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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gemüt; Gemütsbewegungen

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Gemüt - Gemütsbewegungen.

silie, Portulak u. a., können als Wegeinfassung benutzt werden.

Um eine fortwährende Bebauung möglich zu machen, muß man mit nötigen Saatbeeten zur rechtzeitigen Erziehung von Pflanzen versehen sein, und es dienen hierzu die Mistbeete (s. d.) und besonders hierzu eingerichtete Saatrabatten mit nahrhaftem, nicht frisch gedüngtem Boden, in dem die Pflanzen schnell in die Höhe wachsen, um namentlich dem Erdfloh zu entgehen, der alle der Familie der Kohlgewächse und andern angehörigen Pflanzen mit Vorliebe vertilgt; wo er vorhanden, schützt man die Saaten durch aufgelegte Fenster, durch Vermischung mit Steckzwiebeln (die Zwiebel scheut er) oder durch zweimalige Ansaat, von denen man die erste ihm preisgibt, während die zweite, nach zehn Tagen ausgeführte, gewöhnlich gut durchkommt, weil der kleine Käfer inzwischen seine Eier gelegt haben, er selbst aber gestorben sein wird. Auch mit Teer bestrichene Decken, auf Rädern dicht über die Saatbeete gezogen, nehmen ihn auf, halten ihn fest, bez. töten ihn. Die Saat wird beinahe das ganze Jahr hindurch vorgenommen, im Spätherbst (der Same geht dann erst im Frühjahr auf, keimt aber dann sicherer und früher, als wenn er erst im Frühjahr gesäet wurde), Frühjahr und Sommer, meist auf Beete von 1,3 m Breite in 4-6 Reihen so tief, daß er drei- bis fünfmal seiner eignen Stärke mit Erde bedeckt wird, in schwerem Boden weniger, in leichtem mehr, und ziemlich dicht: er keimt so leichter, als wenn er dünn liegt; die aufgegangenen Pflanzen müssen aber wiederholt verdünnt, "verzogen" werden, damit sie in genügend weite, stets aber gleichmäßige Entfernungen voneinander zu stehen kommen. Nach der Bedeckung des Samens wird der Boden festgeschlagen, was aber im Herbst zu unterbleiben hat, wenn der Same nicht durch den im Winter oder Nachwinter beim Auftauen sich ausdehnenden Boden obenauf zu liegen kommen und verderben soll. Wenn man das rechtzeitige Aussäen versäumt hat, kann man das Keimen beschleunigen durch das Ankeimen (Stratifizieren), indem man den Samen mit Sand vermischt, in einen Blumentopf legt, anfeuchtet und an einen warmen Ort (Gewächshaus, am Ofen u. dgl.) stellt, nach begonnenem Keimen aber schleunigst in die Erde bringt und sofort angießt. Das Gießen im Gemüsebau geschehe stets mit abgestandenem, durch die Sonne erwärmtem Wasser und immer durchdringend, wenn auch nicht täglich. Der Gemüsebau bringt in einzelnen Fällen einen Reingewinn von 3600 Mk. pro Hektar, im allgemeinen aber etwa von 900-1400 Mk., und es nährt sich eine Familie durch den Gemüsebau auf 1-1,25 Hektar so gut wie auf 5 Hektar bei Anbau von Feldpflanzen. Kommt die Zucht von Frühgemüsen in Mistbeeten hinzu, so genügt 0,5 Hektar, um eine Familie zu ernähren. Der Kulturaufwand ist aber beim Gemüsebau sehr groß und beträgt oft die Hälfte der Bruttoeinnahme.

