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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Epistelseite; Epistemonisch; Epistola; Epistolae formatae; Epistolae laureatae; Epistolae obscurorum virorum

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Epistelseite - Epistolae obscurorum virorum.

ten einzuwirken, an welchen sie gerichtet ist. Es ist zwar nicht notwendig, daß die Personen, welche Briefe wechseln, fingierte seien oder gar bloße wesenlose Abstraktionen von bestimmten Menschenklassen, wohl aber, daß der Inhalt ein allgemein interessanter sei. Über diesem Bestreben darf aber der Dichter keineswegs vergessen, den allgemein interessanten Inhalt den bestimmten Individualitäten des Schreibers und Empfängers anzupassen, d. h. er muß sich bestreben, der poetischen Wahrheit in Personen und Individualitäten gerecht zu werden. Die Briefe dieser Art sind meist in Hexametern oder Distichen geschrieben; im Deutschen möchte sich noch besser der Iambus in freier Behandlung mit wechselnden Füßen (wie ihn Uz, Michaelis, Wieland und besonders v. Göckingk anwendeten) zur E. eignen; die Franzosen gebrauchen dazu den Alexandriner. Was den materiellen Inhalt der poetischen E. anbelangt, so wird entweder ein Faktum poetisch dargestellt (epische E.), oder es werden subjektive Vorstellungen und Gefühle des Briefschreibenden zur Darstellung gebracht (lyrische E.). In den meisten Fällen wird der Briefschreiber seinem Freund irgend eine Wahrheit mitteilen wollen, und dann wird die E. didaktisch, wie die meisten der Briefe des Horaz (z. B. die berühmte "Epistola ad Pisones"). - In der Theologie versteht man unter Episteln die im Neuen Testament enthaltenen Briefe der Apostel; dann die Abschnitte aus den letztern (epistolische Perikopen), welche an Sonn- und Festtagen am Altar verlesen zu werden oder der Predigt zu Grunde zu liegen pflegen.

Epistelseite, s. Epistolar.

Epistemonisch (griech.), wissenschaftlich.

Epistola (lat.), Sendschreiben, Brief; s. v. w. poetische Epistel, s. Epistel; auch s. v. w. Reskript, kaiserliches Sendschreiben und Kodizill.

Epistolae formatae (lat.), formulierte oder schematisierte Briefe, in den ältesten Zeiten der christlichen Kirche Empfehlungsbriefe, welche wandernde Brüder von der einen Gemeinde an die andre erhielten. Sie wurden vom Bischof oder Presbyter im Namen der Gemeinde ausgestellt und nach einem bestimmten Schema abgefaßt, daher der Name.

Epistolae laureatae (lat.), mit Lorbeeren umwundene Briefe, wie sie die römischen Feldherren mit der Siegesnachricht nach Rom zu schicken pflegten (Siegesbülletins).

