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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte 1885-1887).

Rechtsverletzungen, welche sich der König Thibau von Birma gegen englische Gesellschaften in Indien erlaubt hatte, wurde ein Feldzug gegen denselben begonnen, der anfangs ebenso schnell wie glücklich verlief. Am 18. Nov. trat General Prendergast denselben an; am 28. Nov. wurde Mandalai, die Hauptstadt Birmas, besetzt und der König gefangen genommen; am 1. Jan. 1886 verkündete der Vizekönig von Indien die Einverleibung Birmas in das indobritische Reich. Freilich ergab sich dann, daß mit dem Sturz Thibaus Birma noch nicht völlig erobert war. Vielmehr mußten die Engländer noch lange mit dem Widerstand der Eingebornen kämpfen.

Indessen hatten diese Erfolge das Schicksal der konservativen Regierung nicht zum guten wenden können. Zu Ende November und zu Anfang Dezember 1885 fanden die Parlamentswahlen auf Grund der neuen Gesetze statt. In den Städten hatten die Konservativen an Boden gewonnen, auf dem Land aber gaben die neuen Wähler zu gunsten Gladstones den Ausschlag. Das Ergebnis war die Wahl von 333 liberalen, 251 konservativen und 86 der Führung Parnells folgenden irischen Abgeordneten. Demnach hatte keine der beiden großen Parteien eine genügende Mehrheit, und die Entscheidung der Geschicke Englands lag noch mehr als früher in den Händen der Irländer. Unter diesen Umständen vollzog Gladstone eine verhängnisvolle Wendung seiner Politik, indem er beschloß, sich den Irländern zu nähern. Nachdem 12. Jan. 1886 das Parlament zusammengetreten war (jetzt endlich fand Bradlaugh Zutritt zu demselben), stürzte Gladstone 26. Jan. die Regierung durch ein Amendement zur Adresse und wurde mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt. Die gemäßigten Elemente der liberalen Partei, Männer wie Lord Hartington, Lord Derby, Göschen, Forster u. a., hielten sich demselben fern; die hervorragendsten Mitglieder waren Lord Roseberry (auswärtige Angelegenheiten), Childers (Inneres), Granville (Kolonien), Harcourt (Finanzen), Chamberlain (Lokalregierungsamt), Mundella (Handel) und Morley (Irland). Nun bereitete Gladstone Gesetzentwürfe vor, welche die Forderungen Parnells befriedigen sollten, geriet aber darüber mit manchen Mitgliedern seines eignen Ministeriums in Zwiespalt, so daß nicht nur mehrere gemäßigte Whigs in minder wichtiger Stellung, sondern auch der Hauptführer der Radikalen, Chamberlain, und einige Anhänger desselben ihre Entlassung nahmen (26. März). Von den beiden irischen Gesetzentwürfen, welche Gladstone demnächst dem Parlament vorlegte, führte der eine das Homerulesystem in Irland ein und schlug die Errichtung eines irischen Parlaments und eines von ihm abhängigen Ministeriums in Dublin vor. Das irische Parlament sollte, abgesehen von den auswärtigen Angelegenheiten, der Zollpolitik, dem Heer- und Flottenwesen, die Regierung des Landes nach eignem Ermessen führen; dagegen sollten die irischen Abgeordneten aus dem Londoner Parlament ausscheiden. Durch den zweiten Gesetzentwurf sollte mit Staatsmitteln der Rückkauf des in englischen Händen befindlichen irischen Großgrundbesitzes und sein Übergang in das Eigentum irischer Bauern herbeigeführt werden.

