Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gutzkow

954

Gutzkow.

salswendung: auf Wolfgang Menzels heftige, feindselig-gehässige Anklagen ward "Wally" konfisziert, G. in Baden zu einer dreimonatlichen Gefängnisstrafe verurteilt, die er in Mannheim verbüßte, seine ganze Zukunft aber durch ein Verbot alles dessen, was er geschrieben habe und in Zukunft noch schreiben würde, und durch die Entziehung des Rechts, innerhalb des deutschen Bundesgebiets eine Redaktion zu übernehmen, in Frage gestellt. Überwand er auch mit höchster Energie und mannhaftem Festhalten an seinen einmal gefaßten Überzeugungen die ihm bereiteten Hindernisse, so wirkten das erwachte Mißtrauen und der Argwohn, die Furcht, allüberall Feindseligkeiten zu begegnen, in seinem weitern Leben verhängnisvoll nach. G. hatte sich 1836 zu Frankfurt verheiratet, siedelte 1837 nach Hamburg über, wo er seine neubegründete Zeitschrift "Der Telegraph" in Aufnahme brachte, bis zum großen Brand (1842) verweilte, hauptsächlich durch die Freundschaft der geistvollen Therese v. Lützow (Frau v. Bacheracht) gefesselt, im übrigen unendlich und nach den verschiedensten Richtungen hin litterarisch thätig war. Das publizistische Element blieb in seinen damaligen Arbeiten noch überwiegend; die in der Haft zu Mannheim geschriebene Schrift "Zur Philosophie der Geschichte" (Hamb. 1836), die zuvor unter dem Namen Bulwers edierten "Zeitgenossen, ihre Tendenzen, ihre Schicksale, ihre großen Charaktere" (Stuttg. 1837, 2 Bde.), die gegen Görres gerichtete Broschüre "Die rote Mütze und die Kapuze" (Hamb. 1838), die unter dem Titel: "Götter, Helden und Don Quixote" (das. 1838) gesammelten Aufsätze schließen sich eng an die Interessen des Tags an. Auch die Schrift "Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte" (Berl. 1836) und das panegyrische Buch über "Börnes Leben" (Hamb. 1840) entfernen sich nur in Einzelheiten von dem Standpunkt, den G. früher gewonnen hatte, und von dem aus der Schriftsteller folgerichtig zur reinen Publizistik hätte gelangen müssen. Was dies verhinderte, waren teils die politischen Verfolgungen und die Zensur, teils ein wirklich poetischer Darstellungstrieb, der, mannigfach irre gehend, sich doch immer wieder geltend machte. Romane wie "Seraphine" (Hamb. 1838) oder wie die satirische Zeitgeschichte in Arabesken: "Blasedow und seine Söhne" (Stuttg. 1838-39, 3 Bde.) zeigten eine seltsame Mischung von darstellendem Drang und reflektierendem Räsonnement, eine Manier, bei der (nach Gutzkows eignen Worten) der Autor sich "wie ein aus den Kulissen heraussprechender, seine Akteure mitunter ohrfeigender Puppenspieler gebärdet". Gleichwohl entschied sich durch die Einwirkung innerer und äußerer Umstände, daß G. etwa von 1839 an, wo er seine Tragödie "Saul" (Hamb. 1839) veröffentlichte und das Trauerspiel "Richard Savage" über eine Reihe von Bühnen ging, sich wesentlich der poetischen Produktion zuwandte. Dieselbe nahm, nachdem er außer mannigfachen Reisen und vorübergehenden Ortswechseln 1842 Hamburg wieder mit Frankfurt a. M., 1846 Frankfurt mit Dresden vertauscht hatte, einen außerordentlichen Aufschwung, verschaffte G. seine größten Erfolge und eine weitreichende Popularität. Eine Stellung als Dramaturg des Dresdener Hoftheaters, welche er 1847 angenommen, verließ er schon 1849 infolge der Zeitereignisse wieder, blieb aber in Dresden. Seine erste Gattin hatte er im März 1848 während eines Aufenthalts in Berlin verloren, 1850 verheiratete er sich zum zweitenmal. Die Dresdener Jahre, wie sie die schaffensreichsten und erfolgreichsten in Gutzkows Leben waren, durften auch seine glücklichsten heißen. Obwohl in manche litterarische Kämpfe verwickelt (1852 betrat er mit der Herausgabe der Zeitschrift "Unterhaltungen am häuslichen Herd" das journalistische Gebiet wieder), in mannigfachem Widerspruch zu den Richtungen, die Politik, Litteratur und soziales Leben nahmen, stand der Autor doch im Vollgefühl seiner Kraft. 