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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1792-1793. Franz II., Revolutionskriege).

Die Zeit der Revolution und der Napoleonischen Kriege.

(Hierzu die "Geschichtskarte von Deutschland IV".)

Der Ausbruch der französischen Revolution (1789) und die ersten Ereignisse derselben wurden in D. von der großen Menge des Volkes, von seinen Denkern und Dichtern und auch von vielen wirklichen Staatsmännern mit Freude und begeisterter Zustimmung begrüßt. Hatte doch das deutsche Volk durch das Genie und die großartige Thätigkeit seiner Philosophen und Dichter in den letzten Jahren eine geistige Revolution erlebt, die es aus dem Bann kirchlicher Orthodoxie, gelehrter Pedanterie und sklavischer Nachahmung des Fremden befreit und auf der Grundlage echt deutschen Geistes und klassischer Humanität eine Litteratur geschaffen hatte, welche die Nation mit edler, wahrer Geistesbildung durchtränkte. Man hegte die Hoffnung, daß der Umsturz des Feudalsystems und die Begründung eines neuen, auf Freiheit und Vernunft beruhenden Staats in Frankreich auch in D. die Beseitigung der Reste des Mittelalters befördern, den monströsen Staatsgebilden, wie sie sich in den geistlichen Staaten, den reichsgräflichen und reichsritterschaftlichen Herrschaften erhalten hatten, ein unblutiges Ende bereiten und dem gedrückten Bauern- und niedern Bürgerstand die Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit bringen würden. Mißlich und verhängnisvoll war nur, daß diese Mißstände gerade im Westen, an der französischen Grenze, besonders grell zu Tage traten und die Ungeduld der Bevölkerung nach Abstellung ihrer gerechten Beschwerden sowie die Übergriffe des revolutionären Frankreich D. sehr bald in Konflikte mit dem westlichen Nachbar verwickelten, welche eine friedliche Einwirkung der Freiheitsideen ausschlossen.

Die französische Nationalversammlung dehnte nämlich die Aufhebung aller feudalen und kirchlichen Rechte ohne weiteres auch auf die von französischem Gebiet eingeschlossenen Besitzungen deutscher Reichsstände aus, obwohl deren Zugehörigkeit zum Reich durch besondere Verträge garantiert war. Die betroffenen Reichsstände, darunter die Kurfürsten von Mainz, Trier und Köln, die Herzöge von Württemberg und Pfalz-Zweibrücken, der Landgraf von Hessen-Darmstadt, der Markgraf von Baden u. a., wiesen daher die Entschädigung durch Assignaten oder Nationalgüter zurück und wandten sich beschwerend an den Reichstag. Ungefährliche Unruhen der nach Freiheit schmachtenden Einwohner in Speier und Lüttich wurden mit Strenge unterdrückt und den französischen Emigranten in Koblenz, Mainz und Worms gastliche Aufnahme und völlige Freiheit für ihre Ränke gegen ihr Vaterland gewährt. Dagegen geschah seitens der rheinischen Fürsten nichts, um die Westgrenze Deutschlands militärisch zu sichern und der revolutionären Propaganda durch Befriedigung der berechtigten Wünsche des Volkes und zeitgemäße Reformen die Spitze abzubrechen. König Friedrich Wilhelm II., wie immer nur von seinen Gefühlsstimmungen geleitet, drängte zu einem Kreuzzug für das insultierte französische Königtum, dessen Ehre mit der der andern Monarchen solidarisch verknüpft sei. Der kluge, kühle, gemäßigte Kaiser Leopold II. suchte vergeblich den drohenden Sturm zu beschwören, obwohl er durch seine Verschwägerung mit Ludwig XVI., als Bruder Marie Antoinettes, am ersten persönlichen Anlaß zu feindseligem Verfahren gegen Frankreich gehabt hätte. Die Ratifikation des Reichsgutachtens über die Beschwerden der Reichsstände verzögerte er bis zum Dezember 1791. Auf einer persönlichen Zusammenkunft mit dem König von Preußen in Pillnitz (27. Aug. 1791) wußte er denselben von offensiven Plänen abzubringen. Zwar nötigte ihn die drohende Haltung Frankreichs zu Rüstungen und zur Aufstellung von Streitkräften in Belgien und in Süddeutschland; auch schloß er 7. Febr. 1792 mit Preußen eine Allianz zu gegenseitiger Verteidigung und zur Aufrechterhaltung der deutschen Reichsverfassung. Dennoch würde der Krieg mit Frankreich wo nicht vermieden, doch hinausgeschoben worden sein, wenn nicht 1. März 1792 Leopold II. plötzlich gestorben und in Paris ein girondistisches Ministerium zur Herrschaft gekommen wäre, das einen auswärtigen Krieg wünschte, um die wachsende Gärung im Innern abzulenken und den Sturz des Königtums herbeizuführen, und daher den Aufenthalt der Emigranten in D. zum Vorwand nahm, um 20. April 1792 Kaiser und Reich den Krieg zu erklären.

