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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1851-1859. Versuche einer Bundesreform).

gen zu revidieren und alles Staatsgefährliche daraus zu entfernen, feierte die Reaktion in der Verfolgung aller nationalen und freiheitlichen Bestrebungen ihre Triumphe. Das Schicksal Schleswig-Holsteins wurde durch das Londoner Protokoll (8. Mai 1852) besiegelt. Die aus den freiwilligen Gaben der Nation gebildete deutsche Flotte ward 2. April 1852 zur Versteigerung verurteilt. Die kurhessische Verfassung von 1831 wurde durch Bundesbeschluß vom 27. März 1852 für mit den Grundgesetzen des Bundes unvereinbar erklärt. Die konstitutionelle Verfassung Mecklenburgs mußte der alten feudalständischen wieder weichen. Das hannöversche Ministerium Borries wurde bei seinem neuen Verfassungsbruch vom Bund eifrig unterstützt. Fast in allen deutschen Staaten suchte ein reaktionäres Polizeiregiment die Erinnerungen an das Jahr 1848 wieder auszutilgen und durch Beschränkung der Volksrechte, Präventivmaßregeln und strenge büreaukratische Kontrolle der Wiederkehr einer solchen Katastrophe vorzubeugen. Der Thron schloß zu diesem Zweck einen Bund mit dem Altar, und während an protestantischen Höfen die buchstabengläubige, herrschsüchtige Orthodoxie sich breit machte, verstand es die katholische Kirche vortrefflich, die in der Revolutionszeit errungene Freiheit von staatlicher Aufsicht durch besondere Konkordate sich zu sichern. Der Nation bemächtigte sich aber teils eine pessimistische Verzweiflung, da die edelste, schönste Erhebung des gesamten Volkes ein so erbärmliches Ende gefunden, teils eine stumpfe Resignation, die sich auf die nächstliegenden Sorgen beschränkte. Die Auswanderung (1851: 113,000 Personen) bewies, welcher Überdruß sich aller Kreise bemächtigt hatte.

Nur auf einem Gebiet wurde die Selbständigkeit der deutschen Entwickelung gewahrt, auf dem der wirtschaftlichen Politik. Auch hier hatte Österreich den Versuch gemacht, das besiegte Preußen sich dienstbar zu machen. Im Mai 1850 stellte es den Antrag, mit seinem Gesamtstaat in den Zollverein aufgenommen zu werden. Sämtliche Mittelstaaten, mit Ausnahme von Hannover, erklärten sich auf einer Konferenz in Darmstadt bereit, dies Verlangen bei der 1854 erforderlichen Erneuerung der Zollvereinsverträge zu unterstützen. Entweder also war zu befürchten, daß das wenig entwickelte Österreich den Deutschen Zollverein zu seinem Vorteil ausbeutete und beherrschte, oder daß D. in zwei Zollgebiete, ein österreichisches und ein preußisches, geteilt wurde. Preußen ließ es auf diese letztere Gefahr ankommen und vereitelte dadurch den Plan seiner Gegner. Nach längern Verhandlungen gab Österreich sein Verlangen auf und schloß mit Preußen und den Zollvereinsstaaten einen Handels- und Schiffahrtsvertrag (19. Febr. 1853), auf dessen Grundlage später eine engere Annäherung herbeigeführt werden sollte. Münz- und Postverträge folgten. 1856 wurde auf Antrag Bayerns ein Ausschuß eingesetzt, der ein allgemeines deutsches Handelsgesetzbuch ausarbeiten sollte; dasselbe kam 1861 zu stande. Während das öffentliche Leben der Nation nur unerfreuliche Bilder darbot, war die stille Friedensarbeit in Kunst und Wissenschaft, Gewerbe und Handel von günstigem Erfolg begleitet und die Saat einer bessern Zukunft gestreut.

Vergebliche Versuche einer Bundesreform.

