Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Sprache

617

Französische Sprache (Dialekte; sprachwissenschaftliche Werke).

Diejenigen Ortlichkeiten ^[richtig: Örtlichkeiten] abgerechnet, wohin die f. S. nur durch Kolonien verpflanzt worden ist (s. unten), umfaßt dieselbe ganz Frankreich (abgesehen von dem zugehörigen Patois und von der provençalischen und niederbretonischen Volkssprache), ferner die Normännischen Inseln, einen Teil von Belgien und der Schweiz. Genauer bezeichnet eine gerade Linie von Gravelingen (Gravelines unweit Calais) nach Limburg, einige Krümmungen nicht mit gerechnet, die Grenzscheide der französischen und niederländischen Sprache, eine zweite von Limburg aus, wo sich drei Sprachgebiete, das französische, das niederländische und das deutsche, berühren, in südsüdöstlicher Richtung durch Luxemburg, zwischen Lothringen und Elsaß (nur einen Teil des Oberelsaß einschließend) hindurch, dann durch die Schweiz auf den St. Bernhard zu, so daß die Kantone Genf, Neuenburg und Waadt ganz, Bern, Freiburg und Wallis zum Teil französisch reden, im allgemeinen die Grenze zwischen dem deutschen und französischen Lautgebiet. Bemerkenswert ist der Umstand, daß an den Berührungspunkten die f. S. nirgends allmählich in die beiden andern Sprachen übergeht, daß sich also keine sogen. Mischsprache (jargon) bildet, sondern daß jede der genannten Sprachen selbst hart an der Grenze ihren Charakter in ganzer Reinheit festhält. Dies darf jedoch nicht so verstanden werden, als ob nicht Wörter, besonders in der Rede des gemeinen Mannes, vorkämen, die der Nachbarsprache angehören. Ein großer Wörteraustausch findet namentlich zwischen dem Wallonischen (einem französischen Dialekt) und dem Vlämischen (einem niederländischen Dialekt) statt; doch hat jede dieser Sprachen solche Wörter in Laut und Betonung ihrer Eigentümlichkeit anzupassen gewußt. Ganz anders verhält es sich mit dem Zusammentreffen der französischen Sprache mit der italienischen und mit der spanischen. Zwar wird man auch hier durch eine von Aosta auf Nizza gezogene gerade Linie die ungefähre Grenze zwischen dem französischen und italienischen Lautgebiet sowie durch eine zweite Linie längs des Pyrenäenkammes die Scheide zwischen der französischen und spanischen Sprache abstecken können; indessen sind die Übergänge aus dem französischen Sprachgebiet in das eine und in das andre der beiden Nachbarsprachen durchaus leise und unmerklich. Die provençalische Mundart, z. B. an der italienischen Grenze bei Nizza, und die italienische Mundart in Oberitalien sind einander so ähnlich, daß Kenner noch nicht darüber einig sind, welchem Sprachgebiet diese Idiome eigentlich angehören. Aus dem eben abgesteckten Gebiet muß indessen (außer der Insel Corsica, wo italienisch gesprochen wird) noch ausgeschieden werden zunächst die Niederbretagne (Basse-Bretagne), in welcher ein gälischer oder keltischer Dialekt gesprochen wird, und das Baskische am Fuß der Pyrenäen, welches ohne Verwandtschaft mit den in der Nähe gesprochenen Mundarten des Französischen und Spanischen auf altiberischen Ursprung hinweist. Zu dem großen Gebiet der französischen Sprache sind dagegen noch zu rechnen Teile von Missouri, Louisiana, die westliche Hälfte von Haïti, Guadeloupe, Martinique und andre westindische Inseln, Algerien, die französischen Besitzungen am Senegal, die Inseln Bourbon und Mauritius etc., so daß man die Zahl der außerhalb Europa französisch Redenden ungefähr auf 1½ Mill. anschlagen kann.