Leopolds Sohn und Nachfolger Franz II. (1792-1806) und sein Minister Thugut waren dem Krieg mit Frankreich um so mehr geneigt, als sie während desselben die alten Absichten auf Erwerb Bayerns und andrer süddeutscher Territorien verwirklichen zu können hofften. Diese selbstsüchtigen Pläne regten ähnliche auch bei Preußen an, und so wurde die junge Freundschaft der beiden deutschen Mächte von Anfang an durch Eigennutz vergiftet und ihre kriegerischen Unternehmungen durch Mißtrauen und Neid gelähmt. Denn da die kleinern Reichsstände gar keine Anstalt zu ihrer Verteidigung gemacht hatten, fiel die Last der Kriegführung hauptsächlich Österreich und Preußen zu. Zu der im geheimen wirkenden Zwietracht zwischen ihnen kamen noch Ungeschick und Schwäche der Heerführer hinzu, um die mit übermütiger Siegeszuversicht unternommenen Operationen scheitern zu machen und das durch völlige Desorganisation seiner Streitkräfte wehrlose Frankreich zu retten. Der Einmarsch des aus Preußen und Österreichern gebildeten Hauptheers unter Herzog Karl Ferdinand von Braunschweig in die Champagne endete mit der Kanonade von Valmy (20. Sept. 1792) und dem Rückzug bis an den Rhein. Dumouriez nötigte die Österreicher durch den Sieg bei Jemappes (6. Nov.) zur Räumung von Belgien, und gleichzeitig drang Custine an den Mittelrhein vor, nahm durch einen Handstreich Speier, Worms, Mainz und Frankfurt und brandschatzte nach Willkür, während das bethörte Volk die Franzosen als Befreier begrüßte, im Besitz der Menschenrechte schwelgte und in Mainz sogar eine Republik errichtete. Die Fürsten, namentlich die geistlichen von Speier, Mainz und Trier, gaben ihre Herrschaft ohne Schwertstreich preis und suchten ihr Heil in kopfloser Flucht. Kurpfalz erbat von Custine die Erlaubnis, neutral zu bleiben; die fränkischen Bischöfe flehten um Schutzbriefe; feige Furcht und Zittern drangen bis in das Herz Deutschlands hinein: die Reichstagsgesandten in Regensburg mieteten Schiffe, um die Donau hinab zu fliehen. Die Errichtung der Republik in Frankreich, welche die Propaganda für ihre Umsturzideen in ganz Europa zu ihrer Aufgabe erklärte, und die Hinrichtung Ludwigs XVI. (21. Jan. 1793) bewirkten die Bildung einer europäischen Koalition gegen die Revolution, der sich England, die Niederlande, Österreich, Preußen, das Deutsche Reich, Sardinien, Neapel und Spanien anschlossen. Mit neuen Kräften (auch einige Reichskontingente nahmen daran teil) eröffneten die Österreicher und Preußen 1793 den Feldzug. Die erstern vertrieben durch die Schlacht bei Neerwinden (18. März) die Franzosen wieder aus Belgien, die letztern eroberten nach längerer Belagerung 23. Juli