Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jüdische Litteratur

295

Jüdische Litteratur (bis zum 2. Jahrhundert n. Chr.).

Die jüdische Religion, die ihren Ausdruck in der hebräischen Litteratur gefunden und, durch Erläuterungen und Zusätze erweitert, sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, bildet auch die Grundlage der jüdischen Litteratur. Diese wurzelt demnach in der hebräischen, nimmt aber in allen Ländern zu der überkommenen eignen Gelehrsamkeit noch fremdes Wissen auf, so z. B. persische Religionsbegriffe, griechische Philosophie, römisches Recht, arabische Dichtkunst, mittelalterliche Scholastik und europäische Wissenschaft. Außer den Schriften, die sich speziell die Erforschung, Förderung und Begründung des Judentums zur Aufgabe stellen, rechnet man zur jüdischen Litteratur auch alle die zahlreichen Werke, die vorwiegend in hebräischer und neuhebräischer Sprache, dann aber auch in allen Sprachen der Erde verfaßt sind und alle Zweige menschlichen Wissens umfassen, sobald in ihnen nur Beziehungen zum Judentum erkennbar sind. Zur bequemern Übersicht teilen wir die Geschichte der jüdischen Litteratur in sechs Abschnitte.

Erster bis dritter Abschnitt (alte Zeit).

Der erste Abschnitt reicht von Esra, dem Regenerator des mosaisch-prophetischen Judentums, bis zu R. Jochanan ben Sakkai, dem Begründer des Rabbinismus. Der Schriftkundige (Sofer) Esra begann die Sammlung des hebräischen Schrifttums, vollzog die Umschreibung des Pentateuchs aus den althebräischen (samaritanischen) Schriftcharakteren in die Quadratschrift, schmückte die Liturgie mit Vorlesungen aus und eröffnete gewissermaßen die Quellen des Midrasch (s. d.). Dieser Thätigkeit schloß sich eine aus 120 Gelehrten bestehende große Versammlung, "Synagoga magna" (hebräisch K'nesset hagedola) genannt, an, das Gesetz lehrend und durch besondere Vorschriften und Vorbeugungsverordnungen die mosaischen Gesetze schützend. Sie legte den Grund zur Gebetordnung und sammelte die biblischen Schriften. Das Hebräische blieb vorläufig die Sprache der Gelehrten; das Volk sprach aramäisch, bis von der Syrerherrschaft an das Griechische überall herrschte. Aus der vormakkabäischen Zeit sind nur einige in Palästina verfaßte apokryphische Bücher (s. Apokryphen) bekannt. Doch fehlte es in Palästina nicht an geistigen Vertretern, welche den Kampf gegen den Hellenismus, mit dem sich die Juden Ägyptens befreundet hatten, aufnahmen und durchführten. Die Träger der Gesetzesüberlieferung wurden die Präsidenten des Synedrions (s. d.). Schon mit dem Tode der ersten Synedralhäupter Jose ben Joeser und Jose ben Jochanan hörten politischer Rücksichten wegen die öffentlichen Lehrvorträge auf, nicht aber das Studium, das in weitern Kreisen gepflegt wurde durch die Präsidenten Jose ben Perachja, Nittai aus Arbela, Schmaja und Abtalion, die Zeitgenossen Alexander Jannais, Juda ben Tabbai und Simon ben Schetach, die Zeitgenossen Herodes', Hillel und Schammai. Im Widerstreit der religiösen Parteiungen (Pharisäer und Sadduzäer) erstarkte durch Pharisäismus das tradierte Gesetz, für dessen Auslegung Hillel sieben feste Regeln aufgestellt hatte. Am Schluß dieses Zeitraums, im ersten vorchristlichen Jahrhundert, nahm die Deutung und praktische Anwendung des Gesetzes festere Formen an. Die Halacha (s. d.) normierte die gesetzlichen Bestimmungen, und die Haggada (s. d.) erweiterte die vorhandene Litteratur nach erbaulichen ethischen, geschichtlichen und sozusagen wissenschaftlichen Motiven. Die Gelehrtensprache bildete sich zur neuhebräischen oder rabbinischen (s. Hebräische Sprache); zu den Pentateuchvorlesungen in der Synagoge kamen der Vortrag des prophetischen Schlußabschnitts (Haftara, s. d.), belehrende Vorträge und die Übersetzung, resp. Paraphrase des Bibeltextes (Targum, s. d.). Philosophie und wissenschaftliches Studium wollten in Palästina nicht gedeihen; die dem jüdischen Kalenderwesen zu Grunde liegenden Beobachtungen sind der griechischen Astronomie entnommene Regeln.

