Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Dimerli - Dimorphismus.

I und II kann man auch leicht zur Deckung bringen, wenn man das eine in der Ebene verschiebt. Bei I und III ist aber durch bloße Verschiebung in der Ebene keine Deckung möglich; ein Wesen, das sich nur zwei Dimensionen vorzustellen vermag, würde es also für unmöglich halten, die beiden Dreiecke überhaupt zur Deckung zu bringen. Nun wissen wir aber, daß dies wohl möglich ist, wenn wir nur das eine Dreieck, etwa III, aus der Ebene herausdrehen, indem wir beispielsweise die Seite AB ruhig liegen lassen, die Spitze C aber in die Höhe heben und einen Halbkreis beschreiben lassen, worauf das Dreieck wieder in die Ebene fällt und nun bloß noch gehörig verschoben werden muß. In derselben Verlegenheit wie unsre hypothetischen zweidimensionalen Wesen gegenüber den beiden symmetrischen Dreiecken I und III befinden wir selbst uns angesichts symmetrischer räumlicher Objekte, z. B. der beiden unregelmäßigen symmetrischen Tetraeder der Fig. 2: obwohl dieselben in allen Stücken übereinstimmen, können wir sie doch nicht zur Deckung bringen, sowenig wie wir den linken Handschuh an die rechte Hand anziehen können. Könnten wir die Gegenstände aus dem Raum von drei Dimensionen in den von vier Dimensionen bringen, so würde dies nach dem Zurückbringen in den dreidimensionalen Raum wohl möglich sein. Auch könnte es als Beweis für die reale Existenz der vierten Dimension des Raums gelten, wenn irgend eine Operation, die nur im vierdimensionalen Raum ausführbar ist wirklich ausgeführt würde. In neuerer Zeit sind diese Dinge im Zusammenhang mit dem Spiritismus vielfach besprochen worden. Zöllner hielt den Beweis für die reale Existenz der vierten Dimension durch den Amerikaner Slade für erbracht, während andre die Leistungen Slades in das Gebiet der Taschenspielerei verwiesen. Vgl. Zöllner, Wissenschaftliche Abhandlungen, Bd. 1-3 (Leipz. 1878-79); Wundt, Der Spiritismus, eine sogen. wissenschaftliche Frage (das. 1879).

^[Abb.: Fig. 2]

Dimerli (Banniza), Getreidemaß in der Walachei, = 85,159 Lit., im Innern des Landes aber nur halb so groß, in Braila = 34,063 L., in der Moldau = 21,755 L. (nach deutschen Konsulatsberichten 20,735 L.).

Dimeschk, Stadt, s. v. w. Damaskus.

Dimĕter (griech.), in der Metrik eine aus zwei Metra (z. B. zwei Doppeliamben oder zwei Daktylen) bestehende rhythmische Reihe. Vgl. Metrum.

Dimethylkohlenoxyd, s. Aceton.

Dimidieren (lat.), halbieren; Dimidiation, Halbierung; Dimidium, die Hälfte.

Dimikation (lat.), Kampf, Gefecht, Streit.

Diminuéndo (ital., abgek. dim.), musikal. Vortragsbezeichnung, s. v. w. decrescendo: abnehmend an Klangstärke, auch anschaulich ausgedrückt durch >.

Diminuieren (lat.), vermindern, verkleinern.

Diminutio capitis, s. Capitis deminutio.

Diminution (lat.), Verminderung, Verkleinerung; in der Musik eine Verkürzung der Notenwerte und zwar in der Regel auf die Hälfte, besonders in kontrapunktischen Sätzen als Nachahmung eines Themas in Noten von halbem Wert beliebt. In der Mensuralmusik wurde die D. oft nicht durch kleinere Notenwerte, sondern durch Veränderung des Tempos ausgedrückt. Das älteste Diminutionszeichen ist ein vertikaler Strich durch das Tempuszeichen ^o, ^C. Das ^C haben wir in ähnlicher Bedeutung noch beim Allabreve (s. d.). Statt durch den Strich bezeichnete man aber die D. auch durch die Zahl 2 oder 3 beim Tempuszeichen, O2, O3, auch wohl durch ^[img] oder ^[img] innerhalb eines Tonstücks; doch war das dann eigentlich nicht eine D., sondern eine Proportion (s. d.).

