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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hebräische Religion; Hebräische Sprache

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Hebräische Religion - Hebräische Sprache.

ist übrigens der lyrische, wie denn auch die Psalmen, welche von David an bis auf die Makkabäerzeit herabreichen, die eigentlichen Perlen dieser Litteratur bilden. Zu welchem Reichtum sich übrigens die althebräische Poesie entfaltet hatte, ersieht man endlich auch aus den Überbleibseln einer rein weltlichen Litteratur, wohin man das den üppigsten Zeiten des Nordreichs entstammende sogen. Hohelied Salomos, die altjüdische Dorfgeschichte des Büchleins Ruth und die sehr wenig religiöse Novelle, genannt Buch Esther, zu rechnen hat. Die sogen. Klagelieder Jeremias' sind Elegien auf den Untergang Judas, und der schon in der griechischen Zeit geschriebene Prediger Salomos ist ein philosophisches Klagelied über den Zerfall der alten sittlich-religiösen Weltauffassung im einzelnen Subjekt. Vgl. Herder, Vom Geiste der ebräischen Poesie (1782); Meier, Geschichte der poetischen Nationallitteratur der Hebräer (Leipz. 1856); Reuß, Die Geschichte der heiligen Schriften Alten Testaments (Braunschw. 1881).

Hebräische Religion, s. Judentum.

