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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte: Georg IV.).

Frankreich und Rußland eingetretene Spannung bemerkt hatte, schloß es mit Kaiser Alexander I. einen Vertrag, durch welchen Rußland von dem Kontinentalsystem zurücktrat und den englischen Schiffen seine Häfen wieder öffnete (Juli 1812). Nach dem Rückzug Napoleons aus Rußland schloß G. 15. Jan. 1813 mit Rußland, bald auch mit Preußen, Schweden und Österreich Verträge, denen gemäß es behufs des Kriegs gegen Frankreich an jene Mächte bis zum Mai 1814: 7,300,000 Pfd. Sterl. zahlte; zugleich verstärkte es seine eigne Armee in Spanien bedeutend. Noch bevor die Verbündeten in der Völkerschlacht bei Leipzig siegten, erfocht Wellington 21. Juni den glänzenden Sieg bei Vittoria, zwang die Franzosen, Spanien zu räumen, folgte ihnen im Oktober über die Pyrenäen und besetzte Bordeaux. Mit der Restauration der Bourbonen in Frankreich war das Ziel erreicht, welches von G. seit 1793 mit unerschütterlicher Festigkeit verfolgt worden war. Waren zu diesem Zweck von G. ungeheure Opfer gebracht worden, so waren doch auch die Vorteile, welche es durch den Friedensschluß gewann, nicht weniger bedeutend. Durch den ersten Pariser Frieden (30. Mai 1814) erhielt G. Malta, Tobago, Ste.-Lucie, Ile de France und die Seschellen von Frankreich, das Kap der Guten Hoffnung, Demerara, Essequibo, Berbice und Ceylon von Holland, Helgoland von Dänemark; der zweite Pariser Friede (20. Nov. 1815) fügte diesen Erwerbungen noch das Protektorat über die Ionischen Inseln bei. Auch an dem kurzen, durch Napoleons Rückkehr von Elba hervorgerufenen Feldzug von 1815 nahm G. Anteil und erfocht mit Preußen den Sieg von Waterloo (18. Juni). Der Heiligen Allianz trat es nicht bei.

Katholikenemanzipation u. Parlamentsreform (1815-32).

Obgleich G. den langen Kampf siegreich bestanden hatte und unbestritten die Herrschaft zur See besaß, obgleich seine Industrie ins Unglaubliche gestiegen und der Markt für den Absatz seiner Produkte sehr bedeutend erweitert worden, obgleich der Nationalreichtum außerordentlich gewachsen war, so krankte dennoch das innere Leben des Staats an schweren Gebrechen. Um die Zinsen für die Staatsschuld, die auf fast 800 Mill. Pfd. Sterl. angewachsen war, zu beschaffen, mußten die Steuern auf Grundbesitz, Handelsartikel und Lebensmittel erhöht werden, und diese lasteten mit ganz besonderer Schwere auf dem immer mehr zusammenschmelzenden Stande der kleinern Grundbesitzer und Gewerbtreibenden, während die Zahl der besitzlosen Fabrikarbeiter und Proletarier immer größer ward. Eine natürliche Folge davon war, daß die revolutionären Ideen, die nun einmal seit der französischen Umwälzung nicht wieder aus der Welt zu schaffen waren, immer mehr Anhänger fanden. Die englische Verfassung brachte es mit sich, daß die niedern Klassen von den eigentlichen politischen Rechten, insbesondere dem Wahlrecht, so gut wie ganz ausgeschlossen waren. Könnten sie diese erringen, meinten sie, würde auch ihrer gedrückten materiellen Lage Abhilfe werden. So ward der Ruf nach Parlamentsreform, jährlichen Parlamenten, gleichem Wahlrecht immer lauter; hier und da, z. B. in Manchester im August 1819, kam es zu offenen Aufständen, deren die Regierung zwar durch Waffengewalt Herr wurde, deren Quelle sie aber durch Aufhebung der Habeaskorpusakte, Beschränkung der Presse und Verbote von Versammlungen vergeblich zu verstopfen suchte.