In Frankreich selbst steht der allgemeinen Schriftsprache noch immer eine in viele Dialekte verzweigte niedere Volkssprache gegenüber. Der Franzose nennt diese Dialekte, gegenüber der Schriftsprache, les Patois (ein nicht sicher erklärtes Wort). Nicht die südfranzösischen (s. Provençalische Sprache), sondern nur die nordfranzösischen kommen hier in Betracht. In schriftlicher Darstellung werden heutzutage diese Patois selten anders als zu Volksliedern und zu dramatisierten Lokalpossen verwendet, woher es auch kommt, daß dieselben, gerade wie die deutschen Volksdialekte, keine feste Orthographie haben. Man versucht die orthographische Nachbildung dadurch, daß man sich der für das rein Französische üblichen Schriftzeichen bedient und diesen Schriftzeichen diejenige Lautgeltung verleiht, welche dieselben regelrecht in der französischen Sprache haben. Indes kann eine solche Nachbildung in manchen Fällen nur annäherungsweise gelingen, da die Dialekte zum Teil ganz eigentümliche Laute besitzen. Die alten drei Hauptdialekte, Normännisch, Picardisch und Burgundisch, in ihrer Mitte die Sprache von Isle de France, treten auch heute noch hervor, aber größtenteils entstellt, gröber und unreiner, namentlich in den Vokalen. Der normännische Dialekt wird noch heute in der Normandie, aber am altertümlichsten in Maine (das Manceau) gebraucht; ferner auf den Normännischen Inseln. In der Normandie ist viel Picardisch eingedrungen. Dem Dialekt von Maine schließt sich im allgemeinen der von Poitou an. Vorliebe für dumpfere Laute zeichnet die ganze Gruppe aus. Picardisch hört man in der Picardie, in Artois und in Französisch-Flandern. Es erhält etwas sehr Hartes durch das Ausstoßen vieler unbetonter e zwischen Konsonanten; außerdem ist ihm noch heute, wie in alter Zeit, der Wechsel zwischen Gutturalen und Zischlauten eigentümlich (z. B. canchon = chanson, kien = chien). An das Picardische stößt das Rouchi im Hennegau und in der Nordchampagne, wo sich deutscher Einfluß geltend macht; ebenso hat das Wallonische dadurch, daß es an das Vlämische (Brüssel) grenzt, viel Germanisches in sich aufgenommen. Unter den burgundischen Dialekten weicht die in Lothringen gebrauchte Sprache, deren bemerkenswerteste Eigenheit der deutsche Kehllaut ist, nicht unbedeutend von den andern ab.

Die Geschichte der französischen Sprache bearbeiteten J. J. ^[Jean Jacques] Ampère (1841), Génin (1845), Duméril (1852), Chevallet (1853-57, 3 Bde.), Littré (8. Aufl. 1886, 2 Bde.) u. a. Vgl. Aubertin, Histoire de la langue et de la littérature françaises au moyen-âge (2. Aufl. 1883, 2 Bde.). Die altfranzösische Sprache (im weitern Sinn) wurde grammatisch behandelt von Raynouard, Diez, Fuchs, Orelli, Burguy ("Grammaire de la langue d'oïl", Berl. 1852-56, 3 Bde.); lexikalisch von Roquefort, Pougens u. a. Ein großes "Dictionnaire de l'ancienne langue française et de tous ses dialectes du IX. au XV. siècle" gibt jetzt Fréd. Godefroy (1880 ff.) heraus. Die brauchbarste altfranzösische Chrestomathie lieferte Karl Bartsch (mit Grammatik und Glossar, 4. Aufl., Leipz. 1880). -

Die alten Dialekte behandelte zuerst in grundlegender Weise Fallot ("Recherches sur les formes grammaticales de la langue française et de ses dialectes au XIII. siècle", Par. 1839). Vgl. Lücking, Die ältesten französischen Mundarten (Berl. 1877). Die einzelnen Mundarten alter und jetziger Zeit sind in ansehnlichen Glossarien bearbeitet, z. B. der patois picard von Corblet (1851), die verschiedenen, zum burgundischen Sprachkreis gehörenden Patois der Champagne von Tarbe (Reims 1851, 2 Bde.), der patois normand von Louis du Bois (1856), die wallonische Sprache von Grandgagnage (Lüttich 1847 ff.) Als Gesamt-^[folgende Seite]