Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jesuiten

209

Jesuiten (Geschichte und Ausbreitung des Ordens).

in China durch Meßkunst und Sterndeuterei Eingang und Ansehen, übernahm im spanischen Südamerika die Anwaltschaft der unterdrückten Eingebornen, handhabte gelegentlich auch das christliche Gebot der Bruderliebe durch Kampf wider Sklaverei und Gründung des sozialistisch-theokratischen Jesuitenstaats Paraguay.

Geschichte und Ausbreitung des Jesuitenordens.

Nach dem Tode des Stifters zählte die Gesellschaft über 1000 Mitglieder: unter welchen sich jedoch nur 35 Professen befanden, 100 Wohnsitze (Häuser) und 14 Provinzen, von welchen 7 auf die Pyrenäische Halbinsel, wo sie sich am schnellsten ausbreitete, und die spanisch-portugiesischen Kolonien kamen. Andre und unter den folgenden Generalen neu hinzukommende Provinzen verteilen sich über Italien, Frankreich, Ober- und Niederdeutschland. Die Mittelpunkte der jesuitischen Wirksamkeit, die Kollegien, gingen, zumal da man überdies das Andenken der freigebigen Gönner durch Messen und Prunkfeste ehrte, meist aus freiwilligen Gaben und Schenkungen hervor. So stifteten z. B. Kaiser Karl V. zu Palermo, der Bruder desselben, König Ferdinand, zu Prag, Wien und Innsbruck, die Erzherzogin Magdalena, Ferdinands Schwester, zu Hall Kollegien. In Spanien wurde das 1542 gegründete Kollegium zu Saragossa im Lauf der Zeit die Mutteranstalt von 25 andern Kollegien. In Portugal, wo die Gesellschaft an dem König Johann III. den ersten freigebigen Gönner und an dem Enkel desselben, Sebastian (gest. 1578), einen unterthänigen Schüler gewann, dienten die Kollegien zu Lissabon, Evora, Oporto, Braga und Coimbra als Stützen und Werkstätten einer wahrhaft theokratischen Macht, der nicht nur Glaube und Wissenschaft, sondern auch Leben und Sitten des portugiesischen Volkes gehorchten. In Italien bildete das durch den Herzog, nachmaligen dritten Ordensgeneral (gest. 1572), zu Rom gestiftetete ^[richtig: gestiftete] Kollegium (1551) den Mittelpunkt, von welchem aus auf 120 Pflanzschulen eingewirkt wurde. Daneben diente das nur von jungen Deutschen besuchte deutsche Kollegium (s. Collegia nationalia) in Rom als ein Hauptrüstzeug für die Ordenszwecke jenseit der Alpen. In Frankreich blühten um den Anfang des 17. Jahrh. 35 reiche Kollegien. In Deutschland breitete sich der Jesuitenorden von drei Zentralpunkten, Ingolstadt, Wien und Köln, aus. Nachdem die Gesellschaft mit Beihilfe der bayrischen Herzöge Wilhelm IV. und Albrecht V. durch die gelehrten Brüder Jay, Salmeron und Canisius auf der Universität Ingolstadt steigendes Ansehen erworben und daselbst ein Kollegium gegründet hatte (1556), wurden auch in München (1559), Dillingen (1563) und Augsburg (1579) Filialanstalten errichtet und der höhere wie der untere Schulunterricht in die Hand genommen, indes Wien, wo Canisius (s. d.) ein rasch aufblühendes Kollegium (1551) stiftete, den Weg nach Prag (1556), Olmütz, Brünn in Mähren (1561), Tyrnau in Ungarn (1561), Graz in Steiermark, Innsbruck und Hall in Tirol bahnte. Von Köln aus, wo der Orden zuerst das akademische Kollegium der drei Kronen (1556) und bald die gesamte Universität unter seine Aufsicht brachte, entstanden Pflanzungen in Trier (1561), Mainz (1561), Speier, Aschaffenburg und Würzburg, ferner in Antwerpen, Löwen, St.-Omer, Cambrai und Tournai. Auch in dem von Polen abhängigen Preußen siedelten sich die J. zu Braunsberg an, wo ihnen Bischof Hosius von Ermeland ein Kollegium stiftete (1565), und fanden bald danach auch Eintritt in Posen, Pultusk, dem livländischen Riga und Wilna (1570). Dagegen blieben Rußland, Norddeutschland, Skandinavien und Großbritannien dem Orden nach kurzen Schwankungen verschlossen. Überall ging das Hauptbestreben des Ordens dahin, dem Protestantismus Gebiete wieder zu entreißen, die er früher erobert hatte. Seit der Vorsteherschaft des fünften Generals, Aquaviva (1582-1615), welcher den drei Spaniern Ignaz Loyola, Laynez und Borgia nach der schwachen Regierung Mercurians (1573-81) folgte und seine monarchische Stellung allen Anfechtungen der spanischen Ordensbrüder gegenüber aufrecht erhielt, begann die faktiös vielgeschäftige Richtung schrankenlosen Ehrgeizes und abgefeimter, ohne sittlichen Rigorismus wirksamer Verstandesreflexion, eine Zeit, fruchtbar an Intrigen, Gewaltthaten und Erfolgen, aber in vieler Beziehung auch im direkten Gegensatz zu der Konstellation stehend, welche die Geburtsstunde des Ordens bezeichnet hatte. Der Wendepunkt fällt in das Generalat Vitelleschis (1615-45), unter welchem sich sogar die Professen der Verpflichtung der Armut entbanden und der Allgewalt des Generals eine Schranke zogen. Damals (1616) zählte der Orden 39 Provinzen, 1593 Mitglieder, 803 Häuser, worunter 15 Profeßhäuser, 467 Kollegien, 63 Missionen, 165 Residenzen und 136 Seminare.

