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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Japan

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Japan (Religion, Unterrichtswesen, gewerbliche Thätigkeit).

figes Waschen und Baden, im Haus, Garten und Feld sowie an der Arbeit. Das Wohnhaus ist niedrig, leicht aus Holz aufgebaut, ein- bis zweistöckig, mit schwerem Stroh-, Schindel- oder Ziegeldach, ohne Keller und Schornstein. Die Fenster werden durch Schiebethüren ersetzt, deren Gitterwerk man mit Bastpapier überzieht. Da die Häuser sich meist eng aneinander schließen, ist die Feuersgefahr groß und gehören verheerende Brände in den größern Städten zu den häufigen Erscheinungen. Die Größe der Zimmer, ja der ganze Grundriß der Häuser richtet sich in J. nach den Tatami oder Binsenmatten von durchweg ca. 2 m Länge und 1 m Breite, womit die gedielten Böden bedeckt werden. Wie die Kleidung, so ist auch die Wohnung des Japaners mehr für den Sommer als für den Winter berechnet. In letzterm erscheint sie unbehaglich, zugig und kalt, ohne zweckentsprechende Heizvorrichtungen, ohne Komfort.

Kulturverhältnisse. Gewerbliche Thätigkeit.

J. gehört gleich Korea dem chinesischen Kulturkreis an. Nachdem seine Bewohner, gemäß ihrer alten sagenhaften Geschichte, unter Führung von Jimmu Tennô im Gebiet des Gokinai das Reich Yamato gegründet und ihre Nachkommen dasselbe befestigt und erweitert hatten, erschienen diese als ein kriegsgeübtes Volk und Eroberer um das Jahr 200 n. Chr. in Korea, das von da ab jahrhundertelang unter teilweiser Abhängigkeit von J. blieb. Die eigenartige chinesische Kultur mit ihren beiden Hauptträgern, dem Buddhismus und der Philosophie des Kunfutse und Mengtse, gelangte von diesem Ereignis an und meist durch koreanische Vermittelung nach J., wo es nicht allzulange dauerte, bis sie sich befestigt und über das Land verbreitet hatte. Mit ihr kehrte auch die chinesische Schrift und Litteratur ein, chinesische Lebens- und Staatsanschauung. Die Staatsverfassung, das Zeremoniell des Hofs, die Rechtspflege, Ethik und Heilkunde, Künste, Gewerbe und Landwirtschaft, ja die ganze Lebensweise empfing oder änderte man nach chinesischem Vorbild.

