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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jesuiten

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Jesuiten (Aufhebung und Wiederherstellung des Ordens).

senlosigkeit ihrer Moral, und die Roheit ihres Ordensegoismus wurde in Sciotis "Monarchia solipsorum" gegeißelt. Dazu kamen die unsittlichen Mittel, welche sie bei ihren Heidenbekehrungen anwandten, ihre Unverträglichkeit gegenüber den übrigen Missionären, die offene Widersetzlichkeit, die sie aus der Ferne, in Amerika, China, Indien, sogar dem römischen Stuhl gegenüber entfalteten, der Handelsgeist, der ihre Unternehmungen charakterisierte, teilweise auch ihr anstößiger Lebenswandel. Aus einigen italienischen Städten wurden sie wegen verbotenen Umganges mit dem weiblichen Geschlecht fortgewiesen. Ihre Gewinnsucht aber trat am unverhohlensten an ihren Missionsplätzen hervor, indem sie daselbst zu ihrer Bereicherung nicht bloß die Triebfedern der Spekulation, sondern auch der Überlistung in Bewegung setzten. Als sie von ihrem Staat in Paraguay infolge eines Tauschvertrags, den Spanien mit Portugal 1750 schloß, sieben Pfarreien an letzteres abgeben sollten, leisteten die Eingebornen unter der Anführung der J. den Portugiesen bewaffneten Widerstand. Infolgedessen wurde gegen die J. eine peinliche Untersuchung eingeleitet. Noch war diese nicht geschlossen, als 1758 ein Attentat auf den König Joseph I. geschah. Da der Minister Pombal eine Mitschuld der J. hieran als sehr wahrscheinlich hinstellte, so wurde ihr Orden 3. Sept. 1759 durch ein königliches Edikt in Portugal aufgehoben, die Mitglieder in Schiffe gepackt und an den Küsten des Kirchenstaats ausgesetzt. Dies war der Anfang der Katastrophe. Es zählte der Orden damals 22,589 Mitglieder aller Grade, darunter die Hälfte geweihte Priester, 24 Profeßhäuser, 669 Kollegien, 176 Seminare, 61 Noviziate, 335 Residenzen und 273 Missionen.

Der Sturz der J. in Frankreich wurde besonders durch ihren Handel, welchen sie trotz aller Abmahnungen seitens des Papstes fortführten, sowie durch die Ungunst, in welcher sie beim Minister Choiseul-Amboise und bei der Marquise Pompadour standen, herbeigeführt. Der Pater Lavalette hatte nämlich 1743 unter dem Vorgeben einer Mission zu Martinique ein Handelshaus gegründet, welches den Handel fast aller benachbarten westindischen Inseln an sich zog; als zwei Schiffe, welche er an das Handelshaus Lioncy zu Marseille an Zahlungs Statt gesandt hatte, unterwegs von den Engländern gekapert wurden und Lavalette sich weigerte, Ersatz zu leisten, wurde vom Haus Lioncy ein Prozeß gegen die J. anhängig gemacht, welcher sie nicht nur zur Leistung des Schadenersatzes verurteilte, sondern auch sonstige Mißbräuche derselben ans Tageslicht förderte. Sie wurden zur Abänderung ihrer Ordensstatuten angehalten; allein ihr derzeitiger General, Lorenz Ricci, erklärte: "Sint, ut sunt, aut non sint". Daher wurde der Orden in Frankreich 1764 durch ein königliches Dekret aufgehoben. Darauf erfolgte 1767 auch die Verbannung der J. aus Spanien, wo der Minister Aranda ihrer 5000 in einer Nacht verhaften und nach dem Kirchenstaat abführen ließ. Aus Neapel vertrieb sie der Staatsmann Tanucci; auch aus Parma mußte der Orden weichen, bis ihn endlich der Papst Clemens XIV. 21. Juli 1773 in seiner Bulle "Dominus ac redemptor" gänzlich aufhob. Jetzt kam es auch in Österreich und im katholischen Deutschland zur Aufhebung des Ordens. Mit Ausnahme von Spanien und Portugal verfuhr man jedoch allenthalben ziemlich gelind gegen die J., verwilligte ihnen Jahresgehalte von ihren eingezogenen Gütern und forderte bloß, das ^[richtig: daß] sie sich unter die Aufsicht eines Bischofs stellen oder andern Orden anschließen sollten. Friedrich II. von Preußen ließ sie sogar unter dem Namen von Priestern am königlichen Schulinstitut unterrichten, und nur das Tragen ihrer Ordenskleider war ihnen im preußischen Staat verboten. Aus Rußland waren sie zwar schon 1719 durch Peter d. Gr. verbannt worden, allein durch die Einverleibung des östlichen Teils von Polen fanden sie wieder Eingang und wurden nach der Auflösung des Ordens nicht nur geduldet, sondern erhielten 1782 sogar die Erlaubnis, sich einen Generalvikar zu wählen. Papst Pius VI., Nachfolger des jesuitenfeindlichen Clemens XIV., schenkte ihnen seine Gunst und beförderte die Exjesuiten zu wichtigen Stellen. Dieselben standen besonders mit den Liguorianern oder Redemptoristen (s. d.) in intimen Beziehungen. Auch die Paccanaristen (s. d.) bildeten eine Zeitlang Ersatz für den Jesuitenorden. Der Plan, sich 1787 unter dem Namen Vinzentiner wieder aufzuthun, scheiterte. Dagegen bestätigte Pius VII. 1801 ihren Orden in Weißrußland und Litauen, wo er unter dem Generalvikar Gruber sich von politischer Wirksamkeit fern hielt, und drei Jahre nachher stellte der Papst den Orden auch in Sizilien wieder her. Das Jahr 1811 brachte die Bestätigung des Ordens für ganz Rußland.