Nur über den ersten dieser beiden Entwürfe kam es zu eigentlicher Beratung im Unterhaus, und derselbe wurde nach sehr ausgedehnten Debatten durch den vereinigten Widerstand der Konservativen und der Anhänger Hartingtons und Chamberlains, die sich als liberale Unionisten bezeichneten, 7. Juni mit 341 gegen 311 Stimmen abgelehnt. Gladstone appellierte darauf an das Land; aber die im Juli stattfindenden Neuwahlen entschieden nach einem ungemein heftigen Kampf gegen ihn. Nur 191 seiner Anhänger und 86 Parnelliten wurden gewählt; ihnen standen 317 Konservative und 76 liberale Unionisten gegenüber. So mußte Gladstone 20. Juli seine Entlassung einreichen. Die Königin berief Lord Salisbury zu sich, und dieser bildete, nachdem Lord Hartington den Eintritt in die Regierung und den Vorsitz in derselben abgelehnt, aber seine Unterstützung verheißen hatte, ein rein konservatives Kabinett, in das Lord Iddesleigh (Auswärtiges), Lord R. Churchill (Finanzen), Sir M. Hicks-Beach (Irland), Lord Cranbrook (Präsident des Geheimen Rats), W. H. Smith (Krieg), E. Stanhope (Kolonien), Sir R. Croß (Indien) und Lord Halsbury (Lord-Kanzler) als bedeutendste Mitglieder eintraten.

In dem neugewählten Parlament, das 5. Aug. zu einer kurzen Session zusammentrat, behauptete sich das Bündnis zwischen den Konservativen und den liberalen Unionisten. Dasselbe sollte nach der am 19. Aug. verlesenen Thronrede lediglich die laufenden Geschäfte erledigen, insbesondere die durch die Auflösung unterbrochene Beratung des Budgets zu Ende führen. Zwar versuchten die Oppositionsparteien durch mehrere Amendements zur Adresse und durch einen von Parnell eingebrachten irischen Bodengesetzentwurf der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten; allein diese Angriffe wurden zurückgeschlagen, und Parnells Bill, welche einen fast kommunistischen Charakter hatte und die ohnehin in den letzten Jahren erheblich geschmälerten Einkünfte der irischen Großgrundbesitzer abermals um etwa 50 Proz. reduzieren wollte, ward 21. Sept. mit 297 gegen 202 Stimmen, trotz Gladstones Unterstützung, in zweiter Lesung vom Unterhaus verworfen. Darauf wurde die Session 25. Sept. durch die Vertagung des Parlaments geschlossen.

In Irland war die Bildung der konservativen Regierung das Signal zu neuen Unruhen gewesen. Den ganzen August und September hindurch währten in Belfast blutige Kämpfe zwischen den Katholiken und den protestantischen Orangisten, die nur durch das Aufgebot bedeutender polizeilicher und militärischer Machtmittel von der Regierung beschwichtigt werden konnten. In allen Teilen des Landes erneuerten sich die agrarischen Verbrechen, und die Führer der Nationalliga, Dillon und O'Brien, durchzogen im Spätherbst das Land, um in aufrührerischen Reden die Regierung zu bekämpfen. Der "neue Feldzugsplan", den sie verkündeten, bestand darin, daß Vertrauensmänner der Landliga nach eignem Ermessen die Reduktion der Pachtzinsen vornehmen sollten; verweigerten die Grundbesitzer ihre Zustimmung, so sollten die Pachter den Grundbesitzern überhaupt nichts zahlen, den ermäßigten Zins aber an jene Vertrauensmänner entrichten. Indessen die Regierung ließ es dem gegenüber an Energie nicht fehlen, zumal seit General Sir R. Buller als Unterstaatssekretär an die Spitze der Verwaltung Irlands getreten war. Während sie einerseits durch zweckmäßige Polizeimaßregeln den agrarischen Verbrechen vorzubeugen suchte, schritt sie anderseits gegen Dillon und O'Brien auf Grund eines aus dem 14. Jahrh. stammenden Gesetzes wegen Verschwörung ein und erwirkte ihre Verurteilung durch den obersten Gerichtshof in Dublin.

Mehr aber als durch die irischen Angelegenheiten wurde in der zweiten Hälfte des Jahrs die Aufmerksamkeit durch die infolge der Katastrophe in Bulgarien außerordentlich gespannt gewordene