Der Buddhismus wirkte vornehmlich auf die produzierende Masse des Volkes ein und schuf genügsame, fröhliche Arbeiter in Feld und Werkstatt. Die chinesische Philosophie dagegen erfaßte die vornehmern Klassen, nährte den Kastengeist und Ahnenkultus, welcher schon lange vor ihrem Eintreten bestand. Er wird oft als eine zweite Religion der Japaner mit dem Namen Schintôismus ("Weg der Götter") oder Kamidienst bezeichnet, obgleich ihm eine Glaubens- und Sittenlehre fehlt und er nur nach der Art, wie er in Tempeln, Gebeten und Opfern sich äußert, einer Religion vergleichbar ist. Dem ersten Glaubenseifer bei Ausbreitung des Buddhismus folgten, wie im Christentum, Spaltung und Befehdung in Sekten, Entartung und sittlicher Verfall der Priester. Hand in Hand hiermit gingen die Schwächung der weltlichen Autorität und verheerende Bürgerkriege. In diese Periode fällt die Entdeckung des Landes durch Mendez Pinto und die Ausbreitung des Christentums durch portugiesische Jesuiten seit der Landung F. Xavers (1549; vgl. S. 165). Der Buddhismus, von seinem gefährlichen Gegner, dem Christentum, durch die drei ersten Tokugawa-Shôgune befreit, schlug unter dem Schutz des Shôgunats in Jedo neue Wurzeln. Nach der Restauration der Mikadoherrschaft versuchte die Regierung auf seine Kosten den Schintôismus neu zu beleben, fand aber allmählich, daß dessen hohle Zeremonien das religiöse Bedürfnis des Volkes nimmer dauernd befriedigen können. So folgte denn in dem Maß, in welchem man das christliche Abendland mehr kennen und die Wirkungen des Christentums schätzen lernte, auch in Bezug auf dieses eine allmähliche Annäherung. Sie äußerte sich 1876 durch Zurücknahme aller frühern Erlasse und Verwarnungen gegen dasselbe und durch die Annahme des Sonntags als offiziellen Feiertags statt des frühern 1., 6. (ichi, roku), 11., 16., 21., 26., 31. Tags des Monats, vor allem aber in der Religionsfreiheit, welche in letzter Zeit verkündigt wurde. Die große Menge des Volkes und mehr noch der Gebildeten ist in religiösen Dingen völlig indifferent; aber die Einsichtsvollern erkennen bereits, daß ohne das Christentum die erstrebte Kultur des nötigen Haltes und edelsten Triebes entbehrt. Sind auf religiösem Gebiet die Veränderungen mehr negativer, zerstörender Art gewesen, so hat die Regierung dagegen auf dem des Unterrichts seit 15 Jahren einen rühmlichen Eifer entwickelt und trotz vielen Experimentierens sehr erfreuliche Resultate erzielt. Von 5,952,000 schulpflichtigen Kindern im Alter von 6-14 Jahren erhielten 1883 nicht weniger als 3,037,270, also 51 Proz., den vorschriftsmäßigen Unterricht. Es gab 30,156 Elementar-, 173 Mittel-, 80 Normal-, 80 Gewerbe-, 7 höhere Töchter- und 1278 gemischte Schulen, eine Turnanstalt, ein Konservatorium für Musik, ein Polytechnikum und eine Universität (das Dai-gaku). Letztere zählte 178 Lehrer und 1650 Studenten, von denen die Mehrzahl Medizin studierte. Die medizinische Schule steht von Anfang an unter deutscher Leitung; alle Vorlesungen in ihr erfolgen in deutscher Sprache. Sie genießt mit Recht hohe Achtung und hat nicht wenig dazu beigetragen, die große Annäherung der Japaner an Deutschland auf vielen Gebieten zu fördern. Die Ausgaben für öffentlichen Unterricht beliefen sich 1883 auf 10,800,000 Jen (43,200,000 Mk.).

Von ganz besonderm Interesse ist das japanische Kunstgewerbe, dessen Produkte während der letzten zwei Jahrzehnte im christlichen Abendland eine außerordentliche Verbreitung gefunden und auf unsre Geschmacksrichtung, namentlich in der Dekoration, einen tiefgreifenden Einfluß geübt haben. Auf den großen Weltausstellungen bewunderte man Kunstsinn und Kunstfertigkeit der Japaner, das naturtreue Leben, die wirkungsvolle Kraft und staunenswerte Farbenharmonie ihrer Verzierungen und erkannte vielfach ihren Erzeugnissen die ersten Preise zu, namentlich in der Lackmalerei, Keramik, Email- und Bronzeindustrie; dem Waffenschmieden, der Holz-, Elfenbein-, Bein- und Steinschneiderei sowie in der Weberei und Färberei. China ist die ursprüngliche Heimat dieser Industriezweige wie früheres Vorbild und Lehrmeister in jederlei japanischer Kultur. Aber während der langen Friedens- und Abschlußperiode ihres Landes (von 1600 bis 1854) haben die Japaner jene kunstgewerblichen Industriezweige selbständig weiterentwickelt und in den meisten ihre ehemaligen Lehrer weit überflügelt. Hauptförderer waren der buddhistische Kultus und die Daimiôs oder Feudalherren. In der Dekoration herrscht ein gesunder Realismus vor. Der Japaner ist ein großer Natur- und insbesondere ein Blumenfreund. Was er in Wald und Feld, im Gärtchen und Hain bewundert und scharf erfaßt hat, gibt er mit Pinsel und sicherer Hand wieder. Stilisierte Ornamente liegen ihm ferner; doch wendet er zur Flächendekoration nicht bloß geradlinige Motive, wie das buddhistische Henkelkreuz, sondern auch Arabesken an. Seine Neigung zum Humoristischen und Grotesken sowie die häufige Abweichung von jeder symmetrischen