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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Judenaffe; Judenbart; Judenbaum; Judenburg

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Judenaffe - Judenburg.

statt; während manche Regierungen (Hessen, Mecklenburg, Preußen) die J. von neuem beschränkten, nahmen ihnen andre (Hannover, Frankfurt, Hamburg) das Bürgerrecht wieder. Der bessere Teil der Bevölkerung und seine Vertreter sind energisch für die J. aufgetreten (Braunschweig, Bayern, Baden, Sachsen, Hannover etc.). Württemberg emanzipierte sie 1828, Kurhessen 1833. Der Hauptvorkämpfer für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen war Gabriel Riesser (s. d.). Die deutschen Grundrechte von 1848 bestimmten, daß der Genuß der bürgerlichen oder staatsbürgerlichen Rechte nicht durch das religiöse Bekenntnis bedingt oder beschränkt sein solle, ein Prinzip, welches durch das nunmehrige Reichsgesetz vom 3. Juli 1869, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung, für Deutschland zur allgemeinen Geltung gelangt ist. Diese Gleichberechtigung sucht eine seit 1874 nach und nach angewachsene, in politischen Versammlungen, Vereinen, unzähligen Broschüren und Flugschriften, in Zeitungen und Witzblättern gepflegte antijüdische Strömung, unwissenschaftlich Antisemitismus genannt, aufzuheben. Diese Bewegung, die den gesunden Kern der deutschen Bevölkerung nicht infiziert hat, hat sich auch andern Ländern mitgeteilt, wie die Judenverfolgungen in Rußland und das Drama von Tisza-Eszlar in Ungarn beweisen. Alle zivilisierten Staaten Europas, Amerikas (in Nordamerika wurden sie schon 1783 emanzipiert) haben ihre jüdischen Unterthanen den übrigen Staatsbürgern gleichgestellt oder sind, wie Rußland, wo freilich von den 1882-83 ergriffenen Maßregeln der Regierung nur wenig zu erwarten ist, und die Türkei, noch in diesem Streben begriffen. Rumänien, dessen Israeliten in neuerer Zeit schwer verfolgt wurden, mußte auf dem Berliner Kongreß (1878), um die Anerkennung seiner Selbständigkeit zu erlangen, unter anderm auch seinen jüdischen Unterthanen bürgerliche Gleichberechtigung zugestehen. In den despotisch regierten Ländern Asiens und Afrikas befinden sich die J. noch meist in gedrückter Lage, und Bedrückungen und Exzesse des Pöbels gegen sie sind auch in der neuesten Zeit aus Damaskus (1840), wo sie den Pater Thomas ermordet haben sollten und Crémieux und Montefiore (s. d.) sich für sie verwandten, aus Marokko 1861, in den letzten Jahren aus Persien zu verzeichnen.

Mit der Hebung der äußern entwickelten sich auch die innern Verhältnisse der J., das Gemeindeleben, das Schulwesen und die jüdische Wissenschaft (s. Jüdische Litteratur). Zu erwähnen sind die von dem Präsidenten des westfälischen jüdischen Konsistoriums zu Kassel, Israel Jacobson, gegründete Jacobsonschule zu Seesen, die frühere Franzschule zu Dessau, das Philanthropin zu Frankfurt a. M., die einstige Freischule zu Berlin, die Samsonschule zu Wolfenbüttel, die Wilhelmschule zu Breslau u. a. Für die Ausbildung von Lehrern sind Seminare (Münster, Kassel, Hannover, Berlin u. a. O.), für die von Rabbinern Hochschulen (Breslau: Rabbinerseminar Fränkelscher Stiftung, Berlin: Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und das Rabbinerseminar orthodoxer Richtung, Budapest, Wien: Beth ha Midrasch, Cincinnati, New York u. a. O.) thätig. Bedrückter Glaubensgenossen nehmen sich humane Vereine an, wie die Alliance Israélite (s. d.) u. a. Vgl. Judentum.

Die Gesamtzahl der J. in allen fünf Erdteilen beziffert sich gegenwärtig auf 8 Mill., wovon ca. 500,000 in Afrika und 750,000 in Asien leben. Über ihre Verbreitung in Europa, dem asiatischen Rußland u. Amerika gibt nachstehende Übersicht, mit Angabe des prozentualen Anteils an der Bevölkerung, Auskunft:

Proz.

