einfluß nicht entziehen, dem sich die rheinischen Stände, besonders die drei geistlichen Kurfürsten, seit Stiftung des Rheinbundes ganz ergeben hatten. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg machte 1654 den ersten Versuch einer deutschen Unionspolitik, indem er zunächst die protestantischen Stände zu einem Bund unter seiner Führung zu vereinigen strebte, der D. gegen seine Ausbeutung für fremde Interessen, seien es nun österreichische oder schwedische, schützen sollte. Aber er wurde durch Schwierigkeiten und Gefahren, in die ihn der Ausbruch des schwedisch-polnischen Kriegs 1655 stürzte, verhindert, diesen Plan weiter zu verfolgen. Wenigstens beugte er der völligen Zerreißung Deutschlands dadurch vor, daß er 1658 die Wahl des französischen Königs Ludwig XIV., der die Stimmen der geistlichen Kurfürsten bereits erkauft hatte, verhinderte und die deutsche Krone durch die Wahl Leopolds I. (1658-1705) dem Haus Habsburg erhielt.

Der neue Kaiser wurde durch eine neue Wahlkapitulation in der Ausübung seiner Gewalt noch mehr eingeengt als seine Vorgänger und in allem an die Zustimmung der Reichsstände gebunden. Um so mehr hielt er sich für berechtigt, durchaus nur die österreichischen Sonderinteressen zu verfolgen und sich um das Reich nur so weit zu bekümmern, als es durch allerlei Ränke, wie Bestechung eines Teils der Stände, möglich war, dasselbe für diese Sonderinteressen auszubeuten. Von einer festen, klaren Reichspolitik konnte um so weniger die Rede sein, als Leopold auch die österreichische Politik nicht nach praktischen Gesichtspunkten leitete, sondern sich durch kirchliche und dynastische Tendenzen beeinflussen ließ. Durch fanatische Verfolgung der ungarischen Protestanten reizte er die Ungarn wiederholt zur Empörung und trieb sie den Türken in die Arme, welche, statt durch die Streitkräfte Ungarns von den deutschen Grenzen abgehalten zu werden, mit deren Hilfe sie fortwährend bedrohten und wiederholt tief in das Innere Österreichs eindrangen. Die Wahrscheinlichkeit des Erlöschens der spanischen Habsburger regte zu immer neuen Plänen und Kombinationen an, um im Kampf oder im Bund mit dem rivalisierenden Haus Bourbon die gesamte spanische Monarchie oder einen Teil derselben zu erwerben. Unter diesem Gesichtspunkt allein wurde die österreichische Politik gegen Frankreich bestimmt, für diesen Zweck die militärische Kraft des Reichs aufgeboten und die spätern Erfolge der deutschen Waffen verwertet. Die kaiserliche Armada, wie es in der Mischsprache des Wiener Hofs hieß, war stattlich, wohl gerüstet und geübt und von tüchtigen Feldherren geleitet. 1664 erfocht sie bei St. Gotthardt einen glänzenden Sieg über die Türken. Aber im übrigen war die österreichische Verwaltung unter dem schwerfälligen, engherzigen und bigotten Leopold so er-^[folgende Seite]