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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Litteratur

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Englische Litteratur (18. Jahrhundert).

einen der schärfsten Angriffe, die jemals gewagt wurden, und verspottet jede Art des Glaubensbekenntnisses in schonungsloser Weise. "Gulliver's travels" sind eine Art Weltsatire, die allgemeine Menschenthorheit mit großer Meisterschaft, doch auch mit verletzender Bitterkeit verhöhnt. Daniel Defoe (1661 bis 1731) schuf mit seinem weltberühmten "Life and surprising adventures of Robinson Crusoe" das bald in ganz Europa beliebte Genre der Robinsonaden und des Reiseromans. Hatten schon die Wochenschriften häufig novellistische Beiträge gebracht, so fand dieser Litteraturzweig jetzt eine hervorragende Pflege, freilich zunächst mit der ausgesprochenen Absicht, zu lehren, wie ja jede Gattung der Poesie sich in den Dienst der Didaktik stellte. So ist Samuel Johnsons (1709-84) Roman "Rasselas" durchaus für den Verstand berechnet; ganz besonders aber wirkte Samuel Richardson (1689-1761) in dieser Richtung. Wie in Spanien, Italien und Frankreich, war auch in England der Roman zunächst als Ritterroman aufgetreten, ging dann in den Schäferroman über und verlor sich in die allegorische Gattung. Dann machte der Reiseroman durch Defoe Epoche, und um die Mitte des 18. Jahrh. begann der Familien- und der humoristische Roman die Gunst der englischen Lesewelt und von dieser auf die des gesamten Kontinents zu gewinnen. Die Grundlage dazu legte Richardson mit seiner "Pamela", die das unglaublichste Aufsehen machte; "Clarissa" hob den Dichter auf die Höhe des Ruhms, während die letzte seiner Arbeiten: "Sir Charles Grandison", das schwächste Werk des Dichters war. Der Hauptmangel dieser Romane liegt in ihrer vorwiegenden moralischen Tendenz, ihre Lichtseite ist die Treue ihrer Lebens- und Herzensschilderungen. Zwar sind die Helden und Heldinnen Richardsons als Ganzes genommen unmöglich, und Walter Scott nannte sie treffend fehlerfreie Ungeheuer, wie die Welt sie nie gesehen. Gleichwohl haben diese Gestalten eine Überzeugungskraft von zwingender Gewalt, und die mächtige Wirkung, welche die Werke des Dichters in und außer England hervorbrachten, war wohlverdient. In bedeutsamem Gegensatz zu Richardson steht Henry Fielding (1707-54). Seine Romane ("Joseph Andrews", "Jonathan Wild" und "Tom Jones") stellen sich zum Teil als eine feine Persiflage der idealisierenden Manier Richardsons dar, zugleich aber ist in ihnen eine so komische Kraft, solcher Reichtum der Schilderung und dabei solche Wahrheit der Darstellung zu finden, daß sie von unvergleichlichem Zauber sind und bleiben werden. Fieldings realistische Manier erscheint gesteigert bei Tobias Smollet (1721-71). Er steht zwar als Romandichter hinter Fielding zurück, namentlich an Feinheit und Liebenswürdigkeit der Darstellung, die bei Smollet grell und burlesk erscheint; aber er entfaltet dabei doch eine so drastische Naturwahrheit, daß vorzüglich "Peregrine Pickle" und "Humphrey Clinker" auch jetzt noch einen unwiderstehlichen Reiz ausüben. Neben diesen Heroen des komischen Romans steht das humoristische Genie Laurence Sternes (1713-68). Leider sind seine beiden Hauptwerke: "Tristram Shandy" und "The sentimental journey", unvollendet geblieben. Der Hauptreiz dieser Dichtungen liegt in dem unendlichen Behagen, in dem unerschöpflichen Liebereichtum, womit Sterne Welt und Menschen betrachtete und umfaßte. Damit traf er einen Nerv der damaligen Menschheit, für deren "Empfindsamkeit" er das Wort sentiment erfand. In dieser Gefühlswelt lebte der junge Goethe, von ihr befreite ihn der "Werther". So schneidet der Einfluß von Sternes Schriften tief in unsre Litteratur, nicht minder der von Oliver Goldsmith (1728-74), dessen "Vicar of Wakefield" Goethe in Sesenheim vorlas. Als weniger bedeutend schließen sich an die genannten Romanschriftsteller: Richard Cumberland (gest. 1811, "Arundel", "Henry", "John de Lancaster"), Charles Johnstone (gest. 1800), Henry Mackenzie (gest. 1831, "The man of feeling", "The man of the world"), Hor. Walpole (gest. 1797, "The castle of Otranto"), William Beckford (gest. 1844, "Vathek"), Anne Radcliffe (gest. 1823, berühmt durch ihre Schauerromane: "Romance of the forest", "The mysteries of Udolfo" etc.), M. G. Lewis (gest. 1818, "The Monk"), W. Godwin (gest. 1836, "Caleb Williams"), Mary Edgeworth (gest. 1849) u. a.