Diese Richtung des Ordens aber war es, die, abgesehen von dem nur zu natürlichen Neid, welcher ihm aus seiner gebietenden Macht- und Ausnahmestellung in der Kirche erwuchs, den J. unter der nicht jesuitischen Geistlichkeit und den alten Mönchsorden viele Gegner erweckte. So erklärte die Universität zu Paris den ganzen Orden für unnütz, und als es demselben 1562 gleichwohl gelang, in Frankreich festen Fuß zu fassen, mußte er auf den Gebrauch seiner meisten Freiheiten verzichten. Nachdem die J. sich schon in Portugal unter den Königen Johann III. und Sebastian in politische Händel gemischt hatten und nach des letztern Tode die Hauptursache gewesen waren, daß dieses Reich der spanischen Krone überliefert wurde, gerieten sie auch in Verdacht, in Frankreich an der Ermordung Heinrichs III. teilgenommen zu haben. Wegen des Mordversuchs ihres Schülers Châtel auf Heinrich IV. wurden sie 1594 feierlich aus Frankreich verbannt, allein schon 1603 gestattete ihnen derselbe König wieder die Rückkehr. Der Teilnahme an der Ermordung desselben durch Ravaillac konnte man sie nicht überführen; das Buch des Jesuiten Mariana, welches den Fürstenmord verteidigt, halfen sie selbst mit verdammen, und durch Schmeicheleien gegen die Höfe sowie vorzüglich durch eine raffinierte, auf die Schwächen der Vornehmen berechnete beichtväterliche Praxis wußten sie sich in dem Besitz der Macht zu erhalten. So beherrschten sie vom Beichtstuhl aus nicht bloß die Bourbonen bis auf Ludwig XV., sondern errangen womöglich noch größere Erfolge in Deutschland, wo die Kaiser Ferdinand II. und Ferdinand III. ganz unter ihrem Einfluß standen, und wo sie im Dreißigjährigen Krieg die Seele der Liga waren. Durch den Pater Lamormain wurde der Sturz Wallensteins herbeigeführt und das schwankende Bayern in der Bundesgenossenschaft mit Österreich erhalten. Unterdessen traf sie in Frankreich ein empfindlicher Schlag durch den Jansenismus (s. Jansen 1). Beschuldigungen wurden gegen sie laut, die sie nicht widerlegen konnten; die in den "Lettres provinciales" von Pascal gegen sie erhobenen Anklagen waren das Signal zum Sturm. Man tadelte laut ihr theatralisches Unterrichtswesen, die Seichtigkeit ihrer Lehrart, die kasuistische Gewis-^[folgende Seite]