Europ. Rußland 2797880 3,20

(in Polen 815433) 11

Kaukasien 22732 0,35

Sibirien 11941 0,29

Rumänien 400000 7,41

Europ. Türkei 75295 0,47

(Bulgarien 14342) 0,71

(Ostrumelien 6982) 0,72

(Bosnien 5805) 0,43

Griechenland 5792 0,29

Serbien 4000 0,20

Spanien, Portugal (?) 2500 0,01

Frankreich 49439 0,13

Italien 38000 0,13

Österreich-Ung. 1643708 4,34

(in Ungarn etc. 638314) 4,06

Deutschland 566000 1,21

Schweiz 7373 0,26

Niederlande 81693 1,88

Luxemburg 866 0,41

Belgien 3000 0,05

Großbritannien 46000 0,13

Dänemark 3946 0,20

Schweden 2993 0,06

Norwegen 34 -

Nordamerika (?) 150000 0,30

Kanada 2392 0,05

Weitere Angaben über ihre Dichtigkeit enthält unsere statistische Übersicht beim Artikel "Bevölkerung", mit Karte über ihre Verteilung im Deutschen Reich, wo ihre Zunahme 1871-85: 54,000 (9,5 Proz.) betrug, s. Deutschland, S. 817 (mit Karte).

[Litteratur.] Außer den im Artikel "Jüdische Litteratur" verzeichneten ältern Geschichtswerken jüdischer Autoren sind aus neuerer Zeit zu nennen: H. Ewald, Geschichte des Volkes Israel (bis Bar-Kochba, 3. Aufl., Götting. 1864-68, 7 Bde.); C. v. Lengerke, Kenáan, Volks- u. Religionsgeschichte Israels (Königsb. 1844); K. A. Menzel, Staats- und Religionsgeschichte der Königreiche Israel und Juda (Leipz. 1853); Seinecke, Geschichte des Volkes Israel (Götting. 1876-84, Bd. 1 u. 2); Wellhausen, Prolegomena zur Geschichte Israels (2. Ausg. der Geschichte Israels, Berl. 1883 ff.); Stade, Geschichte des Volkes Israel (das. 1881-84); Herzfeld, Geschichte des Volkes Israel (Braunschw. 1847-57, 3 Bde.); Jost, Geschichte der Israeliten (Berl. 1820-29, 9 Bde.); Derselbe, Geschichte des Judentums und seiner Sekten (Leipz. 1857-59, 3 Bde.); Depping, Les juifs dans le moyen-âge (2. Aufl., Par. 1844; deutsch, Stuttg. 1834); Grätz, Geschichte der J. (Leipz. 1853-70, 11 Bde.); Stobbe, Die J. in Deutschland während des Mittelalters (Braunschw. 1866); Kayserling, Geschichte der J. in Spanien und Portugal (Berl. 1861-67, 2 Bde.); D. Cassel, Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Litteratur (Leipz. 1878); Bäck, Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Litteratur (Lissa 1878); Goldschmidt, Geschichte der J. in England (Berl. 1886 ff.); Herzfeld, Handelsgeschichte der J. des Altertums (Braunschweig 1878); Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der J. (Wien 1880-1884, Bd. 1 u. 2); Andree, Zur Volkskunde der J. (Leipz. 1881); reiches Material in den Werken von Zunz und Steinschneider. Eine "Zeitschrift für die Geschichte der J. in Deutschland" gibt L. Geiger heraus (Braunschw. 1886 ff.).

Judenaffe, s. Schweifaffe.

Judenbart, s. Saxifraga.

Judenbaum, s. v. w. Cercis Siliquastrum.

Judenburg, alte Stadt in Steiermark, hoch am rechten Murufer, 734 m ü. M. und an der Rudolfsbahn gelegen, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, hat ein Schloß (jetzt Amtsgebäude), mehrere Kirchen, am Platz den sogen. Römerturm, 1509 erbaut, mit eingemauerten Römersteinen und gotischem Portal, eine Sparkasse, eine Wasserleitung und (1880) 4039 Einw. J. ist ein Zentralpunkt des obersteirischen Berg- und Hüttenbetriebs; in der Stadt selbst befinden sich ein Eisenwalzwerk, ein Kupfer- und ein Sensenhammer, in