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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Elisabeth

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Elisabeth (Frankreich).

Eheprojekte verhandelt, so mit dem österreichischen Erzherzog Karl, mit den französischen Prinzen von Anjou und Alençon. Das Privatleben der den äußern Schein jungfräulicher Ehrbarkeit anstrebenden Königin ist nicht frei von bedenklichen Flecken; an Liebeleien und Liebschaften ist kein Mangel: Leicester, Hatton und Essex waren ihre erklärten Liebhaber. In ihrer letzten Lebenszeit galt als ihr Nachfolger der schottische König Jakob, Sohn der Maria Stuart, ihr Alliierter, den sie kurz vor ihrem Tod (3. April 1603) als solchen anerkannte. E. hat eine sehr verschiedenartige Beurteilung erfahren. Unbestreitbar sind ihre große geistige Begabung, ihr Verständnis für die Interessen der Nation, ihre Hingabe an den Dienst derselben, Sparsamkeit und dabei doch die Gabe der Repräsentation, hohes Interesse für geistige Bildung, die sie sich selbst in hohem Maß angeeignet hatte. Dagegen ist sie von den weiblichen Fehlern der Eitelkeit und Launenhaftigkeit, die gelegentlich in Stolz und Härte ausarteten, nicht freizusprechen. Der Glanz, der auf ihrer Regierung in der Überlieferung der Engländer ruht, ist in allen wesentlichen Punkten das Verdienst ihres Ministers Cecil; der Königin Ruhm ist es, daß sie ihm die Leitung des Staats übertragen und trotz mancher Differenzen auch belassen hat. Vgl. Camden, Annales rerum anglicarum et hibernicarum regnante Elisabetha (Lond. 1615); Lucy Aikin, Memoirs of the court of Queen Elizabeth (das. 1818, neue Ausg. 1875); Turner, History of the reigns of Edward VI., Mary and Elizabeth (2. Aufl., das. 1829, 4 Bde.); Froude, History of England. Reign of Elizabeth (das. 1863-70, 6 Bde.); Maurenbrecher, England im Reformationszeitalter (Düsseld. 1866).