Der zweite Abschnitt führt uns die jüdisch-hellenistische Litteratur vor, welche von der mächtigen, seit Alexanders d. Gr. Siegeszügen entstandenen Kulturströmung gekennzeichnet wird, meist einen apologetischen Charakter trägt, ältere historische Stoffe poetisch bearbeitet und das Judentum philosophisch begründet. Ihr Schauplatz ist hauptsächlich Ägypten, zum geringen Teil auch Palästina. Der Septuaginta (s. d.) wurden die Apokryphen (s. d.), von denen einzelne Teile in Palästina geschrieben sind, einverleibt. Was nicht Aufnahme fand, ist nur noch in Fragmenten vorhanden und aus Citaten bei den Kirchenvätern bekannt. Aristobulos aus Paneas schrieb für den König Philometor (181-146) eine philosophische "Erläuterung der Gesetze", Eupolemos, Artapan, Demetrios, Aristäos, Kleodemos und Malchos verquicken althebräische Sage und Geschichte mit griechischer Mythologie; Ezechiel dichtete ein Trauerspiel: "Der Auszug aus Ägypten", Philo der ältere ein Gedicht: "Jerusalem", und Jason aus Kyrene schilderte in 5 Büchern den Makkabäerkampf (ein Auszug ist das 2. Buch der Makkabäer). Den bedeutendsten Vertreter hat die jüdische Wissenschaft in Alexandria an dem sprachgewandten, scharfsinnigen Philosophen Philo (s. d.). In griechischer Sprache schrieb auch der Geschichtschreiber Josephus (s. d.); von seinen hebräischen Schriften ist uns nichts bekannt.

Der dritte Abschnitt umfaßt die als talmudische Litteratur bekannten litterarischen Erzeugnisse. Die Errichtung eines Lehrhauses in Jamnia bei Jerusalem durch R. Jochanan ben Saktai war eine That von tief eingreifender Bedeutung. R. Jochanan lehrte die Juden auf politisches Wirken verzichten und ihre Aufgabe in der Erhaltung des Judentums erkennen, in der Weiterbildung des gesetzlichen Stoffes, wie er in der biblischen Litteratur und in der Tradition vorlag. Dieser Traditionsstoff, von der Hillelschen Schule in knappe sachgemäße Sätze gebracht, hieß Mischna (zweite Lehre) im Gegensatz zur Bibel (Mikra); die Lehrer und Ausarbeiter der Mischna hießen Tannaim. Bedeutende Gesetzlehrer dieser Zeit sind die vorzüglichsten Schüler Jochanans: Elieser ben Hyrkanos, später Lehrhausvorsteher in Lydda, Josua ben Chananja, welcher sein Lehrhaus in Bekiin hatte, Josua Hakohen, Simon ben Netanael und Elasar ben Arach. Nach R. Jochanan ben Sakkai übernahm R. Gamliel die Präsidentschaft des Synedrions in Jabne, stellte die Gebet- und Kalenderordnung fest und regte, ein Freund der griechischen Sprache, vermutlich die Bibelübersetzung Akylas', eines jüdischen Proselyten aus Pontos, an. Gamliels Zeitgenossen sind: Elieser ben Asarja, Samuel der Kleine, Jochanan ben Nuri, Jochanan ben Beroka, Chalafta in Sepphoris. Der bedeutendste in der Reihe der Tannaim war der tiefgelehrte, schöpferische R. Akiba, Schüler Eliesers ben Hyrkanos und Nachums von Gimso, dem Lehrhaus in Bnebrak ^[richtig: Bne brak] vorstehend. Seine nicht aufgeschriebenen Halachot sind als "Mischna des R. Akiba" bekannt und waren grundlegend für die eigentliche Mischna. Damals lehrten Tarfon oder Tryphon in Jabne und Lydda, Ismael, 13 Auslegungsregeln der Halacha einführend, und zu dem spätern halachi-^[folgende Seite]