Wenn in den 20er und 30er Jahren die Mittelstaaten als die Zufluchtsstätte freiheitlicher konstitutioneller Entwickelung gegolten hatten, so hatten sie jetzt, wo die Minister Pfordten in Bayern, Beust in Sachsen, Linden in Württemberg und Borries in Hannover den reaktionärsten Anschauungen huldigten und die liberalen Elemente im Volk nach Kräften zu unterdrücken suchten, alle Sympathien im deutschen Volk verwirkt. Man erwartete nichts Heilbringendes von ihnen, und die Versuche, die einige Mittelstaaten, besonders Bayern, machten, nach der Niederlage Preußens den Dualismus der beiden deutschen Großmächte dadurch unschädlich zu machen, daß die Mittel- und Kleinstaaten zu einer dritten, rein deutschen Macht vereinigt und D. so in drei Teile (Trias) geteilt wurde, hatten nicht den geringsten Erfolg. Die Ohnmacht der Mittel- und Kleinstaaten neben Österreich und Preußen zeigte sich deutlich während des Krimkriegs (1854-56). Österreich glaubte seine Interessen im Orient durch eine entschieden antirussische Haltung in Anlehnung an die Westmächte wahren zu müssen, während Preußen an einer strikten Neutralität festhielt. Dies ermutigte die Mittelstaaten, Ende Mai 1854 auf den Bamberger Konferenzen den Versuch zu machen, auch Großmachtspolitik zu treiben: sie verlangten in russischem Interesse, daß, wenn von Rußland die Räumung der Donaufürstentümer verlangt werde, die Westmächte auch das türkische Gebiet räumen müßten, und daß dem Deutschen Bund beim Friedensschluß eine Stimme eingeräumt werde. Indes Österreich und Preußen, die sich inzwischen über ein Schutz- und Trutzbündnis geeinigt hatten, nötigten 24. Juni dem Bund den Beitritt zu ihrer Allianz auf, "um jeden Zweifel zu beseitigen, daß alle Bundesgenossen fest entschlossen seien, kräftig zusammenzustehen in den Prüfungen, welche die nächste Zukunft dem Vaterland bringen könnte". Von einer Beteiligung des Bundes am Pariser Friedenskongreß war keine Rede. Für D. hatte übrigens der Krimkrieg die Wirkung, daß er das russisch-österreichische Bündnis, welches 1850 so verhängnisvoll gewirkt, zerriß und die von Österreich geleitete Reaktion des russischen Rückhalts beraubte. Das öffentliche Leben nahm einen freiern Aufschwung, und die Hoffnungen der Nation lebten wieder auf. Die innern Verhältnisse Preußens und seine Stellung zum deutschen Volk erhielten mit dem Regierungsantritt des Prinz-Regenten (1858) eine ganz andre Richtung, und wiederum wendeten sich die Blicke der national gesinnten, liberalen Deutschen auf den Hohenzollernstaat, während in Österreich das künstliche absolutistische Machtgebäude mehr und mehr ins Wanken geriet.

Der Krieg zwischen Österreich und Frankreich um Italien (1859) drohte D. von neuem in Zwist und Verwirrung zu stürzen, brachte aber schließlich eine heilsame Krisis hervor. Der unerwartete Angriff Napoleons III. auf Österreichs Herrschaft in Italien rief in Süddeutschland anfangs lebhafte Besorgnisse hervor; man befürchtete, daß der Napoleonide damit nur nach dem Muster seines Oheims die Reihe seiner Eroberungen beginnen wolle, daß nach Niederwerfung Österreichs D. ihm wehrlos preisgegeben sei, und glaubte, daß der Rhein am Po verteidigt werden müsse. In der Presse wie in manchen Kammern kam diese Anschauung zum lebhaftesten Ausdruck, und Österreich säumte nicht, sie zu seinen gunsten auszubeuten, indem es für seinen Krieg mit Frankreich die bewaffnete Hilfe des Bundes in Anspruch nahm. Auch beschloß der Bund 24. April Marschbereitschaft der Bundeskontingente und Armierung der Bundesfestungen. Aber die von Hannover 13. Mai beantragte Aufstellung eines Beobachtungsheers am Rhein lehnte Preußen ab. Dies war entschlossen, das deutsche Bundesgebiet gegen jeden Angriff zu verteidigen; als nach der Schlacht bei Ma-^[folgende Seite]