Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Karikieren; Karimata; Kariol; Kariös; Karisches Meer

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Karikieren - Karisches Meer.

burleske Satire in der Poesie. Der Karikaturist kann, wie Hogarth, ganze (moralische oder soziale) Gattungen charakterisieren, wie den Dummen, den Geizigen, den Prahler, den Murrkopf, den Hochmütigen, den Wollüstling, den Spieler etc.; die an verschiedenen Repräsentanten einer Gattung hervortretenden Merkmale, auf das Abbild eines einzigen Individuums gehäuft, machen dasselbe zur K.; umgekehrt wird dagegen das nur an Einem Individuum, sonst nicht wiederkehrende Merkmal, karikiert aufgefaßt, zum Typus einer ganzen Gattung. Für die Komödie, wie überhaupt für die poetische Satire, ist die K. ein notwendiges Element; Kaliban und Falstaff bei Shakespeare, der Don Quichotte des Cervantes, Tartaglia bei Gozzi, der Buffo in der italienischen Opera buffa sind Karikaturen. Schon bei den Alten wurde die K. angewandt. Unter den Italienern zeichneten sich besonders Leonardo da Vinci, unter dessen Namen noch zahlreiche Zeichnungen karikierter Köpfe in den Sammlungen vorhanden sind, und Annibale Carracci als Karikaturisten aus, unter den Franzosen Callot, unter den Engländern Hogarth. Die politische K., eine mächtige Waffe in den Parteikämpfen, ist zuerst in England und Frankreich gepflegt worden, von da aber auch nach allen übrigen Kulturstaaten gekommen und spielt heute eine bedeutende Rolle, namentlich in den Händen der Opposition gegen die Staatsgewalt. In England steht der "Punch" allen Karikaturisten voran, stark hauptsächlich in der persönlichen K., worin sich überhaupt die Engländer hervorthun. Cruikshank ist der bedeutendste auf diesem Gebiet. In Frankreich waren während der großen und nach der Julirevolution Karikaturen (der sich selbst guillotinierende Henker, von Geköpften umgeben, als K. auf die Schreckenszeit; die "Birne" und der "Regenschirm" als K. auf das Bürgerkönigtum) häufig. Der "Charivari" geißelte Modethorheiten, lächerliche Szenen des geselligen Lebens und des Lebens in der Provinz. Gavarni, Grandville und Daumier waren damals die Hauptvertreter der französischen K., in neuerer Zeit Cham und Grévin. Mit der Februarrevolution von 1848 trat die bis dahin durch strenge Gesetze in Schranken gehaltene persönliche K. wieder in den Vordergrund. Ihr verfielen Lamartine, Cavaignac, Ludwig Bonaparte, Proudhon etc. Die ersten deutschen Zerrbilder waren nur Nachdrucke fremder Blätter; erst zur Zeit des Wiener Kongresses wurde die K. auch in Deutschland lebendiger. Besonders war Napoleon I. der Gegenstand derselben. Die Krähwinkeliaden in der Zensurzeit sind von untergeordneter Bedeutung. In den 30er Jahren regte sich die politische K. von neuem. Die Reihe der Karikaturzeitungen eröffnet die Mainzer "Narrhalla" von Kalisch, ein Blatt voll Witz und Laune, jedoch ohne bedeutende karikierende Illustrationen. Seit 1845 erscheinen unter Mitwirkung bedeutender Künstler (besonders Hermann Dycks) die Münchener "Fliegenden Blätter", die "Düsseldorfer Monatshefte", die "Leuchtkugeln" als ziemlich harmlose Karikaturblätter. Die geistreichsten Karikaturen seit der Bewegung von 1848 schuf der Berliner "Kladderadatsch", nach dessen Vorbild bald in allen großen und größern deutschen Städten Karikaturblätter und politische Witzblätter entstanden (in Wien der "Figaro", der "Floh"). Bleibenden Wert aber haben fast nur die Parlamentskarikaturen von Banü und die berühmt gewordenen Zeichnungen von Schrödter zu Detmolds Schrift "Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur konstituierenden Nationalversammlung in Frankfurt a. M." erlangt. Während der Konfliktszeit in Preußen nahm die politische K., deren Spitze sich vornehmlich gegen Bismarck richtete, einen neuen Aufschwung, der sich durch die Kriege von 1866 und 1870 noch steigerte. Namentlich gab letzterer Veranlassung zu einer Hochflut von Karikaturen, die besonders Napoleon III. zum Gegenstand hatten. Eine umfangreiche, alle Länder umfassende Sammlung derselben befindet sich in der königlichen Bibliothek zu Berlin. Auf dem Gebiet der nichtpolitischen K. haben sich in Deutschland in den 60er Jahren besonders Herbert König und L. Löffler, neuerdings neben den Zeichnern der "Fliegenden Blätter" (Harburger, Oberländer, Meggendorfer) besonders W. Busch (s. d. 5) einen Namen gemacht. Vgl. Flögel, Geschichte des Grotesk-Komischen (Liegn. 1778; neue Ausgabe von Ebeling, Leipz. 1886); Champfleury, Histoire générale de la caricature (Par. 1865-80, 5 Bde.; Ergänzungsband 1885); Wright, History of caricature and grotesque (Lond. 1875); J. ^[John] Grand-Carteret, Les mœurs et la caricature en Allemagne, en Autriche, en Suisse (Par. 1885).

