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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gedächtnishügel; Gedächtniskunst; Gedächtnispflege; Gedächtnisschwäche; Gedackt; Gedanke; Gedankengang; Gedankenlesen

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Gedächtnishügel - Gedankenlesen.

Gedächtnishügel (Malhügel), Erd- oder Steinhügel zum Andenken an Ereignisse oder Personen errichtet, ohne Grabstätte. Sie besitzen in einigen Fällen gar keinen Hohlraum, in andern Fällen enthalten sie eine Waffe oder Bronzeschmuck, mitunter auch nur etwas Holzkohle. Man hat solche Hügel in Deutschland, Skandinavien und England entdeckt und hält sie zum Teil für Anlagen, welche in ihrem Wesen den Kenotaphien der Griechen und Römer entsprechen, also namentlich zum Andenken an fern von der Heimat verstorbene Personen errichtet sind.

Gedächtniskunst, s. Mnemonik.

Gedächtnispflege im Unterricht. Über den hohen Wert eines treuen und umfassenden Gedächtnisses für die geistige Ausbildung des Menschen kann kaum ein Zwiespalt der Ansichten bestehen. Wohl aber ist in der pädagogischen Welt darüber gestritten worden, ob dem Gedächtnis auch unmittelbar eine besondere Pflege durch Auswendiglernen zu teil werden soll. Die ältere Weise des Unterrichts, namentlich vor Verbreitung des Buchdrucks, nahm das Gedächtnis stark in Anspruch. Nach dem Grundsatz der Alten, daß man nur so viel wisse, wie man im Gedächtnis halte, wurde fast alles Wissen durch Auswendiglernen vermittelt. Grundsätzlichen Einspruch dagegen erhob im Beginn des 17. Jahrh. Wolfgang Ratichius (s. d.); er wollte nichts auswendig lernen, sondern alles nur verstandesmäßig aneignen lassen. Auch J. J. Rousseau (s. d.) sagt: "Emil soll nie etwas auswendig lernen"; der Zögling soll sich nach ihm nur Urteile, nicht Worte aneignen. Ihm folgten im wesentlichen die Philanthropen. Die neuere Pädagogik, namentlich durch das Verdienst Herbarts (s. d.), hat hierin sich für einen psychologisch begründeten Mittelweg entschieden. Sie verlangt, daß vorzugsweise das Verständnis, die innere Aneignung, gepflegt und durch diese unter Zuhilfenahme geeigneter Wiederholungen und gegenseitiger Verknüpfung verwandter Vorstellungen und Vorstellungsreihen das unwillkürliche Behalten des unterrichtlich Dargebotenen angebahnt werde. Um aber solche Gegenstände des Unterrichts, an denen neben dem Inhalt der Vorstellungen auch die Form, in der sie miteinander zu einem Ganzen verwoben sind, wesentlichen Wert hat, Kernsprüche, klassische Dichtungen etc., zum unverlierbaren Eigentum zu machen und zugleich das unwillkürliche Gedächtnis der zunehmenden Masse des aufzunehmenden Stoffes entsprechend zu kräftigen, muß ein in sorgfältigem Anschluß an den Unterricht ausgewählter Schatz von Wissenswürdigem doch auch durch planmäßiges Einprägen memoriert werden. Dagegen ist jede bloß äußerliche Aneignung, jede für sich bestehende Gedächtnisübung und namentlich jeder Unterricht, der lediglich oder vorzugsweise auf gedächtnismäßiger Einprägung beruht (memoriale Unterrichtsmethode), unbedingt zu verwerfen.

Gedächtnisschwäche, s. Gedächtnis.

