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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jesuiten

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Jesuiten (wachsender Einfluß des Jesuitismus in der Gegenwart).

wieder im gleichen Verhältnis mit der wachsenden Macht des Klerus hervor. Bei ihrer Austreibung 1880 betrug ihre Zahl in Frankreich 2464; sie verfügten über 60 Institute. In Belgien, wo die J. bei der Revolution von 1830 sehr thätig gewesen waren, haben sie seitdem immer größern Einfluß erlangt und fast das ganze Unterrichts- und Erziehungswesen an sich gerissen. Zentralstätte ihrer Wirksamkeit ist die Universität Löwen. In England besitzen sie seit dem Anfang des 19. Jahrh. Kollegien mit Erziehungsanstalten zu Stonyhurst bei Preston in Lancashire und zu Hodderhouse. In Irland errichteten sie seit 1825 Ordenshäuser und Schulen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist ihr Einfluß ebenfalls im Zunehmen begriffen, ebenso in Südamerika trotz wiederholter Verbote und Austreibungen. Ungünstiger gestalten sich die Verhältnisse in Mexiko, wo der Orden 1868 verboten wurde. In Rußland erfolgte, nachdem sie ihrer Umtriebe wegen schon durch Ukas vom 1. Jan. 1817 aus Petersburg und Moskau verwiesen worden, durch Ukas vom 25. März 1820 ihre Aufhebung im ganzen russischen Reich und für immer. Ebenso ist ihr Einfluß in Italien, wo Viktor Emanuel I. von Sardinien sie begünstigte, seit der Umwälzung von 1859 im Sinken begriffen; jetzt sind sie auf Rom beschränkt, seitdem der Orden im gesamten Königreich Italien gesetzlich aufgehoben ist. In der Schweiz fanden sie zuerst im Kanton Freiburg Aufnahme und gründeten schon 1818 daselbst ein Kollegium. Später faßten sie auch in andern Kantonen, namentlich in Luzern, Fuß; doch hatte ihre offizielle Berufung dorthin (Herbst 1844) erst die Gründung des Sonderbundes, dann aber auch den Sonderbundskrieg und damit einen ihnen entschieden ungünstigen Umschwung der gesamten politischen Verhältnisse der Eidgenossenschaft zur Folge. Trotz ihrer Austreibung aus der ganzen Schweiz gibt sich ihr Einfluß aber noch hier und da, namentlich im Kanton Freiburg, kund. In Deutschland fanden sie Aufnahme zunächst in Innsbruck, Graz und Linz und für einige Zeit auch in Anhalt-Köthen, als dessen Fürst zum katholischen Glauben übertrat. In Bayern waren sie als Redemptoristen geduldet und unter dem Ministerium Abel entschieden begünstigt; unter demselben Namen hatten sie auch in Österreich Erziehungsanstalten gründen dürfen. Die politische Reaktion nach 1848, in Verbindung mit der eintretenden Abspannung, welche der revolutionären Aufregung folgte, war der Gesellschaft Jesu so günstig, daß sie durch Missionen und durch die geflissentliche Hervorhebung ihres die Revolution bekämpfenden Wirkens ihren Einfluß selbst über die Grenzen des katholischen Deutschland hinaus geltend gemacht hat. In Österreich hatten die J. bereits 1854 wieder drei Kollegien, und 1857 erhielten sie auch die theologische Fakultät zu Innsbruck übertragen. In Bayern, Preußen und in den Staaten der oberrheinischen Kirchenprovinz haben sie seit 1850 besonders als Reiseprediger (die Patres Roh, Klinkowström u. a.) eine große Thätigkeit entwickelt, und namentlich in der Rheinprovinz und in Westfalen war ihr Einfluß von Jahr zu Jahr in auffälligstem Wachstum begriffen. Aber die goldenen Tage der J. sollten erst in den spätern Zeiten der Regierung Pius' IX. (1846 bis 1878) anbrechen, welcher mit der Zeit ganz unter ihren Einfluß geriet. Neben ihm, dem "weißen Papst", regierten in Rom als "schwarzer Papst" der Jesuitengeneral, Pater Roothaan (1829-53), und sein Nachfolger, Pater Beckx (bis 1884).