Am 7. Aug. 1814 verfügte endlich die Bulle Pius' VII.: "Sollicitudo omnium ecclesiarum" die allgemeine Wiederherstellung des Jesuitenordens. Am 11. Nov. 1814 erfolgte in Rom die feierliche Wiedereröffnung ihres Noviziats. Überall fanden die J. um so bereitwilliger Aufnahme, als man im Orden einen Bundesgenossen gegen den Geist der Revolution erblickte. In Modena erhielten sie 1815 ein Kollegium eingeräumt, und gleichzeitig fand ihre Restitution in Sardinien, Neapel und Spanien statt. In letzterm Land hatte zwar die liberale Bewegung im März 1820 ihre abermalige Vertreibung, die Herstellung des Absolutismus 1823 aber auch ihre Rückkehr zur Folge. Abermals wurde der Orden 1835 und 1868 in Spanien verboten. Portugal aber beharrte bei seinem Ausweisungsbeschluß vom 3. Sept. 1759. Dom Miguel stellte zwar durch Dekret vom 30. Aug. 1832 die Gesellschaft Jesu wieder her; Dom Pedro aber erklärte, nachdem er 23. Juli 1833 in Lissabon eingezogen, jenes Dekret für ungültig, worauf die J. das Land verlassen mußten. Dessenungeachtet haben sie sich später in Lissabon und in andern Städten der Pyrenäischen Halbinsel wieder eingenistet. In Frankreich gewährte ihnen selbst die Restauration bloß Duldung, und infolge der Julirevolution wurde der Orden für alle Zeiten aufgehoben. Gleichwohl bestanden sie auch unter Ludwig Philipp mehr oder weniger offen fort. Ihre beiden Provinzen waren Lyon und Francia (Paris). Letztere zählte Residenzen in Paris, St.-Acheul, Angers, Straßburg, Brugelette (unweit Mons auf belgischem Gebiet), Bourges, Quimper, Metz, Laval, Vannes, Nantes, Liesse bei Laon, Lille, Rouen, Poitiers, Isenheim im Elsaß, eine Mission in China und vier Missionen in Amerika; erstere die Residenzen Lyon, Bordeaux, Aix, Avignon, Ladoulesc, Dôle, Grenoble, Toulouse, Marseille, Chartres und Vals sowie Missionen in Afrika, Syrien und Indien. Das Gesamtpersonal dieser beiden Provinzen betrug 1. Juli 1845: 351 Priester, 202 Scholaren und 182 Laienbrüder. Zwar wurden die französischen J. infolge der Kammerverhandlungen von 1845 unter Auflösung der Kollegien in die Kategorie des ordentlichen Klerus zurückgeführt und unter die Autorität der Bischöfe und Pfarrgeistlichen gestellt; allein ihr Einfluß trat besonders unter Napoleon III.