Epistolae obscurorum virorum (Briefe der Dunkelmänner), Titel einer Sammlung satirischer Briefe aus dem Anfang des 16. Jahrh., die, in sogen. Küchenlatein abgefaßt, das Wesen und Treiben des damaligen Pfaffentums geißeln, eins der merkwürdigsten Erzeugnisse deutschen Witzes. Die nächste Veranlassung zum Erscheinen der E. gab der Streit Reuchlins mit den Kölnern. Ein 1506 getaufter Kölner Jude, Johann Pfefferkorn, der sich des Schutzes der Kölner Dominikaner erfreute, suchte, von seinen frühern Glaubensgenossen angefeindet, aus Rache beim Kaiser Maximilian ein Mandat zur Verbrennung aller jüdischen Bücher, die Bibel ausgenommen, auszuwirken. Reuchlin, mit andern vom Kaiser um sein Gutachten über diesen Vorschlag befragt, sprach sich entschieden gegen denselben aus. Pfefferkorn veröffentlichte darauf 1511 eine Schmähschrift gegen Reuchlin: "Der Handspiegel", und dieser antwortete in dem "Augenspiegel". Da aber die Kölner Theologen und Dominikaner, der Ketzermeister Jakob Hoogstraten an der Spitze, sich zu gunsten Pfefferkorns in den Streit mischten, so gruppierten sich um Reuchlin die zahlreichen Freunde der anbrechenden Aufklärung. Reuchlin appellierte an den Papst, und dieser erteilte darauf dem Bischof von Speier den Auftrag, die Sache zu untersuchen. Obwohl letzterer für Reuchlin entschied, kam doch auf Veranlassung Hoogstratens die Sache 1514 nochmals vor den päpstlichen Hof und war hier mehrere Jahre anhängig. In dieser Zeit erschienen nun die E. Der Titel und wohl der ganze Gedanke der Schrift ist als Gegenstück zu den (nicht fingierten) "Epistolae clarorum virorum" an Reuchlin entstanden, die 1514 von ihm veröffentlicht worden waren, um in dem Streit mit den Kölnern ein Gewicht in seine Wagschale zu werfen; ihnen wurde in den E. ein erdichteter Briefwechsel aus dem Kreise seiner Widersacher entgegengestellt. Die Haupttendenz derselben war, der bereits in der öffentlichen Meinung sehr gesunkenen Sache des Mönchtums eine Hauptniederlage beizubringen, den gesamten Obskurantismus in seiner Ohnmacht hinzustellen und der freien Wissenschaft das ihr gebührende Stimmrecht bei den Fragen des Zeitalters zu sichern. Es ist darin die derb-satirische volksmäßige Richtung der Opposition in ihrer Vereinigung mit der humanistischen zu ihrer Vollendung durchgedrungen. Die Briefe der Dunkelmänner sind schlagend, treffend, vernichtend und, obwohl mit den gröbsten Waffen fechtend, doch in ihrer Art durchaus vollendet. Die Briefe sind nämlich angeblich von Anhängern des alten Systems an einen gewissen Ortuinus Gratius, Professor der scholastischen Theologie in Köln, den lateinischen Handlanger und poetischen Schildhalter der dortigen Obskuranten, gerichtet, und jene sprechen sich hier ganz offen in ihrer krassen Unwissenheit aus; zugleich aber berichten sie von den Ansichten der Reuchlinisten und müssen so selbst der Wissenschaft das Wort reden. In Bezug auf die Ausdrucksweise mag im einzelnen die schlechte Latinität der alten Theologen und Scholastiker etwas übertrieben sein, aber im allgemeinen ist sie durchaus charakteristisch, an vielen Stellen sogar unübertrefflich. Ganz adäquat der Form ist der Inhalt der Sendschreiben. Die Briefsteller unterhalten sich am liebsten über Speisen und Getränke, vorzüglich aber über die Freuden der Liebe. Nicht minder als die Üppigkeit werden der Dünkel und die Titelsucht der geistlichen Herren mitgenommen. Natürlich ist aber der Kampf zwischen Reuchlin und den Humanisten auf der einen und den Scholastikern und Pfaffen auf der andern Seite der Hauptgegenstand der Korrespondenz. Diese erregte gleich bei ihrem Erscheinen das größte Aufsehen, obgleich anfänglich auch die Pfaffenpartei, die Satire nicht verstehend, sich die Briefe zu ihren gunsten auslegte. Männer von anerkannter Mäßigung, wie Erasmus und Thomas Morus, äußerten ihr Entzücken darüber; Luther dagegen, dem, damals wenigstens, der Humor zur richtigen Auffassung eines solchen Werkes fehlte, fand die Briefe frech und nannte den Verfasser einen Hanswurst. Umsonst erwirkte die angegriffene Partei mit schweren Summen die Verdammung der Urheber und Leser des Buches durch ein päpstliches Breve; es trug nur noch mehr zur Verbreitung wie zur Nachahmung desselben bei, wenn auch keine von allen dadurch hervorgerufenen Satiren an Frische und Kraft das Original erreichte. Die allgemeine Meinung hielt anfangs Reuchlin für den Urheber, später erklärte sie sich für drei Verfasser: Reuchlin, Erasmus und Hutten. Nachdem die beiden erstern die Ehre abgelehnt, blieb Hutten als Haupturheber stehen; doch gesellte man ihm nach und nach noch einige seiner geistesverwandten Freunde bei. Nach einer Untersuchung Kampschultes ("De Croto