Karikieren, etwas als Zerrbild oder Karikatur darstellen; Karikaturist, Karikaturenzeichner.

Karimata, zu Niederländisch-Indien gehörige kleine Inselgruppe an der Südwestküste von Borneo, durch die Karimatastraße von Bangka und Billiton getrennt, besteht aus 100 Inselchen und Riffen mit einem Gesamtareal von 149 qkm (8,7 QM.) und einer Bevölkerung von 500 Menschen. Die Hauptinsel K. erhebt sich über 800 m und zeichnet sich ebenso wie Panambangan und Surutu durch malerische Schönheit aus. Von Metallen sind Eisen, Zinn und Antimon gefunden worden, Hauptprodukte sind aber eßbare Vogelnester, Rotang, wohlriechende Hölzer, Trepang, Schildpatt, Agar-Agar.

Kariol, s. Karriol.

Kariös (lat.), mit Karies (s. d.) behaftet.

Karisches Meer (Karischer Golf), Teil des Nördlichen Eismeers, zwischen Nowaja Semlja, der Insel Waigatsch und dem nordwestlichen Sibirien. Aus dem Karischen Meer führen nach W. u. SW. drei Straßen: Matotschkin Schar, die Karische Straße und die Jugorische Straße (Jugor Schar). Es bildet die Grenzscheide zwischen den europäischen und asiatischen Küsten und hat seinen Namen von dem Fluß Kara, der, vom Ural kommend, sich in dieses Meerbecken ergießt. Seine Ufer sind wüst, mit einer baumlosen Polarflora bewachsen; aber die reiche Fauna lockt jeden Sommer zahlreiche Jäger herbei, die hier fast alle Gattungen von Polartieren finden. Das fast rings von Land eingeschlossene, bis in die neueste Zeit noch sehr wenig bekannte Becken des Karischen Meers ist seit 1860 Gegenstand vielfacher Untersuchungen geworden; namentlich sind die von norwegischen und schwedischen Schiffern (zunächst von E. H. Johannesen, der das Meer 1869 zuerst nach allen Richtungen durchkreuzte, neuerdings von Nordenskjöld) ausgeführten Expeditionen von Bedeutung, da dieselben zur Gewißheit erheben, daß im Karischen Meer, welches man bisher das ganze Jahr hindurch ganz mit Treibeismassen erfüllt glaubte, im Sommer eine fast vollständige Eisschmelze stattfindet und somit einer Schiffahrt auf dem Meer, welche einen Seeweg von Europa nach Sibirien eröffnen würde, während der Sommermonate nur im westlichen Teil, wo das Eis vergeblich einen Ausweg sucht, zeitweilig Hindernisse entgegenstehen. Diese letztern haben das Mißglücken der ältern Nordostfahrten verursacht, sind aber für eine umsichtige und geduldige Schiffsführung keineswegs