Gedackt (Gedakt), gewöhnliche Bezeichnung der gedeckten, d. h. an ihren Mündungen winddicht verschlossenen, Labialstimmen der Orgel, bei denen die anprallende Luftwelle vom Deckel zurückgeworfen wird, so daß der Aufschnitt ihr einziger Ausgang ist. Die Gedackte zerfallen hinsichtlich ihrer Mensur, Größe, ihres Aufschnittes etc. in verschiedene Klassen, wie: G. 32', gewöhnlich Untersatz, Majorbaß, Großsubbaß, Intrabaß, Subkontrabaß (lat. Pileata maxima) genannt; G. 16', auch Grobgedackt, Großgedackt, Bordun, Perduna, Subbaß (lat. Pileata magna) genannt; G. 8' oder Mittelgedackt (lat. Pileata major) und G. 4' oder Kleingedackt (Pileata minor). Noch kleinere Gedackte finden sich nur in alten Orgeln (Bauernflöte, Feldflöte zu 2' und 1'). Auch die Doppelflöte (Duiflöte) und Quintatön (Quintadena) sind Gedackte. Da die Gedackte einen (annähernd) um eine Oktave tiefern Ton geben als die gleichlangen offenen Flöten, so sind sie aus Sparsamkeitsgründen für tiefe Register sehr beliebt; ihr Ton ist jedoch etwas dumpf und steht durchaus hinter dem des Prinzipals zurück. Vgl. Blasinstrumente und Fußton.

Gedanke, im engern Sinn jedes Erzeugnis des Denkvermögens oder des Verstandes, mithin jede vermittelst des Denkprozesses aus der Sphäre der Anschauung und Empfindung in die des Begriffs, des Urteils und des Schlusses erhobene Vorstellung; im weitern Sinn aber jede Vorstellung, insbesondere von solchen Gegenständen, welche der sinnlichen Wahrnehmung entweder ganz unzugänglich sind, oder derselben wenigstens nicht vorliegen, also sowohl das vermittelst der Erinnerungskraft als auch das vermittelst der Phantasie Vorgestellte. An alle Gedanken im erstern Sinn wird die Anforderung gestellt werden müssen, daß sie in formeller wie in materieller Beziehung den Gesetzen des vernünftigen Denkens entsprechen, und nur unter dieser Bedingung sind sie, wenn sie durch die Sprache kundgegeben werden, als allgemeine Mittel des intellektuellen und geistigen Verkehrs unter den Menschen zu betrachten. Gedanken im letztern Sinn sind dagegen dem freien Belieben eines jeden anheimgegeben und hören nicht auf, Gedanken zu sein, sie mögen sich noch so verkehrt und unverständig gestalten. Überall, wo sich geistiges Leben regt und bethätigt, werden sich auch Gedanken einstellen, und von Gedankenlosigkeit könnte man genau genommen nur da reden, wo vollkommener Blödsinn den Geist gefangen hält. Gewöhnlich aber nimmt man dies Wort in relativem Sinn, so daß man darunter entweder den Mangel an Herrschaft über die in der Seele entstehenden oder sich ihr aufdrängenden Vorstellungen und die infolge davon fehlende gesetz- und zweckmäßige Verknüpfung der Gedanken, oder große Trägheit und Langsamkeit des Laufs und Fortschritts der Vorstellungen, Begriffe, Urteile und Schlüsse, oder endlich den Mangel an lebendigen, selbständig gewonnenen und entwickelten Gedanken und Gedankenverbindungen versteht. In Gedanken sein heißt eigentlich in seine Gedanken vertieft oder verloren sein, so daß man auf die äußern Dinge nicht acht hat; doch sagt man auch von Zerstreuten, die nicht denken, sondern träumen, daß sie in Gedanken seien. Habituell gewordene Gedanken, deren wir uns nicht mehr zu erwehren, noch zu entledigen vermögen, gehen in "fixe Ideen" (s. d.) über. Vgl. Idee.

Gedankengang, die Verbindung und Verknüpfung der Gedanken miteinander, entweder unwillkürlich, ohne Absicht, lediglich nach den Gesetzen der Ideenassociation (Gedankenfolge), oder mit Absicht, nach einem bestimmten Plan und in Übereinstimmung mit den logischen Gesetzen, methodisch (Gedankenreihe), und zwar entweder auf synthetischem (progressivem) oder auf analytischem (regressivem) Weg.

Gedankenlesen (engl. Mind-reading), die vorgebliche Kunst, durch "magnetischen Rapport" od. dgl. in den Gedanken andrer zu lesen, welche zuerst durch einen Amerikaner, Namens Brown (1876), dann durch Irving Bishop zu Schaustellungen benutzt wurde und in neuerer Zeit, namentlich durch die geschickte Ausführung seitens des Engländers Stuart Cumberland, zu einer beliebten Gesellschaftsunter-^[folgende Seite]