Hebräische Sprache. Die althebräische Sprache, welche von den Hebräern oder Israeliten zur Zeit ihrer nationalen Selbständigkeit, in ihren wesentlichsten Bestandteilen auch wohl schon von den in Palästina wohnenden alten kanaanitischen Völkerstämmen, bis in das 2. Jahrh. v. Chr. gesprochen und geschrieben wurde, bildet neben der arabischen, aramäischen, assyrisch-babylonischen Sprachgruppe einen Hauptast des semitischen Sprachstammes, welcher in den Ländern Vorderasiens, in Äthiopien, auf den phönikischen Kolonien, auf den Inseln des Mittelmeers und auf der Nordküste Afrikas heimisch war. In dieser kräftigen, grammatisch durchgebildeten, an Wortreichtum der arabischen aber nachstehenden Sprache liegen uns die ältesten semitischen Schriftstücke in den ältern Texten des Alten Testaments vor. Der Name h. S. (laschon ibrith) war früh gebräuchlich, findet sich aber im Alten Testament nicht, dafür Jes. 19, 8 die poetische Benennung "Sprache Kanaans" (s'phat K'naan) und Jes. 36, 11. 13, Nehem. 13, 14 u. öfter j'hudit ("jüdisch"). Zur Zeit des Neuen Testaments verstand man unter hebräischer Sprache die vorwiegend aramäische Landessprache Palästinas. Erst in den chaldäischen Übersetzungen des Alten Testaments findet sich der Name "heilige Sprache" (lischon d'kudscha). Althebräische Schriftdenkmäler sind die 24 Bücher des Alten Testaments (s. Hebräische Litteratur), eine 1868 in den Trümmern der moabitischen Stadt Dibon von dem Missionär Klein aufgefundene, 1870 von Ganneau und dem Grafen Vogüé veröffentlichte Inschrift des in der ersten Hälfte des 9. Jahrh. v. Chr. lebenden moabitischen Königs Mesa (vgl. Schlottmann, Die Siegessäule Mesas, Halle 1870), 20 Steine mit Schrift (vgl. Levy, Siegel und Gemmen, Bresl. 1869), jüdische Münzen aus der Makkabäerzeit (vgl. Madden, History of Jewish coinage, Lond. 1864) und die 1880 entdeckte Siloa-Handschrift. - Zeigt die h. S. im großen und ganzen auch viel Gleichmäßigkeit und Übereinstimmung in Form und Geist, so lassen sich doch mit Bestimmtheit in ihr zwei Perioden erkennen, von denen die eine, das sogen. goldene Zeitalter, die Schriften vor dem Exil, die andre, das silberne Zeitalter, die Schriften während desselben und nach demselben umfaßt. Diesen Perioden geht eine Entwickelungsstufe der hebräisch-kanaanitischen Sprache voraus, auf der sie mit dem gemeinsamen Sprachstamm noch enger verbunden war, und welche zeigt, daß die h. S. seit den ältesten Zeiten die Sprache Palästinas war und, mit einigen dialektischen Verschiedenheiten, bereits von den alten heidnischen Stämmen gesprochen wurde. Eine strenge Abgrenzung beider Zeitalter ist aber bei der Eigentümlichkeit der hebräischen Litteratur nicht möglich. Der ersten Periode gehören, abgesehen von den Spuren späterer Überarbeitung, Ordnung und Redaktion, die fünf Bücher Mosis, die Bücher Josua, der Richter, Samuels und der Könige, der größte Teil der Psalmen, die Sprüche Salomos, das Hohelied, das Buch Hiob und von den Schriften der ältern Propheten in chronologischer Reihenfolge Joel, Amos, Hosea, Jesaias, Micha, Zephanja, Habakuk, Nahum, Obadja, Jeremias, Hesekiel an. Vor und während der Vertreibung des israelitischen Volkes durch Nebukadnezar entstanden die Reden der beiden letztgenannten Propheten (Kap. 40-66 und frühere Kapitel des Jesaias), in denen sich bereits Anklänge an die Sprache Babylons, die den zweiten Zeitraum charakterisiert, finden. Dieses goldene Zeitalter zeigt uns die h. S. im allgemeinen ungetrübt. Zeit, Ort, Eigentümlichkeit und Quellenverwertung der Schriftsteller geben dem einzelnen, namentlich bei historischen Texten, häufig eine merkliche Verschiedenheit; übrigens wird der gleiche Charakter, die Reinheit des Ausdrucks, der Schwung der Rede, die Einfachheit und Kürze bewahrt. Die Sprache der Dichter, von den prosaischen Texten verschieden, tritt durch einen in strenger abgemessenen parallelen Satzgliedern sich bewegenden Rhythmus, durch eigentümliche Wortbedeutung und Formbildung hervor. In der zweiten Periode gewöhnten sich die Juden in Babylon bald an den dem Hebräischen nahe verwandten aramäischen Dialekt, welcher sich auch bei ihrer Rückkehr mehr ausbreitete, zumal die Sprache der Behörden und des Verkehrs die aramäische war. Daher schwand nach und nach die reine h. S. aus dem Leben und war nach einigen Jahrhunderten im Volksmund viel verdorbener, als sie in den gleichzeitig erscheinenden schriftstellerischen Erzeugnissen erscheint. Bei dem Übergewicht des Aramäischen bildete sich eine aramäisch-hebräische Sprache aus. Die h. S. blieb mit mehr oder minder chaldäischer Färbung als heilige Sprache Eigentum der Priester und Schriftgelehrten, welche in ihr schrieben und sie zu gottesdienstlichen und pädagogischen Zwecken verwerteten. Dieser Periode (536-160) gehören die Bücher Esra und Nehemia, der Chronik, Esther, die prophetischen Bücher Jonas, Haggai, Zacharia, Maleachi und Daniel, von den poetischen der Prediger und viele Psalmen, rein an Sprache und von ästhetischem Wert, wie Psalm 120, 137, 139 u. a., an. Aus der Erzählung Richt. 12, 6, wonach die Ephraimiten im Gegensatz zu den im Osten des Jordans wohnenden Israeliten statt Schibbolet (Ähre) Sibbolet sagten, also das sch nicht sprechen konnten, und aus Neh. 12, 23 und 24, wo von einer aschdodischen Aussprache die Rede ist, schließt man auf dialektische Verschiedenheiten der hebräischen Sprache. Einzelne Eigentümlichkeiten beider Perioden gehören der frühern Volkssprache des nördlichen Palästina an. Mit dem allmählichen Absterben der althebräischen Sprache und dem Abschluß des Kanon pflanzte sich dieselbe bis zum 10. Jahrh. ohne Grammatik und Lexikographie, nur durch Überlieferung der jüdischen Gelehrten und durch den bis auf unsre Zeit erhaltenen Gebrauch beim jüdischen Gottesdienst fort. Tiefe, lebendige Kenntnis der Ursprache beweisen die älteste griechische, vermutlich unter Ptolemäos Philadelphos zu Alexandria veranstaltete Bibelübersetzung der 70 Dolmetscher (Septuaginta) und die chaldäischen Übertragungen (Targumim) des Jonatan ben Usiel und Onkelos.