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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jugendschriften; Jugendwehren

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Jugendschriften - Jugendwehren.

hervor. Während der Grundton dieser Schriften der sittlich ehrenwerte, aber nüchterne und oft kleinlich lehrhafte des damaligen Rationalismus ist, versuchte Herder (1744-1803) in seinen "Palmblättern" (mit Liebeskind, 1787-1800) der Jugendlitteratur ein edleres, mehr auf Phantasie und Gemüt wirkendes Gepräge zu geben. Noch stärker betonte die christliche Grundansicht in seinen J. der Erfurter Geistliche K. Fr. Lossius (1735-1817), dessen "Gumal und Lina", die Geschichte einer Art Missionsstation unter den Heiden enthaltend, sich noch bis heute hier und da behauptet hat. Aus der folgenden Generation sind der protestantische Österreicher J. ^[Jakob] Glatz (1767-1831), die Preußen J. A. Ch. ^[Johann Andreas Christian] Löhr (1764-1823), F. Ph. Wilmsen (1770-1821) und der berühmte Thüringer Philolog Fr. Jacobs (1764-1847) hervorzuheben.

In eine neue, vorwiegend auf das religiöse Leben gerichtete Bahn lenkte die Jugendschriftstellerei Christoph v. Schmid (1768-1854), zuletzt Domherr in Augsburg, der liebens- und ehrwürdige Verfasser der "Ostereier" und noch etwa 60 andrer Erzählungen, dem auf protestantischer Seite die Theologen F. A. Krummacher (1768-1845), K. Stöber (gest. 1865), Chr. G. Barth (1799-1862) und der theosophische Naturforscher G. H. v. Schubert (1780 bis 1860) folgten. Bis an die Gegenwart und teilweise in dieselbe reichen dann deren Epigonen G. Nieritz (1795-1876), Franz Hoffmann (1814-82), beide mehr durch Fruchtbarkeit und liebenswürdige Breite als durch Kraft und Frische ausgezeichnet, Fr. Wiedemann (1821-82) und R. Baron (geb. 1809). Auch schriftstellernde Frauen, denen auf diesem Gebiet am wenigsten ihr Recht streitig gemacht werden kann, haben sich mit günstigem Erfolg an der litterarischen Versorgung der Jugend beteiligt, wie die Württembergerin Ottilie Wildermuth (1817-77) und Thekla v. Gumpert (Frau v. Schober, geb. 1810), die letztere Herausgeberin des verbreiteten "Töchteralbums" (Glogau, seit 1855). In der unmittelbaren Gegenwart ergießt sich der Strom der in der Art dieser Vorgänger und Vorgängerinnen erdichteten Erzählungen für die Jugend immer breiter, Gutes und Schlechtes mit sich führend. Auch kann manches aus der volkstümlichen Erzählungslitteratur, wie die meisten Schriften von W. O. v. Horn (Örtel, 1798-1865), ebensogut zur Jugendlitteratur gerechnet werden. Horn unterscheidet sich anderseits dadurch von den meisten der früher genannten Schriftsteller, daß er mit Vorliebe geschichtliche Heldengestalten oder wichtige historische Thatsachen in gemeinfaßlicher Weise darstellt. Er bildet darin den Übergang zu einer andern Gruppe von Jugendschriftstellern, die es vorzogen, der jungen Welt statt der eignen Dichtungen altbewährte Stoffe aus Sage und Geschichte vorzusetzen. Mit "Erzählungen aus der alten Welt" (1801-1803; 17. Aufl. von Masius, Halle 1881) ging der bekannte Geschichtschreiber K. Fr. Becker (1777-1806) voran; G. Schwab (1792-1850) folgte mit den "Schönsten Sagen des klassischen Altertums" (Stuttg. 