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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jesus Christus

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Jesus Christus (Bruch mit dem mosaischen Gesetz).

thaten werden erlebt, wo sein Wort empfänglichen Boden findet. Wenn gerade solche Vorkommnisse von der Berichterstattung mit Vorliebe erfaßt und je länger, desto sagenhafter durchgebildet werden, so ist doch nicht zu übersehen, daß derselbe wundersüchtige Trieb schon im geschichtlichen Leben Jesu selbst wirksam war und bald nach dem ersten Auftreten Jesu ihm trotz seiner abweisenden Erklärung (Matth. 16, 4; Mark. 8, 12) selbst fortwährend neuere und größere Wunder ab- und ansah, zumutete und aufdrang (s. Evangelium).

Was aber die geschichtliche Beurteilung dieser Elemente im Leben Jesu betrifft, so ist alles gesagt, wenn man liest, daß solche "Wunder" geschahen, selbst ohne daß Jesus sie beabsichtigte (Mark. 5, 25 f.); daß er selbst in solchem Fall ebenso bescheiden wie wahr spricht: "Dein Glaube hat dir geholfen" (Mark. 5, 34); daß dagegen, wo er keinen Glauben fand, auch die Erfolge ausblieben, zum Teil zu seiner eignen Verwunderung (Mark. 6, 5. 6). Er selbst hatte es auf eine Wirksamkeit durch das Wort abgesehen, das "Zeichen des Propheten Jonas", welches hingereicht hatte, die Niniviten zur Umkehr zu bewegen. "Gottesreich, Vater und Menschensohn" - um das Dreigestirn dieser Grundbegriffe bewegte sich fortwährend der Himmel seiner religiösen Gedankenwelt. Daß er dabei, um sein persönliches Sohnsbewußtsein zum Ausdruck zu bringen, gerade den dunkeln und vielgedeuteten Ausdruck "Menschensohn" (s. d.) wählte, beruht natürlich keineswegs auf einer Unterscheidung, welche er selbst etwa im Sinn der Kirchenlehre zwischen seiner menschlichen und seiner göttlichen Natur getroffen hätte, sondern der gewählte Ausdruck deutet irgendwie die menschheitliche Wendung an, welche der jüdisch-partikularistische Messiasbegriff in seinem Mund annehmen sollte. Im Sinn des wahrhaft menschheitlichen Elements, welches er z. B. Mark. 2, 28, wo er als Vertreter aller Rechte und Würde des Menschen erscheint, betont, faßte er seine Messianität auf, ohne dieselbe darüber im geringsten abzulösen von dem volkstümlichen Lebensgrund der alttestamentlichen und jüdischen Vorstellungswelt, welche vielmehr so sehr auch den Rahmen seiner eignen Vorstellungen bildete, daß er die Tragweite seiner eignen Wirksamkeit sowie diejenige seiner Jünger zunächst nicht über die Grenzen des Volkes Israel ausgedehnt dachte (Matth. 10, 5. 6. 23; 15, 24).

