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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Harnabfluß, unwillkürlicher; Harnack

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Harnabfluß, unwillkürlicher - Harnack.

wird bei Gicht, Rheumatismus und Leukämie beobachtet. Noch viel wichtiger für die Diagnose der Krankheiten ist das Vorkommen fremdartiger Stoffe im Urin, sei es in gelöster Form, sei es in Gestalt fester, geformter Körper. Es handelt sich hier um die Beimischung von Blut, Eiweiß, Faserstoffcylindern, Eiter und Schleim, Gallenbestandteilen, Zucker, Gewebsfragmenten etc. Zu ihrer Erkenntnis sind die chemische Analyse und das Mikroskop unerläßlich. Über die Beimischung von Blut zum H. s. Blutharnen, über die von Eiweiß s. Eiweißharnen. Bei der Gelbsucht geht nicht bloß der Gallenfarbstoff, sondern auch die Gallensäuren in den H. über. Über den zuckerhaltigen H. s. Harnruhr. Bei der sogen. Brightschen Nierenentzündung findet man unter Umständen mikroskopisch feine, walzenförmige, glashelle Körper, aus Faserstoff bestehend, in größerer Menge im H. vor. Es sind dies Exsudatmassen, welche sich in den Harnkanälchen der Nieren gebildet haben und gleichsam einen Ausguß derselben darstellen. Eiter- und Schleim- sowie Gewebsfetzen, welche mit dem H. abgehen, weisen auf Entzündungen und die Anwesenheit krankhafter Neubildungen in den Harnwegen hin. Von zufällig oder absichtlich dem Organismus einverleibten Stoffen, die nicht zu den Nahrungsmitteln gehören, gehen nur solche in den H. über, welche in Wasser leicht löslich sind, mit den Bestandteilen des Körpers keine unlöslichen Verbindungen bilden und nicht leicht oxydierbar oder zersetzbar sind. Chlorkalium, Jod- und Bromkalium finden sich im H. wieder; Schwefelkalium wird zu schwefelsaurem Kali. Von organischen Stoffen werden manche zu Kohlensäure und Wasser oxydiert und verschwinden ganz (Mannit); von andern findet man die Oxydationsprodukte (Salicin als Salicylursäure), von noch andern Paarungsprodukte (Benzoesäure, Benzoylwasserstoff, Zimtsäure als Hippursäure); manche Stoffe werden aber auch reduziert (Kaliumeisencyanid zu Cyanür, Indigblau zu Indigweiß). Harnsäure wird in Oxalsäure, Harnstoff, Kohlensäure und Wasser umgewandelt; pflanzensaure Alkalien geben kohlensaure Alkalien und finden sich nur in sehr geringer Menge im H. wieder. Chinin und Harnstoff gehen in den H. über; Anilin, Thein, Theobromin, Allantoin, Alloxanthin, Amygdalin, Santonin, Kampfer, Harze, brenzliges Öl, Moschus, Alkohol, Äther, Coccusrot, Lackmus, Saftgrün und Alkanna verschwinden; die meisten Farb- und Riechstoffe aber gehen unverändert oder wenig modifiziert in den H. über.

Der H. der Vögel bildet eine weiße Umhüllung der Exkremente dieser Tiere und ist sehr reich an Harnsäure und sauren harnsauren Salzen; daneben findet sich etwas Harnstoff. Im H. fleischfressender Vögel begegnet man außerdem Kreatin. Der H. der Schlangen erstarrt bald nach der Entleerung zu einer weißen, erdigen Masse und besteht hauptsächlich aus Harnsäure, sauren harnsauren Salzen, etwas Harnstoff und phosphorsaurem Kalk. Der H. der Saurier enthält gleichfalls große Mengen freier Harnsäure. Der H. der Frösche ist flüssig, enthält Harnstoff, Kochsalz und etwas phosphorsauren Kalk. Im H. der Schildkröten wurden Harnstoff, Hippursäure, Harnsäure, Chlorverbindungen, schwefelsaure und phosphorsaure Salze gefunden. Der rote H. der Schmetterlinge enthält vorzugsweise Harnsäure, wie denn überhaupt der Nachweis dieser auch bei den Raupen, Käfern, Spinnen bis zu den untersten Klassen der wirbellosen Tiere herab erfolgt ist.

