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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hottentoten

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Hottentoten.

lange heimisch sind. Heute sind die H. nur noch eine Völkerruine. Die H. zerfallen in zwei Gruppen. Zur ersten, den eigentlichen H., zählen die Namaqua (Mehrzahl von Namap) und die mit Kaffern und Europäern stark gemischten Koraqua (Mehrzahl von Korap) oder Korana; die Griqua sind Mischlinge der H. und Weißen. Zur zweiten Gruppe zählen die Sân oder Buschmänner (s. d.). Während man 1875 in der Kapkolonie mit Einschluß der Bergdamara und weniger Buschmänner, aber zahlreicher Mischlinge 98,561 H. zählte, ermittelte Theophilus Hahn in Groß-Namaqualand nur 16,000 und Palgrave in Damaraland nur 1500 Namaqua und 3000 Buschmänner. Die Zahl aller unvermischten H. dürfte heute 100,000 nicht mehr erreichen. Im allgemeinen haben die H. eine fahle, gelbbraune Hautfarbe, sehr krauses, verfitztes Haar, eine schmale Stirn, stark nach der Seite vortretende Backenknochen, ein spitzes Kinn und einen mittlern, wenig kräftigen Körperbau; Hände und Füße sind klein, der Schädel ist platystenokephal. Ein besonderes Merkmal der Frauen ist die Steatopygie, eine Eigentümlichkeit, die darin besteht, daß die Fettpolster des Gesäßes oben treppenartig vorspringen und dann allmählich in die Schenkel übergehen, also umgekehrt wie bei den übrigen Menschenrassen. Auch die Verlängerung der Labia minora und des Praeputium clitoridis (Hottentotenschürze) werden als Rassenmerkmale der H. angeführt, obwohl sie auch bei amerikanischen Stämmen vorkommen. - Die Sprache der H. zerfällt in drei Dialekte: den Nama-, Kora- und Kapdialekt, welch letzterer jedoch, mit Ausnahme geringer Überreste in den östlichen Grenzdistrikten, jetzt ausgestorben ist; außerdem soll auch eine am Ngamisee gesprochene Sprache mit dem Hottentotischen verwandt sein. Mit einigen Kaffersprachen, noch genauer mit dem Buschmännischen stimmt es in dem Gebrauch gewisser Schnalzlaute, d. h. beim Ein- anstatt beim Ausatmen hervorgebrachter Konsonanten, überein; mit dem Altägyptischen und andern nordafrikanischen sowie mit den semitischen und indogermanischen Sprachen hat es die Unterscheidung von drei Geschlechtern gemein. Die wegen letzterer Übereinstimmung von Bleek und Lepsius angenommene Verwandtschaft der fraglichen Sprachen untereinander ist von Fr. Müller zurückgewiesen worden: das Hottentotische, auch von den benachbarten Bantu- (Kaffer-) Sprachen, welche die meisten grammatischen Beziehungen durch Präfixe ausdrücken, durch den vorherrschenden Gebrauch angehängter Endungen in der Deklination und Konjugation (Suffixe) stark geschieden, bildet entweder allein oder zusammen mit dem freilich ganz ohne grammatische Entwickelung gebliebenen Buschmännischen den letzten Rest einer einst weitverbreiteten Sprachfamilie. Grammatiken des Namadialekts lieferten Wallmann (Berl. 1857), Tindall (Kapstadt 1870, mit Vokabular), Th. Hahn (Leipz. 1870), Fr. Müller ("Grundriß der Sprachwissenschaft", 2. Bd., Wien 1877); des Koradialekts Wuras (in Appleyards "Kafir language", King-William's-Town 1850); eine vergleichende Grammatik der drei Dialekte Bleek ("Comparative grammar of South-African languages", Lond. 1862-69, 2 Bde.). Interessante Proben hottentotischer Tiermärchen enthält Bleeks "Reineke Fuchs in Afrika" (Weim. 1870).