1861 siedelte er als Generalsekretär der Schiller-Stiftung, an deren Zustandekommen und Gedeihen er einen wesentlichen Anteil gehabt, nach Weimar über, fand sich aber schon im November 1864 bewogen, seine Entlassung zu nehmen. Die Aufregung, in welche ihn die Vorkommnisse innerhalb der Schiller-Stiftung, wirkliche und vermeinte Zerwürfnisse und Gegnerschaften versetzten, führte den Leidenden so weit, daß er (im Februar 1865) in Friedberg Hand an sein Leben zu legen versuchte. Glücklicherweise gerettet, nach einem kürzern Aufenthalt in der Heilanstalt Gilgenberg bei Baireuth und einem längern zu Vevey in der Schweiz neugekräftigt, nahm er in Kesselstadt bei Hanau, von 1868 bis 1873 in Berlin seinen Aufenthalt. Wiederkehrende Nervenleiden wurden durch einen Winteraufenthalt in Italien (1873/74), durch die Jahre bei und in Heidelberg (1874-77) nur gemildert, nicht aufgehoben. Zuletzt ließ sich der in seiner körperlichen Kraft Gebrochene, geistig mehr und mehr Isolierte in Sachsenhausen bei Frankfurt a. M. nieder, wo er 16. Dez. 1878 starb. Bis in seine letzten Tage war er, allen körperlichen Leiden trotzend, arbeitsam und von litterarischen Interessen erfüllt geblieben, obschon fast alle spätern Arbeiten die Spuren einer vergrämten und verbitterten (vielfach doch mit Recht verbitterten) Anschauung trugen. In natürlicher Folge der Abnahme der eigentlichen Produktionskraft kehrte G. in der spätern Zeit gern zu den eigentümlichen Mischformen und halb journalistischen Darstellungen seiner ersten Epoche zurück. Während er in der Zeit seines reichsten und besten dramatischen und epischen Schaffens nur gelegentlich in die Tagesfragen eingegriffen hatte, wurde die Neigung dazu bei ihm gegen den Ausgang seines Lebens wieder stärker. Von seinen spätern mehr oder minder hierher gehörigen Schriften seien die "Briefe aus Paris" (Leipz. 1842, 2 Bde.), "Deutschland am Vorabend seines Falles und seiner Größe" (Frankf. 1848), "Vor- und Nachmärzliches" (Leipz. 1850), die "Lebensbilder" (Stuttg. 1870, 3 Bde.), "Vom Baum der Erkenntnis" (das. 1873), "In bunter Reihe", Briefe und Skizzen (Bresl. 1877), und endlich die letzte polemische Schrift: "Dionysius Longinus, oder über den ästhetischen Schwulst in der neuern deutschen Litteratur" (Stuttg. 1878), genannt. Die letztere erwies nur zu deutlich die maßlose persönliche Gereiztheit und fanatische Unduldsamkeit gegen alle seinem Wesen fremden geistigen Anschauungen, in die sich G. allmählich hineingearbeitet hatte. Eine ähnliche Mißstimmung und unerquickliche Rechthaberei beherrschte auch die autobiographischen "Rückblicke auf mein Leben" (Berl. 1875), welche die Fortsetzung der frühern frisch-liebenswürdigen, zu Gutzkows besten Büchern gehörigen Aufzeichnungen "Aus der Knabenzeit" (Frankf. a. M. 1852) bildeten.

Die unleugbare und bleibende Bedeutung Gutzkows in der deutschen Litteratur beruhte indes auf seinen größern dramatischen und erzählenden Dichtungen. Auch in den theatralischen Werken verleugnete er natürlich seinen feinen und fast untrüglichen Instinkt für die Tagesneigungen und die demnächst bevorstehende Richtung der öffentlichen Meinung nicht, und der Wert seiner Dramen hing zum guten Teil davon