1840, 3 Bde.; 14. Aufl. 1882). Durch die Brüder Grimm, deren eigne berühmte Märchensammlung mehr für die Mütter als für die Kinder bestimmt ist, wurde die Aufmerksamkeit auch auf den deutschen Sagenschatz gelenkt und dieser durch Simrock (1802-76), Osterwald (1820-87), Ferdinand Schmidt (geb. 1816) u. a. für die deutsche Jugend flüssig gemacht. Besondere Anerkennung verdient es, daß neuerdings mit Vorliebe die Heldengestalten der vaterländischen Geschichte dem jungen Volk durch gute, auf wissenschaftlicher Grundlage ruhende Darstellungen, wie z. B. die "Geschichtsbilder" von E. Ramdohr u. a., nahegebracht werden. Gewichtigen Bedenken unterliegt es, wenn entweder die Geschichte nach Scheffelscher und Freytagscher Art der Jugend in novellistischer Form nahegebracht wird, oder größere historische Romane von anerkanntem Wert, wie Grimmelshausens "Simplicius Simplicissimus", Bulwers "Letzte Tage von Pompeji" oder Manzonis "Verlobte", für junge Leser zugeschnitten werden. Doch ist nicht zu verkennen, daß auch auf diese Weise manches treffliche Buch für jugendliche Leser entstanden ist, wie z. B. unter den Arbeiten von O. Höcker und F. Schmidt sich deren finden. Nimmt man zu dem allen, daß die Ausstattung der J., namentlich mit bildlichem Schmuck, sich im letzten Jahrzehnt wesentlich gehoben hat, und daß neben Sage und Geschichte auch Geographie (Reisebeschreibungen), Naturkunde (wie namentlich Grubes "Naturbilder") etc. nicht vernachlässigt werden, und beachtet man, daß neben der Litteratur der J. auch ein sehr erfreulicher Reichtum an les- und lernbaren wie namentlich an sangbaren Kinderliedern (s. d.) in der deutschen Litteratur des Jahrhunderts sich angesammelt hat, so muß man anerkennen, daß die deutsche Jugendlitteratur im ganzen ihrer Aufgabe erfreulich gerecht wird. Freilich steckt in der unabsehbaren Masse viel Spreu neben dem Weizen, und es verdient dem gegenüber Lob, daß neuerdings auch die Kritik der Jugendlitteratur erwacht ist und namentlich der deutsche Lehrerstand sich bemüht hat, die Eltern in der Auswahl des wahrhaft Guten für ihre Kinder zu beraten. Aus der gleichfalls bereits zu ansehnlichem Umfang angewachsenen Litteratur über die J. vgl. Merget, Geschichte der deutschen Jugendlitteratur (3. Aufl. von Berthold, Berl. 1882); Theden, Führer durch die Jugendlitteratur (Hamb. 1883); Fricke, Grundriß der Geschichte deutscher Jugendlitteratur (Mind. 1886); Lübens regelmäßige Berichte über Jugend- und Volksschriften (im "Pädagogischen Jahresbericht"); Ellendt, Entwurf eines Katalogs für die Schülerbibliotheken höherer Lehranstalten (2. Aufl., Königsb. 1886). Vom katholischen Gesichtspunkt aufgefaßt sind: Fischer, Die Großmacht der Jugend- und Volkslitteratur (2. Aufl., Wien 1877); Rolfus, Verzeichnis ausgewählter J. (2. Aufl., Freiburg 1876). Außerdem haben verschiedene Lehrervereine "Wegweiser" (Dresd. 1881 ff.), "Ratgeber" (Frankf. a. M. 1882 ff.), "Verzeichnisse" (Bresl., evangelisch und katholisch) erscheinen lassen.

Jugendwehren, Versuche einer militärischen Ausbildung der Knaben und Jünglinge vor ihrem kriegsfähigen Alter, als deren Erfolge man sich verspricht, kriegerische Eigenschaften früher zu wecken, die Wehrfähigkeit zu einer wirklich allgemeinen zu machen und die volkswirtschaftlich unproduktivere Dienstzeit im stehenden Heer möglichst zu verkürzen. Wegen ihres besondern Wertes für Milizwehrverfassungen und wegen ihrer Unterstützung durch demokratische, auf allgemeine Volksbewaffnung gerichtete Tendenzen haben sie besonders in der Schweiz Eingang gefunden unter dem Namen von "Kadettenkorps", welche aber nicht, wie unsre deutschen Kadettenanstalten, für die Ausbildung von Berufsoffizieren bestimmt sind. Doch finden sie sich auch dort nur in den größern Städten einiger deutschen Kantone, ohne gesetzlich in die Militärorganisation der Schweiz eingefügt zu sein, und ohne daß die neuern dortigen Verfügungen über die Vorbereitung des Wehrdienstes durch den Schulturnunterricht ihre allgemeinere Einführung erstrebten.