Die physischen Eigenschaften der H. sind sehr verschieden von denen ihrer dunkeln Nachbarn, der Kaffern. Sie haben nicht deren Muskelkraft, dafür aber schärfere Sinne; sie verlassen sich nicht auf die brutale Kraft, da sie das Bewußtsein haben, durch List und Schlauheit es weiter zu bringen. Doch auch edlere Eigenschaften, wie persönlicher Mut und Intelligenz, sind ihnen in höherm Grad zu teil geworden als den Kaffern. Während aber die dunkeln Stämme dem zerstörenden Einfluß der Zivilisation eine wunderbare Zähigkeit entgegensetzen, sind die H. mit Schnelligkeit dem Untergang verfallen. Der Grund dieser Erscheinung liegt wesentlich im Charakter und Temperament, und man kann nachweisen, daß manche an und für sich vorzügliche Eigenschaft den Untergang dieser Stämme beschleunigt hat. Als Waffen führen die H. neben Bogen und vergifteten Pfeilen auch den Assagai (Wurfspieß), den Kiri (Wurfkeule) und schwere Stöcke aus Eichenholz. Eigentlich kriegerisch waren sie aber nie. Wie alle Afrikaner verstanden sie das Eisen zu schmelzen. Ihre Hütten, aus Holzgerüst mit Binsenmatten, haben Bienenkorbform; sie können schnell abgebrochen und auf Packochsen in eine andre Gegend gebracht werden. Sie sind ein Hirtenvolk, und jeder Stamm wechselt je nach Bedarf seine Wohnsitze, muß aber die Rechte der Nachbarn respektieren. Die Verfassung ist patriarchalisch; jede kleine Vereinigung, bis auf die Familie herab, hat ihren Vorsteher oder Ältesten, während einer von diesen wieder die Oberhoheit über alle zum Stamm zählenden kleinern Abteilungen besitzt. Der Häuptling ist bei Erörterung aller wichtigen Angelegenheiten an den Beirat der Ältesten gebunden. Übergriffe in die Weiderechte andrer haben nicht selten Fehden im Gefolge, die jedoch schnell wieder beigelegt werden. Der Hottentote ist träge; die Zeit, welche er nicht auf Wartung des Viehs verwendet, benutzt er zur Jagd und überläßt den größten Teil der Arbeit der Frau, deren Stellung hier, wo die Vielweiberei nicht so große Ausdehnung hat wie bei den Kaffern, höher ist als bei jenen; doch halten es die Männer für unschicklich, gemeinschaftlich mit der Frau zu speisen. Tänze und Schmausereien sind die beliebtesten Unterhaltungen; auch das Hanfrauchen und der Branntweingenuß sind stark verbreitet. Was die religiösen Vorstellungen betrifft, so ist der große "Kapitän" Tsuigoab ("Wundknie") der mit besonderer Macht ausgestattete Geist eines höhern Häuptlings. Man findet auch Mond-, Sternen- und Tierkultus. Die Verehrung der überirdischen Mächte geschieht durch Anrufungen und Opfer, d. h. man bringt ihnen Vieh dar, deren Fleisch von den Opfernden genossen wird. Die Opfer werden in der Regel von einem Doktor oder Hexenmeister ausgeführt. Beim Erfolg der Doktoren spielt der Aberglaube eine große Rolle; doch ist nicht zu verkennen, daß gerade unter den H. sehr wirksame Arzneimittel im Gebrauch sind, wie ihnen denn unter anderm das Schröpfen bekannt ist. Durch den Charakter der H. geht ein Zug, welcher auf ihr Schicksal wesentlich eingewirkt hat: ein großer Leichtsinn. Ihr Temperament ist vorwiegend sanguinisch, und bei dem Leichtsinn ihres Charakters entsteht eine Unberechenbarkeit der Handlungsweise, welche ihre guten Eigenschaften völlig lahmlegt. Schrankenlos geben sie sich dem Branntweingenuß hin, und Stück für Stück verkaufen sie ihr Land den vordringenden Kolonisten um Kleinigkeiten. Sie sind meist heiterer Laune, lieben die Geselligkeit, lachen und scherzen gern. Ihre Intelligenz ist keineswegs gering, sie lernen besser als die Kaffern und eignen sich namentlich fremde Sprachen schnell an. Diese Leichtigkeit aber, sich mit den Europäern zu verständigen, ihre Waffen zu gebrauchen, ihre Sitten und noch mehr Unsitten anzunehmen, wirkt zerstörend auf ihre nationalen Gemeinwesen und führt sie dem Rassentod entgegen. Von Moral ist bei