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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: zweite Republik, Napoleons Staatsstreich).

führte zu dem Beschluß einer Expedition gegen Rom, um hier den von der römischen Bevölkerung vertriebenen Papst wieder einzusetzen und zugleich den französischen Einfluß in Italien gegenüber den siegreichen Österreichern aufrecht zu erhalten (März 1849). Da die Römer sich dem Eindringen der Franzosen widersetzten, kam es zum Kampf, infolge dessen die letztern die Belagerung Roms begannen. Die geheime Billigung, welche dieselbe, von Napoleon unternommen, um den Klerus für sich zu gewinnen, auch bei der Mehrheit der Nationalversammlung fand, sprach sich in dem Übergang zur Tagesordnung aus, welchen die letztere 9. Mai allen diese Ereignisse mißbilligenden Anträgen gegenüber beschloß. Am 26. Mai löste sich die Nationalversammlung auf, und 28. Mai wurde die Gesetzgebende Versammlung eröffnet. Sie bestand aus einer monarchistischen Majorität und einer sozialistisch-demokratischen Minorität; die gemäßigte Republik, also die bestehende Regierungsform, war nur schwach vertreten. Um so mehr glaubte die Linke ihr Heil in einem neuen Aufstand des Pariser Volkes suchen zu müssen. Sie nahm 13. Juni 1849 die Bekämpfung der römischen Republik durch die französische Armee zum Vorwand neuer Aufstände, die aber schnell unterdrückt wurden und nur die rücksichtslose Verfolgung der demokratischen Presse und die Flucht der Führer, die Verurteilung der Verhafteten und die Verschärfung der Strafgesetze zur Folge hatten. Am 2. Juli zogen die französischen Truppen in Rom ein, wo sie die Restauration des päpstlichen Priesterdespotismus durchführen halfen. In ihrem Eifer, die gesellschaftliche Ordnung und die innere Ruhe aufrecht zu erhalten, ließ die Nationalversammlung den Präsidenten ungestört seinen Einfluß befestigen und vermehren. Man erließ Anfang 1850 ein Unterrichtsgesetz, welches die Lehrer ganz in die Hand der Geistlichkeit und der Präfekten gab; die Freiheitsbäume mußten überall entfernt werden; ganz F. wurde in fünf große Militärdistrikte geteilt; ein Wahlgesetz, welches das Wahlrecht an die direkte Steuer und den zweijährigen Aufenthalt band, nahm dasselbe fast einem Dritteil der Wähler (3 Mill. auf 9 Mill.). Solche Gesetze machten die Versammlung in den untern Klassen durchaus unpopulär, während der Präsident sich meist sorgfältig von ihr fern hielt und vielmehr als Erwählter der Nation auf wiederholten Reisen mit der Bevölkerung direkte Beziehungen anzuknüpfen suchte. Mit Vorliebe stellte er sich als den Beförderer und Beschützer der nationalen Wohlfahrt und der Volksrechte hin, gab die Gebrechen seiner Regierung dem hemmenden Widerstand der Nationalversammlung schuld und weckte durch Freigebigkeit und Gnadenakte die schlummernden Sympathien des Volkes für die Napoleonische Kaiserzeit. Schon hörte man auf der Truppenrevue von Satory (im Oktober 1850) den Ruf: "Es lebe der Kaiser!"; schon wurde ein General, der denselben verboten hatte, abgesetzt. Bonapartistische Vereine, wie in Paris die Gesellschaft des zehnten Dezembers, bearbeiteten die öffentliche Meinung in ihrem Sinn.