Die Benutzung von Gemüsepflanzen reicht bis in die ältesten Zeiten. Man sammelte, wie es noch heute vielfach vorkommt, geeignete Gewächse auf dem Feld (z. B. die Juden die Salzmelde, Atriplex Halimus); aber schon im ältesten Ägypten wurden Bohnen, Zwiebeln, Knoblauch, Kürbisse etc. angepflanzt. Griechen und Römer pflegten den Gemüsebau (Spargel, Lattich), und durch die letztern kam er nach Frankreich und Deutschland. Die größte Ausbildung erlangte der Gemüsebau in der Nähe großer Städte, und namentlich bei Paris, wo schon 1376 eine Gärtnerinnung bestand, wurden durch intensive Bewirtschaftung überaus günstige Resultate erzielt. Ebenso hat die Umgegend von London großartigen Gemüsebau, während derselbe in Deutschland mehr zerstreut ist, im allgemeinen aber den Bedarf nicht deckt, so daß eine erhebliche Einfuhr aus Böhmen, Ungarn, Frankreich, Holland, Italien, Algerien stattfindet. Gegenden mit starkem Gemüsebau in Deutschland sind besonders die Umgegenden von Bamberg, Liegnitz, Langensalza, Großengottern bei Gotha, Erfurt, Lübbenau am Spreewald, Schwetzingen in Baden, Braunschweig (Spargel), Altenburg, Metz etc. Vgl. Reicharts "Land- und Gartenschatz" (1753-55), die Grundlage aller guten Gemüsegartenbücher; Lucas, Gemüsebau (4. Aufl., Stuttg. 1882); Jäger, Gemüsegärtner (3. Aufl., Leipz. 1871); Derselbe, Anleitung zum Gemüsebau im großen (das. 1874); Langethal, Handbuch der landwirtschaftlichen Pflanzenkunde, Bd. 3 (5. Aufl., Berl. 1874); Rümpler, Illustrierte Gemüse- und Obstgärtnerei (das. 1879); Hampel, Handbuch der Frucht- und Gemüsetreiberei (das. 1885); Perring, Lexikon für Gartenbau (Leipz. 1882).

Gemüt drückt einmal die Erregbarkeit zum Fühlen, das andre Mal die Art, wie, und die Summe dessen, was gefühlt wird, aus. Im Gegensatz zum Geist als dem Denkenden und zum Charakter als dem Wollenden bedeutet G. das Fühlende, im engern Sinn das Mitfühlende im Menschen, dessen Anwesenheit ihn gemütvoll, dessen Abwesenheit ihn gemütlos erscheinen macht. Herrschen dabei die angenehmen Mitgefühle vor (gesellige Mit-, unschädliche Schadenfreude), so entsteht die Gemütlichkeit (die Stimmung geselligen Genusses); dieselbe verschwindet sogleich, sobald ein unangenehmes Mitgefühl (Mitleid, boshafter Neid) die Oberhand gewinnt. Bei dem Gemütsmenschen tritt sowohl das Denken nach logischen als das Handeln nach praktischen Grundsätzen zurück, seine Gedanken sind Einfälle, seine Entschließungen Regungen. Der Gefühlseindruck wirkt statt des Grundes, die Stimmung statt des Motivs; er hält dasjenige für wahr und wirklich, was ihn "anmutet", entschließt sich und handelt, je nachdem ihm eben "zu Mute" ist. Allzuviel G. ist daher ebenso gefährlich wie dieses selbst unentbehrlich. Das Augenmerk der Erziehung muß dahin gerichtet sein, dasselbe zu dämpfen, wo es zu lebhaft, zu wecken, wo es zu dürftig ist; jenes durch Vermeidung heftiger Gemütsbewegungen (Affekte), wo sie zu häufig, dieses durch absichtliche Herbeiführung solcher, wo sie zu selten sind. Ziel der Gemütserziehung ist Gemütsruhe (Gleichgewicht), wobei Besinnung und Überlegung nicht aufgehoben sind, nicht Tod des Gemüts (Vernichtung der Gefühle). Nach der Beschaffenheit der vorherrschenden Gefühle läßt sich ein sinnliches, ästhetisches, sittliches, religiöses etc. G., nach dem Grad seiner Erregbarkeit und Stärke (die wenigstens bei den sinnlichen Gemütern auch durch die leibliche Organisation mit bedingt sind) lassen sich ähnlich wie bei Naturell (s. d.) und Temperament (s. d.) reiches und armes, sthenisches und asthenisches, nach dem Dasein oder Mangel sympathetischer Gefühle selbstsüchtiges (egoistisches) und selbstloses (humanes) G. unterscheiden. Vgl. Gefühl.

Gemütsbewegungen nennt man diejenigen geistigen Erregungszustände, welche den Körper deutlich in Mitleidenschaft ziehen, wie Freude, Schmerz, Schrecken, Scham etc. (s. Affekte). Der körperliche Einfluß erstreckt sich mittels des Nervensystems einerseits namentlich auf das Atmungs- und Zirkulationssystem, weshalb man den Sitz der G. ehemals in Brust und Herz verlegte, anderseits auf das Muskelsystem und namentlich auf die Gesichtsmuskeln, jedoch