Diminutivsilben (lat.), "Verkleinerungssilben", deren es im Deutschen zwei gibt, das oberdeutsche "lein", in Dialekten le, l oder lî (z. B. Häuslein, schwäbisch Häusle, fränkisch Häusl, schweizerisch Hüeslî), und das ursprünglich niederdeutsche, jetzt aber in der hochdeutschen Schriftsprache durchaus herrschende "chen", plattdeutsch "ken" (z. B. Männchen, Männeken). Die erstere Form kommt hier und da auch am Verbum vor (tänzeln, liebeln). D. finden sich fast in allen Sprachstämmen, unter den neuern europäischen Sprachen besonders häufig im Italienischen und in den slawolettischen Dialekten. Die mit D. gebildeten Wörter heißen Diminutiva.

Dimission (Demission, lat.), Entlassung, Abschied (eines Beamten); daher Dimissionsdekret, Entlassungsdekret; Dimissionär, einer, der seinen Abschied genommen hat.

Dimissorialĭen (lat., literae dimissoriales oder dimissoriae), Urkunden, welche bezeugen, daß ein Geistlicher die Berechtigung zur Vornahme einer Amtshandlung auf einen andern Geistlichen überträgt. Schon das vortridentinische Kirchenrecht bestimmte, daß ohne D. weder fremde Geistliche zur Vollziehung geistlicher Handlungen zugelassen, noch fremde Parochianen in eine andre Gemeinde aufgenommen werden sollten. Auch die evangelische Kirche hält den Grundsatz fest, daß ein Pfarrkind eine geistliche Amtshandlung von einem andern Geistlichen als dem, zu dessen Parochie es gehört, nur nach Erlangung eines Dimissoriums von demselben vollziehen lassen darf, daher man mit Dimissoriale vorzugsweise die Urkunde bezeichnet, wodurch der zur Entgegennahme des ehelichen Konsenses berechtigte Pfarrer diese seine Befugnis einem andern Pfarrer überträgt. Das deutsche Reichsgesetz vom 6. Febr. 1875, welches die obligatorische Zivilehe einführte, gestattet in analoger Weise dem zuständigen Standesbeamten durch schriftliche Ermächtigung die Übertragung der Befugnis zur Eheschließung auf einen andern Standesbeamten.

Dimittieren (lat.), entlassen, verabschieden; Dimitténd, ein zu Entlassender; im Schulwesen s. v. w. Abiturient.

Dimity (Wallis), gemustertes Baumwollgewebe, dessen Muster aus Köperstreifen gebildet sind, die auf der rechten Seite etwas erhaben erscheinen, weil zur Kette etwas stärkere Fäden genommen werden als zum Einschlag. Diese Zeuge, welche die feinste Sorte des Barchents bilden, kommen weiß, farbig gestreift, auch bunt gefärbt vor. Geschnürter Wallis besitzt feine Streifen, die nur drei Kettenfäden enthalten. Man verwendet den D. vornehmlich zu Negligee- und Unterkleidern.

Dimorphismus (Dimorphie, griech., "Zweigestaltigkeit"), die von Mitscherlich zuerst beobachtete Eigenschaft gewisser Substanzen, in zwei nicht aufeinander zurückführbaren Kristallformen auftreten zu können. Die meisten kristallisierbaren Körper können zwar mehr als eine Gestalt annehmen, einige sogar sehr viele; allein alle diese Gestalten können aus einer einzigen Grund- oder Stammform abgeleitet werden. Die zahlreichen Formen des Kalkspats gehören sämtlich dem hexagonalen Kristallsystem an und sind von demselben Rhomboeder ableitbar. Der