So beschloß der Prinz, den Kampf mit der Versammlung aufzunehmen. Nachdem er 4. Jan. 1851 die Minister, die ihm nicht unbedingt anhingen, entlassen hatte, beantragte er eine im Land allgemein verlangte Verfassungsrevision, welche das allgemeine Stimmrecht herstellte und die Wiederwahl des Präsidenten nach Ablauf der vierjährigen Amtszeit gestattete. Die Uneinigkeit der Parteien bewirkte im August 1851 die Ablehnung der Revision. Da nun Napoleon im Lauf des Jahrs 1852 die Präsidentschaft niederlegen mußte, die errungene Gewalt aber um keinen Preis aus den Händen lassen wollte, entschloß er sich zu einem Staatsstreich. Den Versuch der Versammlung, sich gegen einen solchen dadurch zu schützen, daß sie sich das Recht unmittelbarer Requisition der bewaffneten Macht beilegte, vereitelte die durch Verwerfung des allgemeinen Stimmrechts erbitterte Linke. Im tiefsten Geheimnis traf Napoleon, unterstützt von Morny, Fleury, dem Kriegsminister Saint-Arnaud und dem Polizeiminister Maupas, seine Vorbereitungen; in der Nacht vom 1. auf 2. Dez. 1851 hob die Polizei ungefähr 60 Abgeordnete und andre politische Persönlichkeiten, darunter die Generale Changarnier, Cavaignac, Lamoricière, Bedeau, Leflô, den Obersten Charras, Thiers, Victor Hugo u. a., auf und brachte sie nach Mazas in Haft. Am 2. Dez. morgens wurde der Palast der Gesetzgebenden Versammlung mit Truppen besetzt und durch eine Proklamation des Präsidenten, der sich direkt an die Nation wendete, die letztere verfassungswidrig für aufgelöst erklärt; Abgeordnete, die dennoch eintreten wollten, wurden verhaftet. 218 Abgeordnete versammelten sich in der Mairie des zehnten Arrondissements, wurden aber von den Soldaten sämtlich verhaftet. Der hohe Gerichtshof und der Staatsrat wurden gleichfalls gewaltsam aufgelöst. Diese Maßregeln machten auf das Pariser Volk einen übeln Eindruck; indessen gelichtet und gedemütigt durch die Junikämpfe, 1830 und 1848 durch die Bourgeoisie um die erhofften Früchte der von ihnen durchgefochtenen Revolutionen gebracht, gegen die reaktionäre Mehrheit der Versammlung erbittert, blieben die Arbeiter gleichgültig, und mit leichter Mühe und unter nutzlosem Blutvergießen wurden 3. und 4. Dez. die wenigen Barrikaden genommen, welche in Paris errichtet worden waren. Tausende der gefangenen Volkskämpfer und der Verhafteten wurden nach Cayenne und Lambessa deportiert.

Die allgemeine Abstimmung, die 20. und 21. Dez. stattfand, bestätigte den Staatsstreich; das Volk sehnte sich nach Ruhe, der Klerus wirkte für Napoleon, dem überdies die glorreichen Erinnerungen des ersten Kaiserreichs zu statten kamen. 7½ Mill. Stimmen gegen 650,000 nahmen die vorgeschlagene Verfassung an, die einen Präsidenten der Republik auf zehn Jahre mit allen königlichen Attributen, aber dem Volk verantwortlich, einen Gesetzgebenden Körper, erwählt auf sechs Jahre durch das allgemeine Stimmrecht, aber ohne legislative Initiative irgend einer Art, und einen vom Präsidenten ernannten Senat, welcher die Verfassung aufrecht zu erhalten und abzuändern hatte, einsetzte. Diese Verfassung, verkündet 14. Jan. 1852, verlieh dem Staatsoberhaupt eine völlig absolute Gewalt. Auch die Wahlen für den Gesetzgebenden Körper fielen 1852 ganz für die neue Regierung aus. Die fremden Mächte, welche in Ludwig Napoleon den endgültigen Besieger der Revolution begrüßten, erkannten ihn bereitwillig an. Nach diesen ermutigenden Erfahrungen strebte Napoleon offen die Wiederherstellung des kaiserlichen Throns an. Pomphafte Reisen des Präsidenten durch einen großen Teil Frankreichs, glänzende Napoleonische Feste im Sommer und Herbst 1852, Gnadenbezeigungen und Geschenke aller Art mußten die öffentliche Meinung vorbereiten. In Bordeaux trat Napoleon ausdrücklich als Bewerber um das Kaisertum auf, indem er zugleich das Programm aufstellte: "Das Kaisertum ist der Friede". Bei seiner Rückkunft nach Paris (16. Okt.) empfingen den Präsidenten glänzende, nicht allein offizielle, sondern auch volkstümliche Festlichkeiten