Die Anerkennung, daß das messianische Heil unmittelbar auch für die Heiden bestimmt sein könne, ist nachweisbar von ihm selbst erst mit Deutlichkeit ausgesprochen worden beim Abschied aus Galiläa (Luk. 13, 25-30) und in Jerusalem (Matth. 21, 41. 43). Während der ersten galiläischen Zeit dagegen ist Jesus ganz der echte Sohn seines Volkes, und die im Munde des letztern gebräuchlichen Bezeichnungen der Heiden sind auch ihm selbst nicht fremd geblieben (Matth. 7, 6; 15, 26); auch die weltbürgerlichen Ideen, welche damals durch die Welt gingen, übten keinen nachweisbaren Einfluß auf ihn aus, das römische Staatsleben sowenig wie die griechische Wissenschaft. Erst als der Himmel über seinem galiläischen Paradies anfing, trüber zu werden, als die dunkeln Wolkenschatten der pharisäischen Opposition und hierarchischen Verfolgungssucht darüber hinliefen und auch der Volksanhang anfing, seinen jederzeit zweifelhaften Charakter zu offenbaren, verändert sich allmählich die Stellung Jesu. Zwei Reiseunternehmungen, die Jesus von Kapernaum, seinem gewöhnlichen Aufenthalt, nach Osten und nach Westen unternahm, fanden ein unerwartet rasches Ende, indem die Bewohner des östlichen Seeufers sich seine Anwesenheit verbaten, die Einwohner von Nazareth dagegen, denen er als treuer Mitbürger die Zeichen der Zeit zu deuten sich verpflichtet glaubte, an der ihnen wohlbekannten niedern Herkunft und den das Gewöhnliche nicht übersteigenden Eindrücken, die sie aus seiner Jugend und von seiner Familie bewahrt hatten, Anstoß nahmen. Es begannen die Enttäuschungen, die feindlichen Zusammenstöße, die Rückzüge, wie wir denn in der That Jesum von jetzt an weniger ständig in Kapernaum, öfters dagegen am einsamen Nordufer des Sees, auch wohl in der am Einfluß des Jordans in den See gelegenen Stadt Bethsaida finden. Die Opposition der eigentlichen Führer des Volkes, der pharisäischen Schriftgelehrten und Synagogenvorstände, hatte er hauptsächlich dadurch hervorgerufen, daß er im Sinn einer freien und gesunden, von innen kommenden Sittlichkeit sich über den ganzen unabsehbaren Kranz von Satzungen und Observanzen hinwegsetzte, mit welchen sie das Leben des Menschen auf Schritt und Tritt umgeben und zum mühseligsten Werkdienst herabgewürdigt hatten; daß er ferner trotz aller in der Sache nie verleugneten Pietät gegen das mosaische Gesetz doch dieselbe Kritik unbefangen auch an der gesamten Außenseite desselben übte und namentlich in dem Bewußtsein, daß nicht der Sabbat, sondern der Mensch Selbstzweck sei (Mark. 2, 27), sich freien Geistes von aller Qual und Knechtung lossprach, welche die altheilige, im Lauf der Jahrhunderte nur immer peinlicher gewordene Sabbatsitte mit sich führte; daß er endlich die ganze Art von Sittlichkeit, womit die Pharisäer durch äußerliche Befolgung zahlloser kleinlicher Gebote und Verbote das Heil des messianischen Regiments für das Volk und das ewige Leben für den Einzelnen dem Himmel abzuringen und abzuzwingen gedachten, als ein ungenießbares, mühsames Gebräu, als ebenso fadenscheinigen wie hochmütigen und prunkenden Werkdienst, als einen durchaus zerfetzten und überall durchlöcherten Tugendmantel kennzeichnete, dem gegenüber er sogar die traurige Blöße des seiner Schuld bewußten und nach Vergebung seufzenden, aber auch seinerseits zur Vergebung geneigten Sünders als kostbar und vor Gott wertgehalten bezeichnete. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!" Und das "leichte Joch", das er ihnen anstatt des schweren auflegen will, besteht nicht etwa in einer neuen, verbesserten Auflage des Gesetzes, sondern in der Aneignung des sittlich-religiösen Gehalts seines ganz in der Richtung auf das Reich Gottes aufgehenden Lebens: "Lernet von mir".

Je länger, desto vernehmbarer machen sich daher die Anklagen auf Zöllner- und Sünderfreundschaft, auf Entweihung des Sabbats, auf Bruch der überlieferten Satzungen, aus Widerspruch gegen das Gesetz geltend; es kommt in der Landschaft Genezareth, der eigentlichen Stätte seines bisherigen Wirkens, zu einigen herben Konflikten, infolge deren Jesus endlich im Spätherbst diese Zentralstätte seines Schaffens ganz aufgibt und den Winter über auf Fluchtwegen zubringt, die ihn bald westlich in das Gebiet der heidnischen Städte Tyros und Sidon, bald östlich in die Dekapolis, zuletzt auch nördlich an die Quellen des Kleinen Jordans, in die Nähe der glänzenden Stadt Cäsarea Philippi, führen. Hier richtete er, der bisher fast nur von seinem Werk und Reich, kaum je von seiner Person gesprochen hatte, die entscheidende Frage an den Kreis der Zwölf, die ihm treu geblieben und bis dahin gefolgt waren, und jetzt entrang sich dem Munde des Sprechers derselben, des