Dieselben Strömungen durchdringen die übrigen Gattungen der Poesie. Das Studium der Natur hatte zu liebevoller Hingabe an dieselbe, zu aufmerksamer Betrachtung geführt und die tiefe Kluft offenbart, die sie von der Unwahrheit und raffinierten Kultur des Lebens scheidet. Goldsmith verherrlichte daher in seiner Elegie "The deserted village" den Dorffrieden, er beschrieb in "The traveller" die Natur nach eigner Anschauung. Auf gleicher Bahn bewegt sich James Thomson (1700-1748), der Dichter der "Seasons", eines bei aller ermüdenden Breite naturwahren und darum epochemachenden Werkes. Einkehr in die Menschenbrust hält Edward Young (1681-1765), dessen "Night-thoughts" um ihrer erhabenen, tief empfundenen Gedanken willen, die freilich auch vielfach nicht frei von Überschwenglichkeit sind, den Ruhm, den sie im Vaterland des Dichters wie auch bei uns gefunden haben, verdienen. Ursprünglicher, unmittelbarer, naturwahrer als Thomson und Young war William Cowper (1731-1800). Bei ihm stammt überall, selbst im Lehrgedicht, die Poesie aus der innersten Herzensregion, das Unbedeutendste gewinnt bei ihm wie in der Natur selbst Leben und Anziehungskraft, aber ein gewisses trübes Dämmerlicht liegt sonst allezeit über seiner dichterischen Stimmung. Dazu tritt eine starke Vernachlässigung der Form, durch welche er ziemlich absichtlich Opposition gegen Pope machte, die sich aber ins Extrem holperiger Rauhigkeit in Vers und Reim verirrte. Neben Thomson stand das große lyrische Genie des unglücklichen William Collins (1720-56), der in seinen "Persian eclogues" und schwungvollen Oden den Sinn für Einfachheit, Schönheit der Beschreibung und Wahrheit dichterischen Gefühls zu wecken versuchte. Auch die Oden von Thomas Gray (1716-71) und Tobias Smollet verdienen Erwähnung. - Im Drama beginnt nicht minder ein neues Leben zu pulsieren. Freilich läßt sich die moralisierende Richtung nicht aus dem Feld schlagen, sondern behauptet die Bühne noch geraume Zeit. Der Familienroman wurde sozusagen auf das Theater verpflanzt und zeitigte hier das seiner Zeit auch in Deutschland wuchernde "bürgerliche Trauerspiel". Gewöhnlich bezeichnet man als Schöpfer dieser thränenreichen Gattung William Lillo (1693-1739), der, wie Richardson in seinen Romanen, Zwecke verfolgte, die außerhalb des dichterischen Gebiets liegen, nämlich von der Bühne herab das Schlechte abzustellen und das Gute zu fördern. Von seinen sieben Trauerspielen sind "George Barnwell" und "Fatal curiosity" die besten. Auch E. Moore (in "The gamester", 1753) kommt über Klugheits- und Sittenpredigerei nur selten hinaus, und wenn Cumberlands vielgepriesene Schauspiele ("The Jew", "The Westindian", "The Brothers" etc.) auch in der Anlage und Charakteristik die