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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erdkunde

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Erdkunde (im Mittelalter).

als 300,000 Stadien (à 184,97 m) geschätzt. Der erste aber, der die Erde wirklich gemessen hat und zwar nach einem Verfahren, das noch jetzt befolgt wird, ist der Athener Eratosthenes (276-196). Er erwählte den Erdbogen zwischen Alexandria und Syene (Assuân) am Nil, von welchen Orten er annahm, daß sie unter demselben Meridian lägen, zur Messung. Seine Rechnung ergab für den Erdumfang 252,000 Stadien, von denen 40 auf 1 ägyptischen Schönus (= 6,3 km) gingen, d. h. für den Erdgrad 110,25 km, was der Wahrheit überaus nahe kommt, aber nur einem Zufall zuzuschreiben ist. Ptolemäos verwarf indes diese Messung und zog die des Posidonios vor, welche den Erdumfang zu 180,000 olympischen Stadien, d. h. 1/6 zu klein, fand. Darstellungen der Erde, Vorläufer unsrer Karten, finden wir zuerst bei Anaximander (gest. 547); die neue Kunst bildete Hekatäos (geb. 544) weiter aus, und Aristagoras erregte um 500 in Lakedämon Aufsehen mit einer ehernen Tafel, auf welcher der Erdkreis eingeschnitten war. Diese ältesten Karten sind verloren gegangen, ebenso wie jene des Marinos aus Tyros, der zuerst bei der Ortsbestimmung Längen und Breiten berücksichtigte. Von großer Bedeutung wurden die Karten des Alexandriners Claudius Ptolemäos (um 125 n. Chr.), die bis ins 15. Jahrh. Geltung behielten, und deren Fehler erst im 18. Jahrh. völlig beseitigt wurden (s. Ptolemäos). Zwei Lehren waren im Altertum herrschend über die Verteilung des Trocknen und Flüssigen auf der Erdoberfläche. Die sogen. Homerische Schule, zu der Eratosthenes und Strabon zählten, betrachtete die drei Festlande der Alten Welt als eine zusammenhängende Insel, die vom Weltmeer (Okeanos) umflossen werde. Eratosthenes aber vermutete schon, daß es außer unsrer Menschenweltinsel noch andre Weltinseln gäbe, auf denen unbekannte, von uns verschiedene Geschöpfe lebten, eine Ansicht, die dem Entdecker Amerikas allerdings unbekannt geblieben ist. Kolumbus bekannte sich nämlich zu den Anschauungen der Gegner jener Homerischen Schule, die von Aristoteles, Hipparch, Marinas und Ptolemäos vertreten waren. Diese wollten kein allumgrenzendes Weltmeer anerkennen, sondern dachten sich den Indischen und Atlantischen Ozean, wie das Mittelmeer, vom Land umschlossen und die Wasserbedeckung zwischen dem äußersten Westen und Osten des Bewohnbaren so eng, daß eine westliche Überfahrt nach dem Morgenland ungewöhnlich erleichtert schien.