Harnabfluß, unwillkürlicher (Incontinentia urinae, Enuresis), ist entweder die Folge einer Verletzung der Blase oder die Folge von Blasenlähmung. Harnträufeln nach Blasenverletzung beobachtet man zuweilen bei Frauen, welche bei Gelegenheit einer schweren Geburt eine Zerreißung der Scheide und Blase davongetragen und eine Blasenscheidenfistel erworben haben. Auch beim Übergreifen eines Krebsgeschwürs von der Scheide und der Gebärmutter aus auf die Harnblase kommt es zum Abfluß des Harns aus dem fistulösen Krebsgeschwür. Viel seltener sind Blasenmastdarmfisteln (auch beim Mann) die Ursache des Harnträufelns. Die Behandlung richtet sich auf das Grundleiden, sie verspricht um so mehr Erfolg, je früher sie eingeleitet wird, und je mehr das Leiden örtlicher Natur, z. B. durch Zerreißung entstanden, ist. Schon die Blasenkrebse sind einer Radikaloperation nicht mehr zugänglich, noch machtloser ist die Kunst gegenüber Lähmungen der Blase, die auf Rückenmarksleiden beruhen. Der unwillkürliche Harnabfluß ist ein überaus lästiges Übel. Es sollten daher auch scheinbar geringfügige Störungen in dem Geschäft des Harnlassens sorgfältig beachtet und entsprechend behandelt werden, namentlich sollte niemand, besonders aber ältere Personen nicht, aus falscher Scham den Urin ungebührlich lange zurückhalten; denn dies kann leicht lähmungsartige Zustände der Blase im Gefolge haben. Der Unreinlichkeit infolge des Harnträufelns begegnet man durch sogen. Harnrezipienten, flaschenförmige Apparate aus Kautschuk, welche an Riemen befestigt getragen werden, so daß der Urin in diese sich ergießt. Bei Frauen genügen manchmal gut passende Mutterkränze, welche nach vorn die Harnröhre zusammendrücken, um das Harnträufeln aus einer Blasenscheidenfistel zu beseitigen. Der Harnabfluß, welcher während des tiefen Schlafs bei sonst gesunden Kindern erfolgt (Bettnässen), ist dadurch zu verhüten, daß man die Kinder einige Stunden vor dem Schlafengehen keine Getränke zu sich nehmen läßt und sie in regelmäßigen Zwischenräumen behufs Entleerung der Blase weckt.

Harnack, 1) Theodosius, luther. Theolog, geb. 3. Jan. 1817 zu St. Petersburg, studierte in Dorpat Theologie, wurde daselbst 1843 Privatdozent der praktischen Theologie, 1845 außerordentlicher, 1848 ordentlicher Professor dieses Faches, folgte 1853 einem Ruf nach Erlangen, kehrte 1866 nach Dorpat zurück und trat 1873 in den Ruhestand. Unter seinen zahlreichen Schriften sind zu erwähnen: "Die Idee der Predigt, entwickelt aus dem Wesen des protestantischen Kultus" (Dorpat 1844); "Der christliche Gemeindegottesdienst im apostolischen und altkatholischen Zeitalter" (Erlang. 1854); "Die lutherische Kirche Livlands und die herrnhutische Brüdergemeinde" (das. 1860); "Luthers Theologie mit besonderer Beziehung auf seine Versöhnungs- und Erlösungslehre" (das. 1862-86, 2 Tle.); "Die Kirche, ihr Amt, ihr Regiment" (Nürnb. 1862); "Praktische Theologie" (Erlang. 1877-78, 2 Bde.); "Katechetik und Erklärung des kleinen Katechismus Luthers" (das. 1882, 2 Bde.).

2) Adolf, Theolog, Sohn des vorigen, geb. 7. Mai 1851 zu Dorpat, studierte daselbst 1869-72, habilitierte sich 1874 in Leipzig für Kirchengeschichte, wurde hier 1876 außerordentlicher Professor, 1879 ordentlicher Professor in Gießen und wirkt seit 1886 an der Universität Marburg. Er schrieb: "Zur Quellenkritik der Geschichte des Gnostizismus" (Leipz. 1873); "Die Zeit des Ignatius und die Chronologie der antiochenischen Bischöfe" (das. 1878); "Das Mönchtum, seine Ideale und Geschichte" (2. Aufl., Gießen 1882); "Lehrbuch der Dogmengeschichte" (Freiburg 1886 ff.,