Nach dem Tod Georgs III. (29. Jan. 1820) übernahm Georg IV. in eignem Namen die Regierung. Bei dem Volk unbeliebt, da er die liberalen Grundsätze, welche er früher begünstigt hatte, jetzt verleugnete, steigerte er noch die Unzufriedenheit der Nation durch den anstößigen Scheidungsprozeß, den er 1821 gegen seine Gemahlin Karoline von Braunschweig bei dem Parlament anhängig machte. Er zog sich daher in der Folge mehr und mehr zurück; und der persönliche Einfluß des Königs auf die Geschäfte trat weit weniger hervor, als das unter seinen Vorgängern geschehen war. Lord Castlereagh, welcher unter dem Premierminister Liverpool den auswärtigen Angelegenheiten vorstand, huldigte in der äußern Politik ganz den stabilen Grundsätzen der Heiligen Allianz. Neues Leben kam erst in die Staatsverwaltung, als im September 1822 nach Castlereaghs Selbstmord George Canning an dessen Stelle trat. Canning verließ sogleich die Politik des Festlandes und näherte sich den Grundsätzen der Whigs. Er erklärte sich auf dem Kongreß von Verona gegen die Intervention in Spanien und Portugal, erkannte die Selbständigkeit der südamerikanischen Kolonien an, welche sich vom Mutterland losgerissen hatten, und bewog Portugal, auch die Unabhängigkeit Brasiliens zuzugestehen. Noch größeres Verdienst erwarb er sich um die Freiheit Griechenlands, als er nach Liverpools Tod (April 1827) als Premier mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt wurde, in das die Häupter der Wighs, unter andern Lord Lansdowne, eintraten, und das sich auch des Beistandes des mutmaßlichen Thronerben, des Herzogs von Clarence, versichert hatte. G. war in betreff der griechischen Angelegenheit mit Rußland in ein Bündnis getreten; Canning zog noch Frankreich hinzu und brachte 6. Juli 1827 einen Vertrag dieser drei Mächte zu gunsten der Unabhängigkeit Griechenlands zu stande. Die Schlacht von Navarino (27. Okt. 1827), in welcher die vereinigten Geschwader der Verbündeten die türkische Flotte vernichteten, gründete Griechenlands Selbständigkeit und erregte in Europa außerordentlichen Jubel. Wie in der äußern, so huldigte Canning auch in der innern Politik freisinnigen Ansichten. Im J. 1826 bewog er das Parlament zur Annahme einer Bill, durch welche das Ministerium ermächtigt wurde, in außerordentlichen Fällen zu gunsten der ärmern Klassen die verbotene Einfuhr von Getreide gegen einen mäßigen Zoll zu gestatten. Die Emanzipation der Katholiken, zu deren gunsten Canning schon 1824 einen Gesetzvorschlag an das Parlament hatte ergehen lassen, erlebte er nicht mehr; er erlag den übergroßen geistigen Anstrengungen 8. Aug. 1827.

Nach der kurzen Verwaltung des Lords Goderich, den Zerwürfnisse zwischen den Mitgliedern seines Kabinetts schon im Januar 1828 zum Rücktritt nötigten, brachten die Tories ein Ministerium unter dem Herzog von Wellington zu stande, dessen hervorragendste Mitglieder außer dem Premier Lord Ellenborough, Lord Lyndhurst, Sir Robert Peel und Graf Aberdeen waren. Merkwürdigerweise war gerade dies Kabinett bestimmt, die Emanzipation der Katholiken durchzuführen, welche von freisinnigen Ministern bisher vergeblich angestrebt worden war. Irland hatte seiner Zeit die Berufung Cannings zum Präsidenten des Kabinetts mit Jubel begrüßt, weil es von ihm die Aufhebung der Testakte erwartete, welche alle Katholiken vom Eintritt in das Parlament ausschloß. Sobald nach seinem Tode die Nachricht von der Einsetzung eines Ministeriums Wellington nach Irland gelangte, entstand dort die größte Aufregung. Eine katholische Association trat ins Leben, die sich