[Frankreich.] 3) E. Charlotte, Herzogin von Orléans, Tochter des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz und einer hessen-kasselschen Prinzessin, geb. 27. Mai 1652 zu Heidelberg, ward, da ihr Vater sich von seiner Gemahlin scheiden ließ, in Hannover bei ihrer Tante, der Kurfürstin Sophie von Hannover, erzogen. Von ihrem Vater hatte "Liselotte", wie sie zu Hause genannt wurde, ein durchaus gesundes, kräftiges, einfaches, oft derbes Wesen und Temperament geerbt, das nicht selten in Heftigkeit und Laune verfiel, eine echt deutsche Gesinnung, Schlichtheit des Denkens und Lebens, Wahrhaftigkeit und entschiedene Abneigung gegen das glänzende Scheinwesen, wie es damals von Frankreich aus an den deutschen Höfen eindrang. Dennoch wurde sie aus politischer Berechnung 21. Nov. 1671 mit dem Bruder des Königs Ludwig XIV. von Frankreich, dem Herzog Philipp von Orléans (gest. 1701), vermählt. Ihr Gatte war eine von ihr ganz verschiedene Natur, schwächlich an Körper und Geist, sklavisch abhängig von seinem Bruder. Die ganze Welt, in welche E. eintrat, war ihr zuwider, obwohl sie auch unter so widrigen Verhältnissen ihre natürliche Laune sich bewahrte. Ihre Heirat hatte bei künftigen Verwickelungen die Pfalz vor einer Schädigung bewahren sollen. Um so schmerzlicher mußte es ihr sein, als ihre Person von Ludwig XIV. benutzt wurde, um seine Angriffe auf die Pfalz zu begründen. Als nämlich 1685 mit dem Tod ihres Bruders der kurpfälzisch-simmernsche Mannesstamm ausstarb, machte Ludwig XIV. mit Berufung auf die durch E. vermittelte Verwandtschaft 1688 Anspruch auf einen Teil der Pfalz und ließ dieselbe, als er das bereits besetzte Land gegen die Koalition der europäischen Mächte nicht zu behaupten vermochte, 1689 auf das furchtbarste verwüsten. Diese Vorgänge erfüllten E. mit dem tiefsten Schmerz, den sie (wie alle ihre innern und äußern Erlebnisse) in ihren sehr zahlreichen Briefen, meist an ihre Tante Sophie, aussprach. Diese in origineller, oft derber Sprache geschriebenen, auch für die Kenntnis des französischen Hoflebens sehr wertvollen Briefe geben uns ein treues Bild ihrer ganzen Persönlichkeit, ihres rührenden Festhaltens an deutschem Wesen, ihres aufrichtigen, wahren und redlichen Sinnes, mit welchem sie am glänzendsten Hof in Einsamkeit lebte, ihrer Anhänglichkeit an alles, was sie an ihre Heimat erinnerte, ihrer echten, allem Pfaffenwesen, besonders den Jesuiten, feindlichen Frömmigkeit. Trotz ihrer in Beziehung auf Toilette bürgerlichen Einfachheit, trotz ihrer Vorliebe für einfache und kräftige Hausmannskost fühlte sie sich stets als deutsche Fürstin, und ein Pfalzgraf bei Rhein war ihr mehr wert als "so ein lumpiger Duc". Eine besonders große Antipathie hatte sie gegen die frömmelnde, gleisnerische Frau von Maintenon, "die alte Zott, die Rombombel". Ludwig XIV. erkannte erst gegen Ende seines Lebens ihren Wert, schenkte ihr aber dann sein volles Vertrauen. Ihr Leben war, wie Massillon in ihrer Leichenrede sagt, ein Fürstenleben, von dem man ohne Furcht den Schleier wegziehen darf. Daß ihr Sohn, der Regent Philipp von Orléans, durch sein Leben ihr Schande machte, war nicht ihre Schuld, da seine Erziehung zu ihrem Leidwesen ihren Händen entzogen und elenden Erziehern, namentlich dem lasterhaften Dubois, übergeben worden war. E. starb 8. Okt. 1721 zu St.-Cloud. Ihre Briefe an ihre Geschwister wurden herausgegeben durch den Litterarischen Verein in Stuttgart: erste Sammlung von W. Menzel (1843), zweite vollständige Sammlung von H. Holland (1867-81, 6 Bde.), in Auswahl von Geiger (Stuttg. 1884). Briefe Elisabeths an ihre Tante, die Kurfürstin Sophie von Hannover, finden sich in Rankes "Französischer Geschichte im 16. und 17. Jahrhundert", Bd. 5 u. 6. Vgl. Häusser im Anhang zur "Geschichte des Zeitalters der Reformation" (Berl. 1868); Kugler, Pfalzgräfin E. Charlotte (Stuttg. 1877). - Ihre Tochter Elisabeth Charlotte, Mademoiselle de Chartres, geb. 13, Sept. 1676, wurde 1698 mit dem Herzog Karl Leopold von Lothringen vermählt und Mutter von 13 Kindern, darunter der nachmalige Kaiser Franz I. Seit 1729 Witwe, mußte sie unter schwierigen Verhältnissen mehrmals die Regentschaft übernehmen. 1736 zur souveränen Fürstin von Commercy ernannt, starb sie 24. Dez. 1744.

4) E. Philippine Marie Helene, Tochter des Dauphins Ludwig, des Sohns Ludwigs XV. von Frankreich, und der Prinzessin Maria Josepha von Sachsen, Schwester Ludwigs XVI., Madame genannt, geb. 3. Mai 1764 zu Versailles, erhielt eine treffliche Erziehung und lebte, nachdem sich ihre schon beschlossene Verheiratung mit Kaiser Joseph II. sowie auch die mit dem Herzog von Aosta zerschlagen, auf ihrem Landsitz zu Montreuil. Beim Ausbruch der Revolution begab sie sich an den Hof, indem sie es für ihre Pflicht hielt, die Schicksale der königlichen Familie zu teilen. Sie begleitete dieselbe bei ihrem Fluchtversuch 1791, ward mit verhaftet und 13. Aug. 1793 mit in den Temple gebracht. Hier widmete sie sich ganz ihrem Bruder und seinen Kindern und ertrug mit ihnen alle Drangsale der Gefangenschaft. Nach der Hinrichtung des Königs und der Königin schien sie mit ihrer Nichte, der spätern Herzogin von Angoulême, deren Erziehung sie sich sehr angelegen sein ließ, ganz in Vergessenheit gekommen zu sein, als sie 9. Mai 1794 von Fouquier-Tinville vor das