Die Kenntnis der Alten von den Gebirgen war eine geringe. Plinius schätzte einige Alpengipfel bis auf 50,000 römische Schritt (etwa 15mal höher als der Montblanc in Wirklichkeit), und nach Aristoteles glänzten die Gipfel des Kaukasus noch vier Stunden lang, nachdem die Sonne in der Ebene untergegangen war. Die ersten Bergmessungen stellte indessen schon Dikäarchos (360-290 v. Chr.) an, welcher dem Pelion 6250 römische Fuß gab. Sehr früh schon lehrte Empedokles (440) den feuerflüssigen Kern unsers Planeten, von dessen höherer Temperatur die heißen Quellen Zeugnisse ablegten, und die Vulkane betrachtete man damals schon als Ausgänge, durch welche jenes heißflüssige Erdinnere mit der Oberfläche verkehre. Erdbeben dagegen erschienen den meeranwohnenden Hellenen als unterirdische, von Poseidon angestiftete Revolutionen, weshalb jener Gott auch den Beinamen des Erderschütterers trug. Nicht unbekannt war den Alten, daß sich Teile der Festländer heben oder senken könnten, und daß die Landenge von Suez wie der Nordrand Libyens bis zur Ammonsoase ehemals mit Meer bedeckt gewesen, schlossen sie aus den dort eingebetteten Seemuscheln. Die hydrographischen Vorstellungen der Alten waren mangelhaft, wie schon daraus hervorgeht, daß sie die großen Flüsse in ihrem mittlern Lauf sich meist gabeln lassen, eine Erscheinung, die nur einmal (Verbindung des Amazonenstroms mit dem Orinoko durch den Cassiquiare) auf der Erde vorkommt. Bei den Alten aber floß z. B. die Donau gleichzeitig in das Adriatische und das Schwarze Meer. Größere Meerestiefen haben die Alten schwerlich gemessen, obwohl Kleomedes und Papirius Fabianus von 15 Stadien (= 3500 m, also für das Mittelmeer nicht unwahrscheinlichen Werten) sprachen. Schon die Phöniker erkannten an der atlantischen Küste Spaniens Ebbe und Flut, deren doppelten täglichen Rhythmus sie vom Zenithstand des Mondes abhängig machten. Über die Gesetze des Luftkreises hat schon Aristoteles einige der höchsten Wahrheiten ausgesprochen; er erkannte das regelmäßige Eintreten der Landbrisen und ahnte das Drehungsgesetz der Winde; auch lehrte er, daß die Sonne durch Verdampfung dem Meer Wasser entziehe, und wußte, daß die warme Luft mehr Feuchtigkeit gelöst enthalten könne als die kalte. Schon frühzeitig erkannten im Hinblick auf die Schneeberge die alten Griechen, daß die Abnahme der Wärme mit den wachsenden Breiten durch die senkrechte Erhebung der Erdoberfläche beschleunigt werde. Selbst in der Nähe des Äquators ließ Ptolemäos seine Nilquellseen von Schneewasser gefüllt werden. Am klarsten dachte darüber Strabon, der uns zuerst belehrt, daß nördliche Länder, wenn sie tiefer liegen, wärmer sein können als südlichere Hochebenen, wobei ihm als Erwärmungsmesser der Anbau von Gewächsen, besonders des Ölbaums, dienen mußte. Was die Verbreitung von Gewächsen und Tieren betrifft, so nahmen die Alten an, daß je weiter südlich, desto riesenhafter die Formen werden, wofür ihnen Elefanten und Nashörner als Beweis dienten. Die Farbe der Menschen wurde nach der Ansicht der Hellenen nach dem Äquator zu immer dunkler, während sie nach N. zu heller werde. Dabei legte man aber keinen oder geringen Wert auf die beschreibende Völkerkunde, so daß viele der von den Alten genannten Völker heute nicht mehr identifiziert werden können (z. B. die Skythen). So viele Wahrheiten die Alten aber auch ausgesprochen haben, sie waren sämtlich unter einem Schutte der gröbsten Irrtümer verborgen, und diese Irrtümer hatten gleiche Berechtigung neben den Wahrheiten.

[Mittelalter.] Im Beginn des Mittelalters zeigt unsre Wissenschaft lediglich Symptome des Verfalles. Die lateinisch schreibenden Geographen schöpften ihr Wissen nicht aus griechischen Quellen, und die gelehrtesten Männer hielten sich im günstigsten Fall an Plinius, während Strabon, Herodot, Ptolemäos vergessen waren. Dafür bevölkerten Phantasiegebilde und Wundergestalten die Werke, während man von Naturbeschreibung der Länderräume gänzlich absah und höchstens kahle Ortsverzeichnisse gab. Für die räumliche Erweiterung der E. in dieser Periode wurde nur nach N. und NW. hin gesorgt, ohne daß aber an diesen merkwürdigen Entdeckungen der Wissenschaft ein eigentlicher Nutzen erwuchs. Irische fromme Mönche besuchten schon gegen Ende des 8. Jahrh. Island, welches dann später von Wikingern wieder gesehen und endlich 874 von vertriebenen norwegischen Edlen besiedelt wurde. Von dort aus wurde 983 Grönland, etwas später auch Labrador und Neufundland entdeckt, auch vorübergehend besiedelt, ohne daß diese Funde wagehalsiger Abenteurer indes außerhalb der altnordischen Völker beachtet wurden. Im N. Europas