In der That hat der Jesuitenorden es im Verlauf der 60er Jahre dahin gebracht, daß er unter, mit und durch Papst Pius IX. sein Prinzip zum herrschenden in der Kirche machen konnte. Die katholische Presse, namentlich die vom Vatikan inspirierte, von J. geschriebene "Civiltà cattolica", läßt keinen Zweifel darüber, daß die herrschende Meinung in der Kirche genau den Ideen Gregors VII. und Bonifacius' VIII. entspricht. Schon 1854 wurde das von den J. gegen die Dominikaner verfochtene Dogma von der unbefleckten Empfängnis der Maria vom Papst kanonisiert. Zehn Jahre später verkündigten Encyklika und Syllabus der erstaunten Welt, daß auch die politischen und kirchenpolitischen Theorien der J. vom heiligen Stuhl acceptiert, der moderne Katholizismus überhaupt fast ganz mit dem Jesuitismus identifiziert werden sollte. Erst die J. haben die ultramontane Theologie aus dem Gebiet der bloßen Spekulation in das praktische Leben zu übertragen und zur äußerlichen Geltung in der Kirche zu bringen gewußt, bis sie endlich 1870 ihr Werk mit der Proklamierung der päpstlichen Unfehlbarkeit krönten. Gleichzeitig bewiesen die von ihnen eingeführten Lehrbücher, wie z. B. die berüchtigte "Moral" vom Pater Gury (s. d.), daß auch noch die alte Unart kasuistischer Verdrehung und Entstellung des Sittengesetzes zu gunsten des Ordensinteresses und der äußerlichen kirchlichen Observanz bei ihnen in vollem Schwange war. Steht es auch buchstäblich in keinem dieser Lehrbücher geschrieben, so faßt man doch den Geist derselben mit Recht in dem Grundsatz zusammen, daß der Zweck die Mittel heilige. Eingekleidet wird dieser Grundsatz in die alte Losung des Ordens, wonach sein letzter Zweck die größere Ehre Gottes ist, sämtliche Mittel, sie zu vergrößern, daher gut sein müssen (omnia in majorem Dei gloriam), was natürlich unter der Voraussetzung zu verstehen ist, daß der Orden allein wisse, was zur größern Ehre Gottes dient. Jedenfalls verzichtet die jesuitische Moraltheologie gänzlich auf das Gesetz, welches die sittliche Natur des Menschen mit sich bringt, und gibt anstatt dessen ein Strafgesetzbuch, in welchem die verschiedenen Gewissensfälle sämtlich spitzfindig erörtert und zu gunsten des kirchlichen Interesses entschieden werden. Ein besonders charakteristischer Zug liegt dabei in dem sogen. Probabilismus, d. h. der Lehre, daß in solchen Fällen, wo das Urteil über eine Sache Gründe für sich wie gegen sich hat, dasjenige ohne Gewissensnot geschehen und als "wahrscheinlich" richtig angenommen werden dürfe, was auch nur einige oder nur ein einzelner angesehener Theolog billigen. Ferner wird jeder Überschreitung innerlicher Moralität dadurch Thür und Thor geöffnet, daß gelehrt wird, der sittliche Charakter jeder einzelnen Handlung werde durch die dabei obwaltende Absicht bestimmt, so daß unter Umständen die Übertretung sämtlicher Gebote gerechtfertigt erscheint (methodus dirigendae intentionis). Endlich wird jede Wahrhaftigkeit des Verkehrs dadurch zerstört, daß bei Eiden, Versprechungen oder Zeugnissen ein geheimer Vorbehalt (reservatio mentalis) und Zweideutigkeit des Ausdrucks als zulässig gelten.

Zu der wachsenden Empörung, welche diese in Predigt, Beichtstuhl und Jugendunterricht verbreiteten Grundsätze allmählich hervorriefen, trat nun aber seit 1871 ein politischer Gesichtspunkt, welcher in den J. eine Gefahr für das neue Deutsche Reich erkennen ließ. Dem Jesuitismus erschien dasselbe, weil durch das protestantische Preußen entstanden, von vornherein als ein Gegenstand des Abscheus und der entschiedenen Bekämpfung. Schon gegen den Norddeut-^[folgende Seite]